18.08.2019 12:30 |

Betrunken? Betäubt?

Ibiza-Aufdecker sicher: Strache wusste, was er tat

Die Diskussion rund um das im Mai erschienene Ibiza-Video wird von zwei Journalisten der „Süddeutschen Zeitung“, die in Zusammenarbeit mit dem „Spiegel“ die berüchtigten Mitschnitte veröffentlicht hatte, neu angeheizt. Frederik Obermaier und Bastian Obermayer widersprechen Ex-FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache, der das Gespräch als angetrunkenen Ausrutscher darstellt, in einem Interview heftig: Tatsächlich hätten Strache und sein damaliger Klubobmann Johann Gudenus knapp sieben Stunden lang Verhandlungen geführt. „Es ging fast die ganze Zeit um das politische Geschäft der FPÖ und das angebliche Geld der Oligarchennichte.“ Das Gespräch hatte demnach durchaus geschäftlichen Charakter und kann nicht - wie von Strache - als „Prahlerei“ vor einer schönen Frau abgetan werden.

Frederik Obermaier und Bastian Obermayer haben ein Buch über die Entstehung ihrer Ibiza-Enthüllung geschrieben, in das sie in einem „profil“-Interview erste Einblicke geben. Die beiden Investigativ-Journalisten versuchen, wie bereits in ersten Statements im Mai, nun ausführlich, Straches und Gudenus‘ Verteidigungsversuche zu entkräften: „Wir machen das auch deswegen, weil uns im Nachgang gestört hat, dass Strache und Gudenus so tun, als hätten sie sich eh nur während der auf Video gezeigten nicht ganz sieben Minuten ein wenig danebenbenommen. Das entspricht schlicht nicht den Tatsachen“, sagt Obermayer. „Strache brachte, ohne dass ihn irgendwer anpiekste, den Vorschlag, man könne der Strabag Staatsaufträge wegnehmen und sie dieser angeblichen Oligarchennichte geben (Anm.: Strache bestreitet diese Aussage). (...) Es ist nicht so, dass man ihn drücken und pressen musste, ehe er dann in seinen schwachen sieben Minuten nachgab.“

„Fast sieben Stunden verhandelt“
Es sei auch kein „privates Gespräch“ gewesen, führt der Journalist weiter aus: „Da wurde nicht stundenlang über Kinder, Fußball oder die schönsten Plätze auf Ibiza geredet, wenn überhaupt. Es ging fast die ganze Zeit um das politische Geschäft der FPÖ und das angebliche Geld der Oligarchennichte. Wer etwa bei der FPÖ die Fäden in der Hand hat, woher Parteien ihre Spenden bekommen, und vor allem: wie man diese Frau dazu bringen kann, dass sie die ,Krone‘ kauft. Tatsächlich haben Strache und Gudenus fast sieben Stunden lang Verhandlungen geführt.“

Außerdem, so die Einschätzung der „SZ“-Reporter, schien sämtlichen Akteuren bewusst gewesen zu sein, dass das Treffen in der Finca gewisse Risiken barg. Obermayer: „Es gab zunächst einen Aperitif und ein Essen auf der Terrasse, dann schlug einer der Lockvögel vor, ins Wohnzimmer zu gehen, weil draußen jemand mithören könnte.“ Nicht zuletzt war Tajana Gudenus, die ihren Mann begleitete, wohl misstrauisch geworden. „Sie saß da, schaute sich um und langweilte sich. Sie sagt irgendwann auch, dass sie andauernd dieselben Fragen und Antworten hört. Und an einer Stelle schaut sie direkt in die Kamera, so als hätte sie etwas entdeckt, ehe sie sich wieder abwendet.“

Der Abend sei schließlich weit fortgeschritten gewesen, beschreibt „profil“ eine weitere Szene, als Strache anscheinend die „schreckliche Idee“ einschoss, die Russin könnte womöglich auch mit Sebastian Kurz und Christian Kern verhandeln, und schlimmstenfalls hätten die dann Zugriff auf die „Krone“. „Die werden ihr alles zusagen“, habe er Gudenus zugeflüstert, der ihn „gleich wieder beruhigt“. Obermaier: „Nach Ibiza gab es mindestens zwei weitere Treffen (Anm: von Gudenus) mit dem Begleiter der angeblichen Oligarchennichte. Und das, obwohl Gudenus doch behauptete, dass ihm auf Ibiza womöglich K.-o.-Tropfen ,eingeflößt‘ worden seien.“

„Was er jetzt macht, ist Nebelkerzen werfen“
Nach Ansicht der Reporter schien aber alles durchaus berechnend. Obermaier betont: „Er (Strache, Anm.) verspricht (in dem Video, Anm.) Staatsaufträge im Gegenzug für Wahlkampfhilfe - niemand drängt ihn dazu. Es ist sein Vorschlag. (...) Er wollte die Russin damals für sich gewinnen und kannte kaum Grenzen. Was er jetzt macht, ist Nebelkerzen werfen.“ Auch Straches Darstellung, die „Russin“ sei ja nur eine Lettin gewesen, sei stark irreführend. Obermaier: „Ich würde sogar sagen: bewusst irreführend. (...) Nach unserem Wissen wurde sie ihm als Nichte eines russischen Oligarchen vorgestellt - die praktischerweise auch einen lettischen EU-Pass habe, was Investitionen einfacher mache.“

