Das Volkshilfe-Frauenwohnhaus „hafen“ in Wien fährt quasi seine Ernte ein: Frauen, die nach unfassbaren Leidensgeschichten vor dem Nichts standen und ohne Perspektiven auf Zeit hier eingezogen sind, wagen nun den Neuanfang auf eigenen Beinen. Mit Erfolg.
Mit 14 Jahren wurde Wajma in Afghanistan gegen den Willen ihrer Eltern an einen 48-jährigen Taliban als dessen dritte Frau zwangsverheiratet. Das Ersparte ihrer Familie ermöglichte ihr später mit ihren Kindern die Flucht. Es verschlug sie nach Wien, wo sie in eine weitere Gewaltbeziehung rutschte. Auch das Leben von Alice aus Ghana – oder das von Dutzenden anderen im Frauen-Wohnhaus hafen* der Volkshilfe Wien – verlief nicht viel besser, bis sie vor drei Jahren hier Aufnahme fanden.
„Füreinander da sein, das kannte ich noch nicht“
Der hafen* am Ende der Heiligensstädter Straße öffnete 2023 als Experiment. Nun kann man sagen: Experiment gelungen. Volkshilfe-Chefin Tanja Wehsely erklärt, mit dem Konzept des dreijährigen Wohnrechts hier habe man Frauen vor allem zur Ruhe kommen lassen und den „Drehtüreffekt“ anderer Angebote durchbrechen wollen: „Da sollst du in sechs Monaten ein neues Leben aufbauen, und nach drei Monaten bist du wieder da.“
Die ersten Frauen, die vor drei Jahren hierher kamen, sind schon wieder ausgezogen: Eine Frau aus dem Iran kann endlich ihre Qualifikation als Biochemikerin im AKH-Labor ausspielen, eine Serbin arbeitet als hochqualifizierte Pflegekraft in der Intensivmedizin. Wajma wohnt ebenso seit drei Wochen in ihrer ersten eigenen Wohnung, auch wenn der Abschied schwer fiel: „Hier ist man füreinander da. Das kannte ich davor nicht.“
Die Zeit hier war die beste meines Lebens. Das ist meine Familie hier. Aber jetzt muss ich ein neues Leben bauen, für meine Kinder. Das schaffe ich.

Wajma, 32, drei Kinder, aus einer Zwangsheirat in Afghanistan geflohen
Bild: Volkshilfe Wien / John Kücükcay
Hier hatte Wajma auch zum ersten Mal Zeit, um Deutsch zu lernen. Damit tue sie sich leider noch schwer, seufzt sie. „Ich habe nie eine Schule besuchen dürfen“, sagt sie leise, die Augen zum Boden gerichtet. Die Kinder könnten die Sprache zum Glück viel besser.
Ich will für meine Kinder etwas Besseres als ich erlebt habe. Hier erleben sie zum ersten Mal, dass man nicht immer wegen allem streiten muss.

Alice, 46, studierte Psychologin, vier Kinder, aus Unterdrückung und Gewaltbeziehung in Ghana geflohen
Bild: Volkshilfe Wien / John Kücükcay
Im Hafen sei man für die „Mühen der Ebene“ von zerrütteten weiblichen Lebensgeschichten da, sagt Wehsely. Das solle man sich aber nicht als „Handerlhalten und Sozialromantik“ vorstellen: „Es ist ein Hafen: Du kommst, und Du gehst auch wieder. Das wollen die Frauen auch selbst. Alle wollen nach vorn schauen.“
Ein weiblicher Staffellauf aus Hilfe und Solidarität
Tatsächlich braucht es recht wenig Unterstützung: Pro Bewohnerin fallen im Schnitt laut „Hafenmeisterin“ Eva Szigetvari wöchentlich vier Stunden an Beratung und Hilfe an, „und am Abend und am Wochende ist nie jemand da.“ Ohnehin habe es aber „in drei Jahren keine einzige schwierige Situation gegeben.“ Zu einem Gutteil funktioniert der hafen* wie ein Staffellauf: Wer schon länger hier ist, wird ganz von selbst zum Vorbild für die neu Hinzugekommenen. Die Hälfte der Frauen hier ist berufstätig, die Hälfte davon in Vollzeit.
Trotzdem kennt auch Wehsely Aussagen wie „Wahnsinn, was die dort alles kriegen!“, erinnert aber daran: „Die Spirale abwärts im Leben von Frauen kostet viel mehr.“ Und damit meint sie nur Geld – und nicht, dass Gewalt und Not früher oder später jeden die Hoffnung auf ein lebenswertes Leben kostet.
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