Fr, 24. November 2017

Damals und heute

17.07.2016 11:10

Polizei-Dramen: „Was bleibt, sind Wut und Trauer“

Vor zwei Wochen wurde ein junger Polizist im Dienst ermordet. In der "Krone" spricht jetzt ein Beamter, der den Tod dreier Kollegen miterleben musste. Und ein Ex-Fahnder erinnert sich an einen Einsatz, bei dem er fast gestorben wäre.

Rosen, Lilien, Tulpen, Vergissmeinnicht. So viele frische Blumen liegen auf dem Grab von Daniel S. Eine Woche ist es her, dass der junge Kärntner in seinem Heimatort Stein im Jauntal beerdigt wurde. Der Schock, die Trauer über den Tod des 23-jährigen Polizisten, der bei einem vermeintlichen Routineeinsatz in Wien-Penzing von einem gewissenlosen Räuber ermordet wurde, sitzt tief - bei der Familie, den Freunden des Verstorbenen. Und bei seinen Kollegen.

"Unsere Gefühle sind mit Worten kaum zu beschreiben", sagt ein Beamter, der Daniel gut gekannt, mit ihm gelacht und Dienste geschoben hat: "Weil wir alle einfach nicht begreifen wollen, dass wir ihn nie wieder sehen werden."

Sätze, die Johann Baumschlager gut verstehen kann. Seit über dreißig Jahren ist er Polizist. Er hat seinen Beruf von der Pike auf gelernt. Mit allem, was dazugehört. Streifenfahrten ins Ungewisse, Ausrückungen zu Tötungsdelikten und schweren Verkehrsunfällen. Baumschlager hat Kurse in Vernehmungstechnik gemacht, in Kriminalistik und Psychologie - und er hat Nachwuchs ausgebildet.

Seit 2012 arbeitet er als Pressesprecher der Landespolizeidirektion Niederösterreich, ist daher also hautnah involviert in jedes Drama, das in "seinem Bundesland" geschieht.

Unvergesslicher Einsatz am Annaberg
Wie damals, am 17. September 2013: Der Albtraum begann kurz nach Mitternacht. Seit Monaten schon war eine SOKO einem offenkundig psychisch Gestörten auf der Spur, der Wildtiere auf grauenhafte Weise abschlachtete. In Annaberg kam es dann zur Konfrontation mit dem Gesuchten. Der sich rasch als noch gefährlicher entpuppte, als die Beamten davor hatten ahnen können.

Alois Huber, ein 55-jähriger Transportunternehmer aus Großpriel. Dieser Mann, der nach außen hin immer als gutmütig und völlig unauffällig gegolten, aber bereits seit Jahren Einbruchsdiebstähle verübt und Brände gelegt hatte, erschoss drei Polizisten und einen Rettungssanitäter. Bevor er sich selbst richtete.

"Ich hörte meinen sterbenen Kollegen keuchen"
Baumschlager saß während der fast 18 Stunden andauernden Tragödie in der Einsatzzentrale. "Über Funk hörte ich Schreie, ich hörte einen sterbenden Kollegen mit letzter Kraft keuchen: 'Ich kann nicht mehr.' Und ich bekam mit, wie einer meiner Freunde, mit dem ich eng verbunden gewesen bin, sein Leben verlor."

Die Tage, die Wochen danach? "Ich konnte kaum schlafen, in mir ist eine tiefe innere Leere gewesen." Baumschlager schaffte den Schritt zurück in die "Normalität": "Meine Frau half mir sehr dabei, indem sie mich einfach reden ließ." Und "natürlich" habe er oft mit Polizeipsychologen gesprochen, über das Geschehene. "Doch dieses Loch, das sich in mir dadurch aufgetan hat, wird niemals ganz geschlossen werden."

Bei einigen Beamten, die bei der Aktion am Annaberg dabei waren, ist es - selbst drei Jahre nach dem Drama - noch immens groß. Sie haben seelische Wunden erlitten, die nicht zu kitten sind. Fallen in bedrückende Nachdenklichkeit, wenn sie an die Ereignisse der Horrornacht erinnert werden, sind bis heute schwer traumatisiert. Da können auch die besten Seelenärzte kaum Trost spenden.

