Sa, 25. November 2017

Auf Malta ermordet

17.10.2017 15:42

Sohn von Journalistin: „Überall lagen Körperteile“

Der Autobombenanschlag auf die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia hat in Europa großes Entsetzen ausgelöst. Auch einen Tag nach der Tat waren die Hintergründe weiter unklar. Die EU-Kommission und Politiker sowie Journalistenverbände verurteilten das Attentat am Dienstag scharf. Galizias Sohn, der kurz nach der Explosion am Tatort war, erhebt auf Facebook schwere Vorwürfe gegen die Regierung: "Sie ist verantwortlich dafür." Caruana Galizia hatte der Regierung Korruption vorgeworfen und mit immer neuen Enthüllungen im Frühling eine Krise ausgelöst, die zu einer Neuwahl führte.

Matthew Caruana Galizia, selbst Journalist, schilderte am Dienstag in einem emotionalen Facebook-Beitrag die schrecklichen Minuten nach dem Anschlag auf seine Mutter. Das Auto der 53-Jährigen war bei dem Attentat durch einen Sprengsatz in Stücke gerissen worden. Die Leiche der Journalistin wurde Augenzeugenberichten zufolge auf ein nahe gelegenes Feld geschleudert.

"Ich werde nie vergessen, wie ich um das Inferno auf dem Feld herumgerannt bin, versucht habe, die Tür zu öffnen, die Hupe des Autos war noch zu hören", schrieb der Sohn. "Ich schaute nach unten und überall lagen Leichenteile meiner Mutter." Seine Mutter sei ermordet worden, weil sie ihre Arbeit gemacht und in einem mutmaßlichen Korruptionsskandal recherchiert habe.

Autobombe tötete unbequeme Journalistin
Die Bloggerin war am Montag gestorben, als ein an ihrem Wagen deponierter Sprengsatz explodierte. Daphne Caruana Galizia war eine unbequeme Journalistin. Über die Grenzen Maltas hinaus erregte die dreifache Mutter Aufsehen mit der Enthüllung, eine in den "Panama Papers" erwähnte Firma gehöre der Frau von Regierungschef Joseph Muscat. Dieser hatte dies als "glatte Lüge" bezeichnet. Im Februar 2016 hatte sie veröffentlicht, was die "Panama Papers" später bestätigten: Dass Regierungsmitglieder in Panama ihre eigenen geheimen Firmen aufgezogen hatten.

"Jedem ist bewusst, dass Frau Caruana Galizia politisch und persönlich einer meiner schärfsten Kritiker war", sagte Muscat nach der Tat. Dies rechtfertige aber in keiner Weise die "barbarische Tat". "In diesem Land steht Rechtsstaatlichkeit über allem und jedem", fügte er hinzu. Die EU-Kommission rief die Behörden auf der Mittelmeerinsel dazu auf, ihre Arbeit zu tun. "Präsident Jean-Claude Juncker und die Kommission verurteilen diesen Anschlag mit den schärfstmöglichen Worten", sagte Sprecher Margaritis Schinas am Dienstag in Brüssel. "Wir setzen darauf, dass das geahndet wird."

Galizia erhielt Morddrohnungen
Die Organisation "Reporter ohne Grenzen" zeigte sich in einer Aussendung "schockiert": "Mord darf keine Antwort auf Wahrheit sein. Wir sind fassungslos, dass in einem Land der Europäischen Union eine Journalistin ermordet wird, die politische Korruption aufgedeckt und sich als scharfe Kritikerin der Regierung profiliert hat", sagt Rubina Möhring, Präsidentin von "Reporter ohne Grenzen" Österreich. Es sei unfassbar, "warum Daphne Caruana Galizia nicht geschützt wurde, obwohl sie Todesdrohungen erhalten hatte".

Der staatliche TV-Sender TVM hatte berichtet, dass die Bloggerin der Polizei vor zwei Wochen Morddrohungen gemeldet hatte. In ihrem letzten Artikel, der gut eine halbe Stunde vor ihrem Tod online ging, schrieb sie: "Wo du auch hinschaust, überall sind Gauner. Die Lage ist hoffnungslos."

Julian Assange setzt Belohnung für Hinweise aus
"Eine Bombe für Daphne, die Reporterin, die in Maltas Dreck wühlte", schrieb die italienische Tageszeitung "La Repubblica" am Dienstag. "Politico" hatte Caruana Galizia einmal als "Ein-Mann-WikiLeaks" bezeichnet. Ihr sei nichts Skandalöses zu klein oder zu groß gewesen, um darüber auf ihrem Blog "Running Commentary" zu schreiben. Der Gründer der Enthüllungsplattform, Julian Assange, versprach eine Belohnung von 20.000 Euro für Informationen, die zur Überführung der Mörder führten.

Caruana Galizia arbeitete auch an den "Malta Files" - vertrauliche Dokumente der maltesischen Finanzbehörde, die Steuerbetrug in großem Stil von Unternehmen und Privatleuten offenlegen. Malta steht seit Längerem im Kreuzfeuer der Kritik, weil das Steuersystem Unternehmen einen Mini-Steuersatz ermöglicht.

"Erinnert an Putins Russland, nicht an die EU"
Zu Geldwäsche und Steuerhinterziehung sagte sie auch in einem Untersuchungsausschuss des Europaparlaments aus. Der Abgeordnete der Grünen/EFA-Fraktion, Sven Giegold, bezeichnete ihre Rolle als entscheidend bei der Aufdeckung schwerwiegender Vorwürfe. Der Anschlag erinnere ihn "an Putins Russland, nicht an die Europäische Union". Der Linken-Abgeordnete Fabio De Masi sagte: "Wir können nicht tolerieren, dass Journalisten mitten in der EU ermordet werden."

In ihrem letzten Blog-Eintrag, den sie in der Stunde vor ihrem Tod schrieb, bekräftigte Caruana Galizia ihren Vorwurf, Stabschef Keith Schembri sei ein "Betrüger", der seinen Einfluss in der Regierung nutze, um sich selbst zu bereichern. Premier Muscat hatte die Korruptionsvorwürfe als "größte Lüge in der politischen Geschichte Maltas" bezeichnet. Zugleich kündigte er seinen Rücktritt an, sollten sich die Vorwürfe in einer von ihm selbst geforderten Untersuchung bewahrheiten. Unterdessen zog sich die Vorsitzende Richterin aus dem Mordfall zurück, nachdem die Familie der Journalistin ihr eine zu große Nähe zur Regierungspartei vorgeworfen hatte.

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Redaktion
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