Sie verunsicherten viele Menschen in der Corona-Pandemie: Berichte über seltene, aber teils tödliche Blutgerinnsel nach bestimmten Impfungen. Nun hat ein internationales Forschungsteam aufgeklärt, wie es zu diesen Fällen kommen konnte – und warum sie nur bei ganz bestimmten Impfstoffen auftraten.
Die Ergebnisse der Studie wurden aktuell im „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht. Sie beschäftigen sich mit dem sogenannten impfinduzierten Thrombose-mit-Thrombozytopenie-Syndrom (TTS), international auch VITT genannt. Dabei kommt es gleichzeitig zu gefährlichen Blutgerinnseln (Thrombosen) und zu einem Mangel an Blutplättchen, die eigentlich für die Gerinnung zuständig sind.
Sehr seltene Nebenwirkung
TTS trat extrem selten auf. In den USA entwickelte etwa eine von 200.000 geimpften Personen das Syndrom nach einer Impfung mit dem COVID-19-Vakzin von Johnson & Johnson. In Großbritannien waren es rund drei von 100.000 Menschen nach einer Impfung mit dem Vakzin von AstraZeneca. Beide Impfstoffe gehörten zu den sogenannten Vektor-Impfstoffen.
Diese Impfstoffe nutzten harmlose Adenoviren – Erkältungsviren – als Transportmittel, um genetische Informationen des Coronavirus in menschliche Zellen zu bringen. Das Immunsystem reagierte darauf, indem es Antikörper gegen das Coronavirus bildete. Für die große Mehrheit der Geimpften war das sicher und schützte wirksam vor schweren COVID-19-Verläufen.
Warum nur Vektor-Impfstoffe betroffen waren
Auffällig war schon früh, dass TTS nicht bei den mRNA-Impfstoffen auftrat, sondern nur bei den Vektor-Impfstoffen von AstraZeneca und Johnson & Johnson. Die neue Studie bestätigt nun: Das Problem lag nicht am eigentlichen Wirkstoff gegen das Coronavirus, sondern am viralen Transportmittel.
Das Immunsystem bildet nach einer solchen Impfung unter anderem Antikörper gegen ein bestimmtes Adenovirus-Eiweiß, das sogenannte Protein VII. Ein Teil dieses Proteins ähnelt jedoch einem körpereigenen Bestandteil des Blutgerinnungssystems, dem sogenannten Plättchenfaktor 4 (PF4).
Unglückliche Verkettung seltener Faktoren
Die Forschenden fanden heraus, dass Menschen mit einer bestimmten genetischen Veranlagung besonders anfällig waren. Bei ihnen verändert eine minimale chemische Abweichung die Struktur der Antikörper. Statt nur das Virus-Protein anzugreifen, binden diese Antikörper plötzlich an PF4.
Wird das Immunsystem nach einer Impfung stark aktiviert, kann es bei diesen wenigen Betroffenen zu einer massiven Bildung solcher fehlgeleiteten Antikörper kommen. Die Folge: gefährliche Blutgerinnsel, oft im Gehirn, bei gleichzeitigem Mangel an Blutplättchen. In der aktuellen Studie wurden Proben von 21 Menschen mit TTS untersucht – bei allen fand sich diese spezielle Veränderung.
„Zum ersten Mal konnten wir eine Autoimmunerkrankung bis zu ihrem ursprünglichen Auslöser zurückverfolgen“, erklärte der australische Immunpathologe Tom Gordon, einer der Studienautoren.
Kein Konstruktionsfehler der Impfstoffe
Die Forschenden betonen ausdrücklich, dass es sich nicht um einen grundlegenden Fehler im Impfstoff-Design handelte. Vielmehr sei es eine extrem unwahrscheinliche Abfolge mehrerer Faktoren gewesen. Weltweit dokumentierte Fälle führten dennoch dazu, dass Regierungen ihre Impfempfehlungen anpassten. In Großbritannien etwa wurde Menschen unter 40 Jahren ab 2021 geraten, auf alternative Impfstoffe auszuweichen.
Auch in Deutschland wurden Fälle registriert. Das Paul-Ehrlich-Institut meldete bis Ende Mai 2021 nach rund 9,2 Millionen Impfungen mit dem AstraZeneca-Vakzin 106 entsprechende Fälle, 21 Menschen starben.
Impfungen retteten Millionen Leben
Inzwischen werden die Impfstoffe von AstraZeneca und Johnson & Johnson nicht mehr eingesetzt. Die neuen Erkenntnisse sind dennoch von großer Bedeutung. Sie könnten helfen, künftige Vektor-Impfstoffe sicherer zu machen – etwa indem das problematische Virus-Protein gezielt verändert wird.
Fachleute betonen zugleich, dass die Impfungen in der Pandemie Millionen Leben gerettet haben. Die extrem seltenen Nebenwirkungen seien ein Beispiel dafür, wie wichtig eine sorgfältige Überwachung von Impfstoffen und eine transparente Kommunikation bei ungewöhnlichen Risiken sind.
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