Schauspielhaus Wien

„Mundtot“ oder wie junge Frauen schweigsam bleiben

Kultur
17.01.2026 14:35

Das Schauspielhaus zeigt Miriam Unterthiners Stück „Mundtot“. Das sprachlich dichte Mosaik der preisgekrönten Autorin über Mechanismen und Übergriffe im Leistungssport gibt den jungen Frauen, die über die erfahrene Gewalt meist schweigen, eine starke Stimme.

Mädchenkörper am Übergang zum Frausein. Sie trainieren gemeinsam, wollen an die Spitze. Sie erleben, wie das Team sie prägt, wie das Endorphin sie berauscht – und wie Grenzen überschritten werden. Die 1994 geborene Autorin Miriam Unterthiner hat als junge Frau selbst intensiv Handball gespielt. Jetzt hat sie ihre eigenen Erfahrungen und die anderer junger Athletinnen zu einem Theaterstück destilliert. Für das Wiener Schauspielhaus hat Regisseurin Christiane Pohle das bereits preisgekrönte Stück am Freitag mit einem starken Team zur Uraufführung gebracht.

Der Bühnenraum von Anton von Bredow gleicht dabei einem zertrümmerten Spielfeld. Hier hat Gewalt stattgefunden. Vier starke Darstellerinnen – Tala Al-Deen, Iris Becher, Florentine Krafft, Sophia Löffler – und Musikerin Lens Kühleitner begeben sich in diesem Trümmerhaufen auf Spurensuche nach Erinnerungen. Sie lassen die Angriffe und Grenzüberschreitungen wieder lebendig werden, diese Zerstörung aus den eigenen Reihen.

Sprachlicher Trümmerhaufen
Das Stück besteht aus einer Folge schneller Assoziationsketten und innerer Monologe. Das macht den Text stark: dass er nicht langatmig erzählt, was da passiert auf der Untersuchungsliege beim Sportarzt, in der Kabine nach dem Training, in der Dusche, beim aufmunternden Tätscheln des Trainers am Spielfeldrand oder beim Kuss des Vereinspräsidenten nach dem hart erarbeiteten Sieg. Miriam Unterthiners Sprache verdichtet die abgehackten Sätze der Alltagssprache zu kunstvoller Bühnensprache. Mitunter reizt sie dabei die Grenzen der gegenderten Verständlichkeit aus.

„Mundtot“ beleuchtet Übergriffe im Spitzensport, erzählt als Innenschau junger Frauen. Da geht es um die Disziplin, mit der sie sich selbst übergehen,  ihre Zugehörigkeit zum Team, die jede Individualität ausschaltet, die Zerrissenheit zwischen Solidarität und Traumatisierung. Vor allem aber macht der Text das Schweigen greifbar, das die Mädchen dazu bringt, sich meist nicht gegen diese Übergriffe in einer vermeintlichen Schutzzone aufzulehnen – seien sie körperlich oder psychisch. Über dem Text schwebt eine verunsicherte Starre, die sie nicht einmal ein klares Nein formulieren lässt.

Auf den ersten Blick ist der Radius dieses Stückes ein kleiner: Mädchen erleben Verletzungen beim Handballtraining. Doch Unterthiner schafft es, die Szenen als Prototyp für eine Gesellschaft zu gestalten. Sie lenkt den Blick auf die größeren Mechanismen, die Trainer oder Ärzte glauben lassen, ihr Verhalten sei völlig normal. Und plötzlich geht es darum, wie eine ganze  Gesellschaft mit jungen Frauenkörpern umgeht, sie in knappe Bikinihöschen steckt auf dem Spielfeld, sie im Vergleich zu den Männern abwertet und doch begeistert anstarrt.

Im Finale weitet sich der Blick auch im Stück selbst. Da tauchen in „Mundtot“ reale Biografien junger Menschen auf, die all diese Grenzüberschreitungen im Spitzensport selbst erlebt haben. Und die ihr Schweigen gebrochen haben. Ein starkes Stück, das nachklingt – und das ein klares Ende verweigert: „Das hier hat kein Ende. Es geht weiter und immer weiter.“

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