22.04.2017 06:00 |

Leben mit Demenz

"Ich will nicht unter einem Glassturz leben"

Die Diagnose bekam Dr. Bea G. aus Wien mit 58 Jahren. Heute, 12 Jahre später, hat sie längst gelernt, damit umzugehen. Vor allem ihre Lebensfreude lässt sie sich nicht nehmen. Wie sie ihren Alltag meistert und warum ihr "unterstützte Selbsthilfe" wichtig ist, lesen Sie im Folgenden.

Lange Zeit hat Dr. Bea G. als Landärztin in einer kleinen Gemeinde in der Steiermark und als Amtsärztin gearbeitet, danach 15 Jahre schwer suchtkranke Personen in Wien therapiert. Irgendwann merkte sie, dass ihr die Betreuung immer schwerer fiel. "Ich bin mit dem Computer nicht mehr zurecht gekommen. Alles wurde zu viel für mein Gehirn", erzählt sie. Schließlich folgte die Diagnose: Demenz - mit 58 Jahren.

Ein Schock für die stets engagierte Ärztin sowie Mutter und Großmutter. "Damals habe ich zuhause viel geweint." Doch die lebenslustige Frau wusste sich rasch zu helfen: "Ich notierte alles auf kleinen Zetteln." Auch heute noch macht sie sich in einem Heft, das sie in einem Rucksack bei sich trägt, Notizen. Oft zeichnet sie darin weiters mit Bleistift. "Mich von der Rolle der Ärztin zu lösen, fiel mir anfangs schwer, denn ursprünglich wollte ich diesen Beruf bis an mein Lebensende ausüben. "Dann kam die Überraschung: "Plötzlich war der Druck weg. Ich konnte endlich ,Stopp‘ sagen, um mir nicht mehr so viel aufzubürden, ruhiger zu werden - auch privat. Schließlich wollten vor der Diagnose immer viele Menschen, auch Freunde, einen Rat von mir", so die 70-Jährige, die früher ein Hippie war.

Trotz Erkrankung stets abenteuerlustig
Heute ist sie davon überzeugt, dass ihr die Erkrankung dabei geholfen hat, die Welt mit anderen Augen zu sehen und endlich wieder nur "Bea" und nicht "Dr. Bea" zu sein. Sie blickt positiv in die Zukunft: "Die Kunst zu leben besteht darin, zu lernen, im Regen zu tanzen, anstatt auf die Sonne zu warten", zitiert sie einen ihrer Lieblingssprüche. Mittlerweile achtet sie mehr auf sich, fühlt sich freier denn je. Unter einem Glassturz will sie nicht leben: "Sich beschützt zu fühlen ist gut, aber man braucht auch ein bisschen Abenteuer", ist sie überzeugt. Sie liebt es, spazieren zu gehen - "das ist mein Fernsehen", sagt sie. Hat sie keine Angst, den Weg nicht mehr zu finden, möchte ich von ihr wissen. "Ich habe stets den Stadtplan und mein Handy dabei", klärt mich die ehemalige Ärztin auf. "Außerdem begegnen mir immer nette Mitmenschen, wenn ich mich dann doch einmal ratlos umblicke, und bieten mir ihre Hilfe an." Weiters liest sie gerne, und liebt die Natur - besonders die Donau.

Bereitet es ihr Sorgen, wenn sie jemanden aus ihrer Vergangenheit nicht mehr erkennt? "Das regt mich heute nicht mehr auf. Diese Leute können mich ja einfach fragen, wenn ich nicht dahinterkomme. Gesichter erkenne ich zum Teil noch, kann sie aber oft nicht mehr richtig zuordnen." Sie hätte Strategien gelernt, um in solchen Situationen oder z. B. wenn ihr Schlüssel unauffindbar ist, nicht mehr panisch zu reagieren.

Erste unterstützte Selbsthilfegruppe für Menschen mit Demenz
Hilfe erfährt Bea aber auch durch die Gruppe "Pro-Menz". Diese setzt sich aus Menschen mit Vergesslichkeit bzw. beginnender Demenz zusammen, die sich regelmäßig treffen, ihren Gefühlen und Gedanken freien Lauf lassen sowie ihre eigenen Erfahrungen an andere Betroffene weitergeben, aber auch von diesen lernen. Vor Ort sind zudem Betreuer, die bei Bedarf helfend eingreifen und versuchen, die Anliegen der Gruppe umzusetzen. Deshalb wird von "unterstützter Selbsthilfe" gesprochen. "Das ist die erste Gruppe für Menschen mit Demenz, bislang gab es nur solche für Angehörige", klärt mich Betreuerin Monika Natlacen auf.

"Als Gruppe wünschen wir uns einen fixen Raum in Wien für unsere Treffen", erzählt mir Bea G. dann noch. "Er sollte am besten bei der U-Bahn und innerhalb des Gürtels liegen sowie barrierefrei sein. Vielleicht in einem Kaffeehaus. Damit wollen wir zeigen, dass es uns gibt - wir möchten uns nicht mehr verstecken." Vielleicht findet sich ja etwas Passendes (bitte bei Fr. Natlacen melden).

Das nächste Treffen von Menschen mit Vergesslichkeit und beginnender Demenz findet am 2. Mai im Kardinal König Haus, Wien 13, Kardinal-König-Platz 3, statt. Info und Anmeldung bei Demenz-Betreuerin Monika Natlacen: 0664/421 61 71, natlacen@demenzbetreuung.at

Monika Kotasek-Rissel, Kronen Zeitung

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