23.04.2017 09:33 |

Grüne Hauptstadt

Frankreich: Nantes, Tor zur Bretagne

Wo mildes Atlantik-Klima auf pulsierendes Stadtleben mit viel Kunst und Kultur trifft - dort liegt Nantes, das "Tor zur Bretagne". Wer es entdecken will, lässt sich treiben: Vom Markt zur "Insel" mit ihren mechanischen Riesen oder zu den alten Salinen draußen am Meer.

Es riecht intensiv, wenn Nicolas die Boxen mit kostbarem "Fleur de Sel" (Salzblume) öffnet: "Eine Mikroalge", erklärt der Salzbauer mit sonnengegerbtem Gesicht die charakteristische Duftnote. Wie einen Schatz hütet er das hochwertige Salz, das nur an heißen, windstillen Tagen von einer hauchdünnen Schicht an der Wasserfläche abgetragen wird. 360 Salzbauern gibt es an der Küste von Mesquer - unweit der Metropole Nantes - noch. Seit 1989 ist er im Geschäft. "Die Bucht bringt das Ozeanwasser rein", erklärt Nicolas beim Rundgang.

Die Salinen
Seit 1000 Jahren gibt es die Salinen hier schon: Jedes Becken hat seine Aufgabe in dem seit Generationen überlieferten Prozess. Im hoch konzentrierten Wasser kristallisiert das Salz, und Nicolas erntet. 18 Tage im Jahr schöpft er das Salz an den Rand - mit altem Werkzeug. Die Technik hat die Arbeit hier kaum verändert: Nur Schubkarren und PVC-Rohre brachten Erleichterung. "Früher", erzählt der Franzose, "haben die Bauern das Salz noch mit dem Joch getragen." An der Küste, wo Nicolas heute hart arbeitet, stieg schon im Frankreich der 20er-Jahre die Prominenz ab: Gäste wie Winston Churchill kamen nach La Boule, in das Seebad, wo das Luxus-Hotel L’Hermitage gerade mit viel Gespür für Geschichte renoviert wurde.

Nantes - die "grüne Hauptstadt"
Doch es glitzert und glänzt nicht nur die Tradition. Die Route führte uns 60 Kilometer flussaufwärts an der Loire entlang mitten in die Metropole. Jung, kreativ, grün - das ist Nantes, die sechstgrößte Stadt in Frankreich. Mit Direktflug aus Wien auch perfekte Kurztrip-Destination. Nantes trug auch schon den Beinamen "grüne Hauptstadt Europas". "Wir haben etwa 37 Quadratmeter Grünanlage pro Einwohner", ist Christel, die Stadtführerin, zurecht stolz. 60.000 Studenten verbreiten einen quirlig-kreativen Geist. Im Frühjahr zieht es Sonnenanbeter auch zum "Jardin des Plantes", wo die Beete mit etwa 11.000 Pflanzen in Blüte stehen und die alten Treibhäuser für einen Hauch von Nostalgie sorgen. Die Schiffskapitäne brachten früh exotische Pflanzen nach Nantes. Mitten in der Stadt werden jetzt mit der ersten Sonne Picknickdecken ausgebreitet.

Ein Kuchen als Nanny
Magnet für Liebhaber feiner Küche ist der "Marché de Talensac" am ältesten Marktplatz der Stadt. Der Stadtbummel führt zu Genuss aus dem Meer, Austern, Meeresspinnen, Fische, Gemüse von Bauern aus der Umgebung. Und zu Patrick Albera von "Moka Tea", einer der letzten Patisserien, die den Nanteser Kuchen noch nach Originalrezept herstellen. Dazu gehören: Drei Rumsorten, Mandeln, Eier, Zucker, aber absolut kein Fett, keine Butter, kein Öl. "Das ist wichtig", erklärt Patrick, dass die süße Spezialität früher als Reisekuchen gedacht war. Gelee oder Marmelade darf man nicht herausschmecken, das nimmt Patrick sehr genau. "Es war DER Kuchen für die Kapitäne, er hielt sich sehr, sehr lange." Und Patrick lacht: Man munkelt, dass der Kuchen auch einmal als Nanny dienen kann, weil Kinder nach einem Stück seelenruhig schlummern ...

Das Meer und die Handelswege prägten die Region früh: Im 18. Jahrhundert war Nantes eine riesige Hafenstadt, die explosionsartig von 40.000 auf 80.000 Einwohner wuchs. Der Bezirk rund um die Kathedrale und das Schloss der bretonischen Herzöge ist die Wiege der Stadt. Der "Place Graslin" wurde wie ein Theater angelegt. Auch die älteste Brasserie La Cigale findet sich hier. "Das Stück, das man erleben kann, ist das Leben in Nantes", lacht Christel.

Nur ungern blättern die Nanteser heute ein dunkles Kapitel auf: 42 Prozent des Sklavenhandels wurden von hier aus organisiert, 1800 Schiffe machten sich auf den Weg. Bis 1848 wurden 450.000 Sklaven verschleppt. Es gab damals viele Verbindungen zu den Antillen. Ein Memorial am Loire-Ufer erinnert daran. Die Namen der Schiffe sind in den Boden eingelassen.

Kunst in Nantes
Nantes setzt sich heute modern in Szene. Ein genialer Schachzug ist mit der "Insel" gelungen. Die alten Werften gehören jetzt der Kunst: Ein zwölf Meter großer Elefant spaziert am Kai entlang, der mechanisch bewegbare Riese kann den Rüssel bewegen, sogar Wasser spritzen. Er erinnert an Traumwelten von Schriftsteller Jules Verne, einem berühmten Sohn der Stadt. Die Kinder kreischen und betteln ihre Eltern an, im Karussell mit wilden Meereskreaturen Platz nehmen zu dürfen. Gespannt wartet die Stadt auf das neue Monument - ein Baum mit Reihern.

Nantes liebt Kultur - Kulturfreunde lieben Nantes: Ein Kunstparcours an der Loire führt bis ans Meer - mit 24 Stationen von in der Nacht beleuchteten Ringen bis zum dahinschmelzenden Schiff des österreichischen Künstlers Erwin Wurm.

Es wird Zeit für eine Rast - ohne Autolärm im mittelalterlichen Kern bei einem Gläschen Muscadet, jenem Wein mit fruchtig-perlender Note. Oder darf es eine Einkaufstour sein? Wer auf historischen Chic zählt, wählt die "Pommeraye Passage". Schon 1843 zogen Boutiquen ein. Nantes hat auch viel Shopping-Geschichte.

Sabine Salzmann, Kronen Zeitung

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