Di, 11. Dezember 2018

Terror am Ringturm

24.06.2018 06:01

Helnwein: „Niemand ist von Grund auf fanatisch“

Mit seinem Terror-Mädchen am Ringturm brachte Gottfried Helnwein die Gewalt in unsere Stadt. Ein „Krone“-Interview mit dem weltberühmten Schockkünstler aus Wien.

„Krone“:Ein Mädchen mit Maschinenpistole, Flammen, Opfer. Was außer Gewalt ist böse wollen Sie uns damit eigentlich sagen, Herr Helnwein?
Gottfried Helnwein: Das Thema lautete 100 Jahre Republik. Da habe ich mir gedacht, dass ich zeigen will, wie die Welt aussieht nach diesen 100 Jahren. Das ist nicht so offensichtlich, wenn man hier in Wien lebt, weil alles unglaublich sicher und gesichert ist. Diese Kriege scheinen wahnsinnig weit entfernt, in Wahrheit ist der größte Teil der Welt in einem gigantischen Konflikt. Ich wollte auf diese Omnipräsenz der Gewalt aufmerksam machen. Auch in Computerspielen, in der Unterhaltung, in allen Bereichen wachsen Kinder mit Gewalt auf. Es ist cool heutzutage, wenn in Filmen Leute erschossen werden, es gibt ja kaum noch Helden ohne Waffen. Zu unterscheiden zwischen der virtuellen, erfundenen, fiktiven und der richtigen Gewalt ist für Kinder oder Jugendliche heutzutage schwer.

Nun haben Kommunikationsforscher und Psychologen aus den USA herausgefunden: „Sind Kinder in Filmen oder anderen Medien Schießereien oder Waffengewalt ausgesetzt, sind sie auch im richtigen Leben neugieriger auf Pistolen und Gewehre und wollen damit spielen.“ Ist das ein hinnehmbarer Kollateralschaden Ihrer Ringturm-Kunst?
Kunst ist nie ein Kollateralschaden. Kunst gibt den Menschen die Möglichkeit, den Totentanz, in dem sie sich befinden, von außen zu sehen. Das ist der Sinn der Werke Goyas, wenn er die Gräuel des Krieges beschreibt, oder wenn uns Shakespeare mit Macbeth vor Augen führt, wie Machtgier in den Wahnsinn führen kann.

Wo wären für Sie in der Kunst die Grenzen? Hätten Sie auch ein totes Mädchen plakatiert?
Ich sehe das Problem der Grenze nicht. Es gibt natürlich Bilder, von denen ich genau weiß, das würde zu weit gehen, das würde den Zweck verfehlen. Ich mache das ja nicht für mich als Therapie, das ist eine Art der Kommunikation. Kunst muss aber grundsätzlich immer frei sein. Es ist die Verantwortung des Künstlers zu entscheiden, was er zeigt.

Ein paar flapsige Kommentare, ein bisschen Kritik von der Straße und auf Facebook, sonst hielt sich die Empörung über die Ringturm-Kunst in Grenzen. Haben wir uns an Terrorbilder gewöhnt?
Die Reaktion ist sogar sehr positiv, es sprechen mich immer wieder Leute an und bedanken sich dafür. Für mich ist das immer so bei Ausstellungen, wenn Menschen emotional reagieren auf meine Arbeiten, dann habe ich das Gefühl, meine Kunst ist angekommen.

Was glauben Sie denken Kinder, wenn sie die Bilder sehen?
Das ist eine Frage, die Erwachsene immer gerne stellen, wenn sich die Kunst mit dieser Thematik beschäftigt. Dabei sind Kinder heute in der Regel von klein an, durch Medien, Computerspiele und Internet, Darstellungen von Gewalt ausgesetzt, wie nie zuvor. Damit scheint kaum jemand ein Problem zu haben.

Die meiste Gewalt erleben Kinder sowieso im eigenen Zuhause. Nicht die Maschinenpistole ist die größte Gefahr, es ist die Familie.
Das war auch der Grund, warum ich begonnen habe, verwundete und bandagierte Kinder zu zeigen, und beschlossen habe, Künstler zu werden. Bei meinen Recherchen habe ich gerichtsmedizinische Fotos von Kindern gesehen, die zu Tode gefoltert wurden. Aber nicht im Krieg, sondern im eigenen Familienkreis. Gewalt gegen Kinder ist für mich das Extremste an menschlicher Entgleisung. Deswegen war das für mich ein so wichtiges Thema. Spätestens dann muss sich jeder Mensch, der nicht wahnsinnig ist, betroffen fühlen.

