Gefängnis-Seelsorger:

„Jeder Mörder, mit dem ich zu tun hatte, bereut“

Tirol
17.12.2018 10:59

Seit August 2012 übt Andreas Liebl das Amt des Seelsorgers in der Justizanstalt Innsbruck aus und führt mit Inhaftierten vertrauliche Gespräche. Im „Krone“-Interview erklärt er, warum er bei manchen Gesprächen an seine eigenen Grenzen stößt und warum die Insassen trotzdem ein moralisches Recht auf Seelsorge haben.

Herr Liebl, wie kommen inhaftierte Straftäter mit Ihnen überhaupt ins Gespräch?
Sie fragen beim Justizwache-Beamten schriftlich an. Ich bekomme dann entsprechend die Information und teile mir die Termine ein.

Wie oft unterhalten Sie sich mit den Inhaftierten?
Im Schnitt habe ich 30 Ansuchen pro Woche. Die Gespräche dauern bis hin zu einer Stunde. Manchmal muss ich eine Unterhaltung abbrechen, weil sie zu anstrengend oder speziell ist.

In der Adventzeit ist der Gesprächsbedarf größer

Haben Sie während der Adventszeit mehr zu tun?
Diese Zeit ist für viele Insassen sehr schwer, weil Erinnerungen aus der Familie besonders aufsteigen. Das setzt allen zu. Im Advent habe ich tatsächlich die meisten Anfragen und oft gefühlsgeladene Gespräche.

Welche Inhalte brennen Straftätern auf der Seele?
Das ist ganz unterschiedlich. Da können zum Beispiel die Straftaten selbst, Probleme mit der Familie oder Beziehungsangelegenheiten Thema sein. Und manchmal ist es auch nur die Sehnsucht nach einem guten Wort und dem Gebet, das man lange vermisst hat.

„Viele Inhaftierte wollen die Zeit zurückdrehen“

Bereuen die meisten Inhaftierten ihre schlimme Tat?
Menschen, die wegen Betrugs- und Eigentumsdelikten einsitzen, tun sich da schwer. Alle Mörder, mit denen ich bisher zu tun hatte, wollten diesen einen Moment rückgängig machen. Das Zurückdrehen der Zeit ist ein prominentes Thema.

Der Gefängnis-Seelsorger mit „Krone“-Redakteurin Steiner. (Bild: Christian Forcher)
Der Gefängnis-Seelsorger mit „Krone“-Redakteurin Steiner.

Wie helfen Sie den Insassen bei deren Anliegen?
Ich beende jedes Treffen mit einem persönlichen Gebet, das den Inhalt des Gesprächs zusammenfasst und vor Gott trägt. Dabei beziehe ich auch die Angehörigen mit ein. Nicht der moralische Zeigefinger auf Straftäter und deren Familien ist meine Aufgabe, sondern die Hilfe zu verantwortlichem und tragbarem Leben.

„Ich selbst bin nicht Ankläger und nicht Richter“

Wie halten Sie es aus, mit Straftätern zu arbeiten?
Ich selbst bin nicht Ankläger und nicht Richter. Ich übergebe die Anliegen unserem Herrgott. Das erleichtert mir meine Aufgabe ungemein. Zu Beginn hatte ich Angst, dass ich durch diese Arbeit abstumpfen könnte. Immerhin ist mir der Wahnsinn zum Alltag geworden. Doch ich habe mich mittlerweile an das Neue, Unerwartete und schrecklich Unglaubliche etwas gewöhnt. Mit Straftätern gehe ich heute unverkrampfter um.

Warum haben Straftäter die Seelsorge verdient?
Verdient haben sie es nicht, weil sie etwas Schlimmes getan haben. So mancher hat das Gute und damit Gott aus den Augen verloren. Unser Glaube an einen barmherzigen Gott und nicht zuletzt die Menschenrechtskonvention besagen eindeutig, dass gefangene Straftäter ein moralisches Recht auf Seelsorge haben.

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