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11.12.2016 - 01:37
Foto: Universal Music

Trent Reznor ruft die Geister der Vergangenheit

02.09.2013, 17:57
Er ruft die Geister der Vergangenheit, ohne all die Fehltritte zu wiederholen - Nine-Inch-Nails-Mastermind Trent Reznor unterzog sich einer persönlichen und beruflichen Kehrtwende, mit der sich das Erbe seines Lebensprojekts erhalten lässt. Auf "Hesitation Marks" findet der Oscar-Preisträger Platz für Elektronik, Verletzlichkeit und experimentelle Courage.

Die große Breitenwirksamkeit der alten Tage hat er nicht mehr, doch die Veröffentlichung des brandneuen Nine- Inch- Nails- Albums "Hesitation Marks" sorgt zumindest für eine Aufmerksamkeits- Stichflamme im alternativen Rock- Segment. Trent Reznor hat es also doch wieder getan – und besinnt sich dabei auf seine Wurzeln zurück. Den Widrigkeiten der Musiklabels überdrüssig, hat sich der 48- Jährige schon vor vielen Jahren für eine autarke Veröffentlichungsweise entschieden und sein 36 Songs starkes Instrumental- Manifest "Ghost I- IV" online veröffentlicht.

Zurück in den alten Schoß

Für "Hesitation Marks", das erste Lebenszeichen nach fünfjähriger NIN- Abwesenheit, hat sich Reznor aber wieder in den wohligen Schoß eines Major- Labels begeben – alte Besen kehren oftmals doch ganz gut. Was wohl nur sehr wenige für möglich gehalten haben, ist mittlerweile eingetreten: Reznor hat sein Leben in den Griff bekommen. Während der medialen Abwesenheit überraschte der Amerikaner mit einer abgeschlossenen Reha, der Hochzeit mit seiner Frau Mariqueen Mandig, der Geburt seines Sohnes und dem Gewinn von Oscar und Golden Globe für den Soundtrack zum Facebook- Film "The Social Network".

Von der spätpubertierenden Wut und der aus Verzweiflungsmomenten hervorgetretenen Angriffslustigkeit seines 1994er Kultalbums "The Downward Spiral" ist nicht mehr viel geblieben, sehr wohl aber ist auch der gereifte und ruhigere Trend Reznor noch mit dem Kampf gegen seine Dämonen beschäftigt. Das suggeriert schon der Albumtitel, denn "Hesitation Marks" ist nichts weiter als eine leicht abgewandelte Form von "Hesitation Wounds" – diese Bezeichnung beschreibt die Schnittwunden, die man sich zufügt, bevor man Selbstmord verübt. So masochistisch und verletzlich das neue Werk auch betitelt ist, so entspannt und in sich ruhend klingen die Kompositionen auf dem opulenten, mehr als einstündigen Parforceritt.

Zurückgefahrener Weltenschmerz

Für die 14 Songs, die Reznor etwa ein Jahr lang in akribischer Detailverliebtheit mit Atticus Ross und Alan Moulder erarbeitet hat, bedient sich der Frontmann aber nicht am bandtypischen Industrial- Rock, sondern lässt stattdessen elektronische Beats das Kommando übernehmen. Wenn Reznor nach dem Intro bereits "I'm just a copy of a copy of a copy – everything I say has come before" ins Mikro schmachtet, spürt der Hörer schon früh die veränderte, lockerere Sichtweise des Künstlers auf sein nicht immer einfaches Leben. Feine Selbstironie statt tiefer Depression, humoristisches Leiden statt ausufernden Weltenschmerzes.

Dass Reznor dem Laptop mittlerweile näher steht als seinen Saiteninstrumenten, ist per se nichts Neues, überrascht aber durch die vollzogene Vehemenz. Gerade die erste Hälfte des ausladend arrangierten Albums überzeugt mit kompositorischer Leichtigkeit und der für NIN- Songs so typischen Schwere zur vollständigen Zugänglichkeit. Auf "Come Back Haunted" lässt uns Reznor erstmals an seinem vollen Stimmvolumen teilhaben, "Find My Way" dröhnt kathartisch und bluesig im Electro- Gewand, das funkig angehauchte "All Time Low" schafft noch rechtzeitig den Absprung, bevor sich der Song in übertriebener Experimentierwut verzettelt.

Qualitätsschwankungen

Im weiteren Verlauf geht NIN etwas die Luft aus und erste Redundanzen machen sich bemerkbar. "Everything" ist etwas zu schablonenhaft und unkoordiniert geraten, "Running" verstört mit verzerrten Vocals und behäbiger Elektronik, "While I'm Still Here" tänzelt am Abgrund des Hörvergnügens. Umso schöner ist es, wenn sich Reznor auf "In Two" vollends seiner Vergangenheit besinnt und dem "Industrial" auch ein "Rock" beistellt.

So ist "Hesitation Marks" nicht unbedingt das erhoffte Meisterwerk einer einst abgewrackten Indie- Legende, aber ein starkes Manifest über Beschaffenheit und Wichtigkeit einer 90er- Jahre- Legende. Das Album weiß genauso wenig wie Reznor selbst, wohin der Weg nach so vielen Abzweigungen hinführt. Und genau daraus beziehen sich auch die starken Momente dieser ambitionierten Wiedergeburt.

02.09.2013, 17:57
Robert Fröwein, Kronen Zeitung
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