23.08.2019 08:58 |

Klartext

Tesla Model 3: Schlampig und großartig zugleich

Wenn sich jemand als Messias inszeniert, kann das für eine begeisterte Gefolgschaft sorgen, die vieles unkritisch hinnimmt, was eigentlich zum Thema gemacht werden müsste. Im Fall von Tesla-Boss Elon Musk sind das z.B. Arbeitsbedingungen oder auch Brände an Fahrzeugen oder „Autopilot“-Todesopfer unter Tesla-Fahrern. Auch die Fertigungsqualität sogar am neuesten Werk Model 3 ist fragwürdig - und dennoch könnte genau dieses Fahrzeug sogar eingefleischte Tesla-Gegner zu Fans machen.

Wenn man mit mehr als einem flüchtigen Blick auf Teslas Model 3 schaut, sticht richtig ins Auge, wie schlampig die Blechteile zusammengeschustert sind. Da verläuft kaum ein Spalt regelmäßig, Spaltmaße passen nicht, die Teile sind so krumm und schief montiert, wie man es einem klassischen Autohersteller niemals durchgehen lassen würde. Ob das an den Rückspiegeln ist oder an den Stoßfängern, auch das Glasdach hat unsaubere Kanten. Und der Gipfel: Sogar das Logo vorne ist schief. Aber es zahlt sich aus, sich davon nicht abschrecken zu lassen und einzusteigen.

Das Erstaunliche ist: dieser schludrige Eindruck verschwindet, sobald man im Auto sitzt und fährt. Alles fühlt sich solide an, nichts klappert, nichts knistert, nicht einmal auf Kopfsteinpflaster. Respekt! Was mich am meisten überrascht, ist, wie gut sich das Auto fährt. Eine derart gute, gefühlvolle, rückmeldungsfreudige Lenkung hätte ich Tesla nicht zugetraut. Mit dem kleinen, griffigen, mit angenehmem Leder bezogenen Lenkrad lässt sich das Model 3 präzise steuern, das ist ganz hohes Niveau.

Das Auto liegt auch hervorragend, obwohl das Fahrwerk überhaupt nicht unkomfortabel ist. In Kurven neigt sich der Tesla kaum zur Seite und pfeift einfach brutal ums Eck. Wobei es viel braucht, um die Reifen tatsächlich zum Pfeifen zu bringen. Klar, da sind die schweren Batterien unterm Fahrzeugboden ein Segen für die Lage des Schwerpunkts und die ideale 50-50-Gewichtsverteilung auf die Achsen tut ihr Übriges.

Das reale Autofahren fühlt sich mehr und mehr an wie das Steuern eines Computers. Allein das abartige Beschleunigungserlebnis ist unfassbar. Und das Arge ist: Man kann rasen, ohne dass es auffällt, weil: Man hört es nicht! Kein aufheulender Motor sorgt löst aus, dass sich Köpfe drehen und man wirkt wie ein Prolo. Es ist tatsächlich wie in einem Computer, der ja auch nichts Proletoides an sich hat, wenn er besonders schnell ist.

Ich bin dauernd in Versuchung aufs Gas zu steigen, z.B. wenn die Ampel zu blinken anfängt. Man kommt einfach aus einer extremen Entfernung noch durch. Allerdings ist man dann auf der Kreuzung schneller, als die Polizei erlaubt.

Apropos: Der Tacho ist superexakt - das Problem ist: man kriegt nicht so gut mit, wie schnell man fährt, weil man es am Fahrgeräusch kaum hört. Nicht einmal das Sirren der Elektromotoren ist präsent. Es ist einfach leise. Ein bisschen hört man bei höherem Tempo den Wind. Das könnte an den nicht sauber eingepassten Blechteilen liegen.

Der Computereindruck wird natürlich auch von dem riesigen zentralen Display unterstützt, über das praktisch alles bedient wird. Links oben im Eck befindet sich der digitale Tacho, darunter sieht man stilisiert sein Auto mit den gerade in der Nähe fahrenden oder parkenden Autos drumherum. Sämtliche Funktionen sind in recht klar strukturierten Menüs untergebracht. Das ist relativ übersichtlich; manche Schaltflächen sind jedoch zu klein (etwa die x, um ein Pop-up zu schließen). Sogar der Scheibenwischer wird am Display eingeschaltet, lediglich Kurzzeitwischen und Scheibenwaschen (mit Wasser, das aus dem Wischer läuft) passiert per Lenkstockhebel. Top sind die beiden multifunktionalen Walzen am Lenkrad.

Apple CarPlay gibt es übrigens nicht.