"Es gibt Wunden, die nie heilen"
"Wie auch?", fragt Johann Baumschlager, "denn wenn ein Mensch ermordet wird, dann ist das etwas Unvorstellbares. In Wahrheit sogar für langgediente Polizisten. Weil dann nicht nur Trauer ist -sondern auch diese peinigende Wut, die bleibt. Auf den Täter."

Die Tragödie, "sie hat uns alle zusammenwachsen lassen, noch mehr. Wir empfinden uns jetzt fast als Familie." Die Witwen, die Kinder der Opfer gehören längst dazu: "Viele von uns sind ständig mit den Angehörigen der verstorbenen Kollegen in Kontakt." Doch eines weiß Baumschlager sicher: "Die Zeit heilt alle Wunden. Diesen Satz mag ich gar nicht. Denn wahr ist: Es gibt Wunden, die nie heilen."

Erinnerungen an Bankraub vor 23 Jahren
23 Jahre! 23 Jahre ist es her, dass Friedrich Maringer, damals Kripo-Beamter im Wiener Sicherheitsbüro, bei einem Einsatz beinahe sein Leben verlor.

Die Geschichte dazu in Kürze: Ein amtsbekannter "Unterweltler" verübte am 14. Juni 1993 in Wien-Döbling einen Bankraub. Auf der Flucht erschoss er einen jungen Polizisten. Danach verschanzte er sich in einem Kindermodengeschäft, hatte drei Frauen und ein Mädchen in seiner Gewalt. Siebeneinhalb Stunden lang. In denen Maringer mit dem Täter Verhandlungen führte.

"Ich war mit Leib und Seele Polizist"
Jetzt sitzt der einstige Chef-Fahnder bei einem Heurigen in Stammersdorf - und er erzählt über das Früher. Vor Kurzem hat er seinen 75. Geburtstag gefeiert, seit 15 Jahren ist er in Pension. "Mein Beruf geht mir manchmal schon ab", sagt er, "ich war halt mit Leib und Seele Polizist." Nach der "Geiselnahme von Döbling" galt er als "Held". "Unsinn, ich hab nur meinen Job gemacht. Und dass der gefährlich sein kann, das ist mir immer klar gewesen."

Maringeres Erinnerungen an den 14. Juni 1993? "Ich stand vor der Boutique, versuchte den Täter zum Aufgeben zu bewegen und dazu, seine Opfer freizulassen." Wie, mit welchen Methoden? "Wir redeten über vieles. Sogar über das Wetter. Mein einziges Ziel war, eine 'Beziehung' zu ihm aufzubauen. Ihn von seinen Forderungen- zwei Millionen Schilling und ein Fluchtauto - abzubringen. Ihn ,sanft‘ zu machen."

"Bei ihm brachen alle Dämme und er feuerte auf mich los"
Tatsächlich, Maringer schaffte, dass der Mörder die Geiseln laufen ließ. "Und dann wollte er sich stellen. Das Problem war bloß: Ich hatte ihm ständig versichert, mein toter Kollege wäre wohlauf. Aber der Killer hörte im Radio - obwohl ich so sehr um  Nichtmeldung gebeten hatte - die Todesnachricht. Also brachen bei ihm alle Dämme und er feuerte auf mich los."

Eine Kugel traf Maringer in die Herzgegend, sie wurde von seinem "dicken Akkuhandy" gedämpft, drang nur schwach in die Rippen ein: "Ich spürte Schmerzen in der Brust, dachte: 'Okay, jetzt bist du tot.' Und ich sah mein Leben in einem Film vor mir ablaufen", während WEGA-Beamte in Richtung Geschäft schossen. Als der Polizistenmörder bereits Suizid begangen hatte.

"Verdrängen - das ist die beste Strategie"
Das Später? "Am nächsten Tag war ich der Erste im Büro." Und weiter? "Wegschieben, verdrängen. Das ist die beste Strategie." Die nicht immer funktioniert: "Bis heute träume ich davon, dass eine Pistole auf mich gerichtet ist und ich gleich sterben werde."

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