„Niemand ist von Grund auf fanatisch“

Welche Erfahrungen mit Gewalt am eigenen Leib haben Sie schon gemacht?I
Ich kenne das eigentlich nicht, nicht aus meinem persönlichen Erleben. Von ganz früh an war ich jedoch fast besessen davon herauszufinden, was bei Gewalt alles passiert. Die Initiatoren waren die ersten Kriegsverbrecherprozesse, da war ich sechs oder sieben Jahre alt. Es gab den Prozess gegen Franz Murer, diesen Massenmörder, der im KZ eigenhändig Leute umgebracht hat. Das war ein so tiefgreifender Schock zu sehen, dass der freigesprochen wurde. In meiner kindlichen Vorstellung von Gerechtigkeit war das eine absolute Unmöglichkeit. Die wenigen Zeugen aus Israel, die es gab, sind weinend zusammengebrochen, weil das Gericht sich über sie lustig gemacht hat. Alle Blumengeschäfte waren danach ausverkauft und leer, so hat man das gefeiert. Ich wusste damals ja nicht, dass sowohl der Staatsanwalt als auch der Richter und alle Beteiligten Ex-Nazis waren.

Wie gewalttätig ist die Politik?
Faktum ist, dass Amerika seit dem Zweiten Weltkrieg immer im Kriegszustand gewesen ist. In diesen Kriegen sind etwa 30 Millionen Menschen gestorben. Große Teile der sogenannten Dritten Welt sind in die Steinzeit zurückgebombt worden, wie sich die Generäle gerne ausdrücken. Hinter all diesen Kriegen stehen immer nur wirtschaftliche Interessen. Gnadenlose Gier ist die treibende Kraft. Religion ist nur der Vorwand, ein Mittel, um Menschen zu fanatisieren und zu manipulieren. Im Grunde wollen alle Menschen, überall auf der Welt das Gleiche; mit ihren Familien in Frieden leben. Niemand ist von Grund auf fanatisch.

Nun gehört aber auch Wladimir Putin, den Sie wiederum sehr schätzen, zu dieser Elite der Macht und Gier.
(lacht) Ja, ich habe einmal erwähnt, dass Whistleblower Edward Snowden sein Leben und seine Unversehrtheit Putin verdankt, weil er der einzige Mensch der Welt ist, der die Macht hat, ihn zu beschützen. Putin wird von den westlichen Medien ständig dämonisiert. Ich vertraue da lieber auf meine eigene Wahrnehmung und möchte nicht unbedingt vergleichen müssen, wer der größere Menschenrechtsverletzer ist, Putin oder die USA. Das Ergebnis könnte überraschend ungünstig für eine der beiden Seiten ausfallen.

Sie haben übrigens etwas mit Putin gemeinsam.
Und zwar?

Er hat ein Bild gemalt und es im Jahr 2009 für 37 Millionen Rubel verkauft.
Irgendwie habe ich ein Problem mit Politikern, die zu malen beginnen. Aber manchmal ist es besser, wenn sie malen, statt Kriege zu führen. Da fällt mir ein, dass 60 Jahre bevor ich auf der Akademie am Schillerplatz war, ein junger Mann aus Linz zweimal versucht hat, aufgenommen zu werden, und zweimal abgewiesen wurde. Der Name des jungen Mannes war Adolf Hitler. Der schwerste Fehler, den jemals eine Universität begangen hat. Die Welt wäre besser dran gewesen mit einem weiteren schlechten Maler als mit einem geistesgestörten Führer.

Hatte Hitler irgendwo auch nur den Hauch eines Talents zum Malen?
Nein, er war ganz schlecht, elend. Er war relativ effektiv als Bestie.

Das ist jetzt ein radikaler Themenschwenk. Österreich diskutiert derzeit heftig über den 12-Stunden-Arbeitstag. Was sagt ein Künstler dazu?
Ich kann nicht wirklich mitreden, bei mir gibt es den 18-Stunden-Tag. Ich arbeite immer, auch am Samstag, auch am Sonntag. Ich habe nie Urlaub gemacht.

Sie haben einmal gesagt, alt zu werden ist unerträglich. Warum eigentlich?
Ich denke, dass ein Menschenleben generell zu kurz bemessen ist. Wenn ich zurückschaue, ich würde alles anders machen. Ich und viele meiner Generation haben so viel Zeit verplempert mit so viel Blödsinn. Wir haben lange gebraucht, sich zurechtzufinden, sich zu orientieren. Und jetzt, wo man beginnt, ein paar Dinge zu verstehen, merkt man, es ist bald wieder vorbei. 250 Jahre wären da besser. Ich habe das Gefühl, mein Hauptwerk kommt erst. Was mich am Leben erhält, ist die Unzufriedenheit. So will ich nicht abtreten. Das war’s noch nicht.

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