Beeindruckende Performance und Reichweite
So beeindruckend die Fahrleistungen des Testwagens sind: Es handelt sich hier lediglich um die zweitstärkste Version des Model 3, also „Dual Motor“, reichweitenoptimiert. Zwei Motoren sorgen für Allradan- und Vortrieb, also je einer vorn und hinten, die die Kraft flexibel an die vier Räder verteilen. Der Sprint auf 100 wird mit 4,6 Sekunden angegeben (Dynamikversion: 3,4 Sekunden), das Höchsttempo mit 233 km/h. Und die Reichweite? Die angegebenen 560 Kilometer (nach WLTP) habe ich nicht geschafft, aber mit zu 90 Prozent gefülltem Akku komme ich realistisch über 400 Kilometer weit, ohne sparsam zu fahren.

Über die Motorleistung hüllt sich Tesla in Schweigen. In der Zulassung stehen 153 kW, das sind 208 PS. Inoffiziellen Angaben zufolge sind‘s hier 351 PS und in der Performance-Version 487 PS. Die Heckantriebsvarianten mit nur einem Motor kommen auf 261 PS.

Die Zeiten, in denen ein Tesla ein schweres Trumm sein musste, sind vorbei. Der hier bringt gerade mal 1856 Kilogramm auf die Waage, das ist gut 250 kg mehr als ein BMW M340i xDrive. Nicht schlecht für ein Elektroauto. Das leichteste Model 3 wiegt übrigens nur 1,6 Tonnen ohne Fahrer.

Die Bremse brauche ich kaum, weil man das Fahrpedal so einstellen kann, dass ziemlich stark rekuperiert wird, wenn man vom Gas geht. Das funktioniert richtig gut und ist eine entspannende Art, Auto zu fahren.

Die Sache mit dem Autopilot
Die serienmäßige „Autopilot“-Funktion des Tesla Model 3 ist recht strikt programmiert. Wen man nicht regelmäßig leicht am Lenkrad dreht, kommt sehr schnell eine Warnung. Dann dauert es nicht lang, bis sich der Autopilot abschaltet und bis zum nächsten Neustart auch nicht mehr aktiviert werden kann. Sollte der Fahrer deshalb nicht reagieren, weil er etwa bewusstlos geworden ist, hat er ein echtes Problem: Das Auto fährt weiter, bis es irgendwo dagegenkracht.

Nicht ungefährlich ist auch die Verwendung des Autopiloten grundsätzlich, denn: Er lässt sich nur ungern „overrulen“, d.h. wenn das Auto in eine gefährliche Richtung steuert, muss der Fahrer einen sehr hohen Widerstand überwinden, um das Lenkrad übernehmen zu können.

Nicht der Weisheit letzter Schluss ist der Adaptivtempomat des Tesla Model 3. Er hält oft auch auf völlig freier Straße nicht konstant das Tempo, sondern bremst und beschleunigt ständig. Man muss auch jederzeit darauf gefasst sein, dass er eine Vollbremsung hinlegt (dummerweise weiß das der Hintermann nicht).

Unverständlich ist, warum der Tempomat überhaupt nur bis 150 km/h funktioniert.

Auch Platz ist kein Problem
Man ist im Model 3 sehr kommod untergebracht, dank des Glasdach ist auf den Rücksitzen sogar die Kopffreiheit okay. Wenn die Sonne drauf brennt, merkt man das allerdings trotz der Wärmeisolierung. Kofferräume gibt es zwei: einen 85 Liter großen vorne, einen 340 Liter fassenden hinten.

Keine Frage des Geldes
Und dann müssen wir noch über Geld reden. Der Tesla Model 3 in der Long-Range-Variante kostet super ausgestattet weit unter 60.000 Euro. Zum Vergleich: Ein antriebsmäßig vergleichbarer BMW M340i ohne Extraausstattung kommt in Österreich auf an die 10.000 Euro mehr. Das Basismodell des Tesla Model 3 ist ab 45.700 Euro zu haben. Kein Wunder, dass der Tesla zu den meistverkauften Autos seiner Klasse gehört. Jetzt sollten sie nur noch bei der Produktion ein wenig genauer hinschauen.

Unterm Strich
Es ist nicht leicht, den Tesla Model 3 nicht zu mögen. Klar, das dauernd im Blickfeld stehende Riesen-Display kann auch nerven, vor allem nachts, wenn es trotz Dimmer immer zu hell ist. Und natürlich muss einem das reduzierte Design nicht zusagen. Andererseits hat es auch etwas Wohltuendes, dass der Innenraum so überhaupt nichts Effekthascherisches hat. Das gilt auch für die schlichte Außenansicht (böse Zungen sprechen von designfreier Zone).

Teslas Model 3 ist nicht nur in Elektroauto-Maßstäben sehr gut gelungen. So digital sich das alles anfühlt: Analog, in der realen Welt, sind die Fahreigenschaften ganz hervorragend. Und auch die Reichweite sorgt nicht für Dauerpanik.

Warum?
Hervorragende Fahreigenschaften
Relativ günstiger Preis
Geräumiger Innenraum

Warum nicht?
Nachlässige Verarbeitung
Mühsamer Tempomat

Oder vielleicht …
… doch die Performance-Version?

Stephan Schätzl
Stephan Schätzl

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