Das Theater an der Wien zeigt seit diesem Wochenende Pablo Lunas Zarzuela „Benamor“. Christof Loy hat die spanische Operette ungebrochen als flotten, hervorragend besetzten, aber letztlich harmlosen Musiktheaterabend inszeniert.
Die Mutter des Sultans quält ein Geheimnis. Ihr erstgeborener Sohn ist eigentlich eine Tochter. Seine Schwester dagegen in Wahrheit ein Bruder. Nicht einmal die Geschwister selbst wissen darum. Als die beiden ins heiratsfähige Alter kommen, sorgt das für reichlich Verwirrungen und Turbulenzen. Im Theater an der Wien steht seit diesem Wochenende Pablo Lunas „Benamor“ auf dem Spielplan – eine spanische Zarzuela.
Regisseur Christof Loy hat die südliche Variante der Operette als flotten wie amüsanten Musiktheaterabend inszeniert. Hier fehlt es nicht an (derber) Komik und szenischem Schwung, die Figuren sind mehr als deutlich gezeichnet. Verzopfte Klischees und die leichte Muse lassen grüßen. So beklagen die Haremsdamen bitterlich, dass der Sultan sie nicht beglückt, scherzen Männer, wie oft sie ihren „Degen“ benutzen, und weint die schöne Sklavin darüber, nicht verkauft worden zu sein. Dazu gibt es etliche Missverständnisse und Slapstick. Über die (wenigen) Längen hilft die Ausstattung mit edlem Orient-Flair.
Was an der Produktion überzeugt, ist der (fast völlig) spanische Cast, allen voran die kultivierte Sopranistin Marina Monzó in der Titelpartie als burschikose Prinzessin und David Oller als schmelzig schmetternder Abenteurer Juan. Dass der Sultan, der eigentlich eine Sultanin ist, mit einem Sopranisten (überzeugend: Federico Fiorio) besetzt ist, könnte dem brachial-komischen Stück aus 1923 einen zeitgenössischen Dreh in Sachen Geschlechteridentität geben. Doch die Fülle an Schenkelklopfer-Gags, sexistischen Anzüglichkeiten und ungebrochener Sklavenromantik erstickt das im Keim.
Am Pult steht mit José Miguel Pérez-Sierra ein waschechter Zarzuela-Experte, der auf flotte Tempi und klare Kanten setzt. Das Radio-Symphonieorchester Wien setzt seine Lesart mehr als deutlich um. Das spanische Feuer wird hier zum deftig derben Feuerwerk.
Dass das Stück auch in den Dialogen spanisch bleibt, macht den Abend zwar rund und lässt ihn wie ein Gastspiel wirken, lässt aber so manchen Sprachwitz oder Gesten-Pointe liegen. Alles können Übertitel nicht leisten.
Insgesamt ist die Produktion eine in sich stimmige, wenn auch nicht überwältigende Österreichische Erstaufführung des Stücks nach 103 Jahren. Wer sich für drei hübsche Stunden der heiter gestrigen, etwas belanglosen Illusion hingeben möchte, es gäbe die Gegenwart nicht, ist hier genau richtig.
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