Strache habe bewusst - und auch „keinesfalls volltrunken“ - Staatsaufträge im Austausch für Wahlkampfhilfe in Aussicht gestellt. Obermaier: „Das ist, was man gemeinhin Korruption nennt. Und er bietet diese unaufgefordert an, auch kommt er (im Video, Anm.) immer wieder ungefragt auf das Thema zurück. Wenn Strache jetzt - wie jüngst in dem Interview mit einem russischen TV-Sender - sagt, er wäre aufgestanden und gegangen, wenn er Drogen gesehen hätte, dann ist meine Frage: Und als es um Korruption ging, ist er stundenlang sitzen geblieben - das war also kein Problem?“

„Medienlandschaft wie Orban aufbauen“
Unter anderem wird in dem Interview bzw. im Buch auch erklärt, wen Strache und Gudenus für „Schneebrunzer“, „Ärsche“, „Lesben“ oder „falsche Hunde“ halten, welches Land „in seiner Gesamtheit scheiße“ ist und welche Herren „geile Typen“ sind - etwa der mutmaßliche serbische Kriegsverbrecher Zeljko Raznatovic, „russische Freunde“ mit „Kohle ohne Ende“ oder auch der als „Autokrat“ verschriene ungarische Ministerpräsident Viktor Orban: „Inoffiziell ist er mit uns sehr gut, weil er eigentlich die Politik macht, die wir gut finden“, wird etwa Gudenus zitiert. Strache habe sinniert: „Wir wollen eine Medienlandschaft ähnlich wie der Orban aufbauen.“ Außerdem habe Strache mit einer Geste angedeutet, dass dem Monopolisten Casinos Austria „der Hals abgeschnitten“ gehöre.

Das ganze Interview zum Buch „Die Ibiza-Affäre - Innenansicht eines Skandals“, das am 20.8. im Kiwi-Verlag erscheint, können Sie hier nachlesen:

Hacker-Angriffe vor Veröffentlichung
Buch und Interview sind nicht die einzigen Mittel der beiden „SZ“-Redakteure, den Druck in der Causa Ibiza aufrechtzuerhalten und die Beweiskraft des Videos zu stärken. Am Samstag berichteten Obermaier und Obermayer auch in einem Gastbeitrag für den „Standard“ über Details während der Tage vor der Veröffentlichung. Die beiden schreiben von mysteriösen Phishing-Mails und Hacker-Attacken auf die Redaktion der „Süddeutschen“. „Aus dem Nichts“ habe das Handy eines Kollegen etwa gefragt, ob es die Kamera einschalten dürfe - der Kollege habe sofort den Raum verlassen. Bevor schließlich die erste Reaktion von Strache via WhatsApp gekommen sei: „Ich hab angetrunken dummes Zeug geredet, und nichts davon wurde je umgesetzt“, umschreiben die Journalisten die Nachricht in einer Kurzversion.

Eine Strategie, die Strache nach wie vor verfolgt. Offenbar hatten sich die Reporter aber eine andere Reaktion erwartet: Nämlich dass Strache, wie einst Ernst Strasser, behaupten würde: „Ich wusste, dass es eine Falle war, und habe bewusst mitgespielt, um zu sehen, wohin das führt, um es eventuell anzuzeigen.“ Was die Sache wohl komplizierter gemacht hätte.

Ganzes Video zu zeigen, wäre „unverantwortlich“
Ein weiterer Standpunkt des Ex-Vizekanzlers, den er in Anwesenheit seines Rechtsanwaltes jüngst auch in einem ORF-Interview beteuerte, ist, dass er als „Betroffener“ nach wie vor nicht das gesamte Videomaterial (angeblich rund 20 Stunden von verschiedenen Kameras) zur Verfügung habe, um sich ein „Gesamtbild“ zu verschaffen. Das gezeigte Video bestehe aus „aus dem Kontext gerissenen“ Szenen, so der Vorwurf, den sich die Journalisten wohl weiterhin gefallen lassen müssen. Ebenso, dass „Hintermänner“ des Videos weiterhin im Dunkeln stünden. Man habe jene Szenen veröffentlicht, die von „größtmöglichem öffentlichem Interesse“ seien, sagen die Aufdecker jetzt einmal mehr. „Szenen, die wir vielleicht spannend oder bezeichnend finden, können wir damit nicht rechtfertigen. Und es gibt auch Passagen, in denen Strache und Gudenus unbestätigte Gerüchte über Dritte verbreiten. Es wäre unverantwortlich, das in die Öffentlichkeit zu ziehen.“

Martin Kallinger
Martin Kallinger
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