Das Wiener Volkstheater scheitert an der kryptischen zweisprachigen Solidaritätsveranstaltung „Ukrainomania“. Der zu feiernde Joseph Roth bleibt eine klischierte, unscharfe Nebengestalt.
Besorgt fragt man sich am Ende, ob uns nächstens auch ein verbindlicher Tschechisch-Pflichtteil bei Kafka und Karl Kraus erwartet: Beide waren deutschböhmisch verwurzelt. Ihren Platz fanden sie aber exklusiv und epochemachend in der jüdisch-deutschsprachigen Literatur. So wie auch der bei Lemberg (Lviv) geborene Joseph Roth, die angebliche Hauptperson einer zweisprachigen Koproduktion des Volkstheaters mit dem ukrainischen Nationaltheater Maria Zankovetska. Wie man nach fast einstündiger zwangsaufgeräumter Publikumsaufwärmung mit englischen Übertiteln erfährt, wird man dem Ensemble auf eine Spurensuche nach Lviv folgen. Gefunden und mit ausgiebigem Video-Einsatz dokumentiert wurden allerdings beklagenswerte heutige Bewohner, die unter dem Krieg leiden.
Weshalb „Ukrainomania“ vom Regisseur Jan-Christoph Gockel und dem Dramaturgen Claus Philipp als Revue angekündigt ist, bleibt vollends unergründlich. Geboten wird ein zerfahrenes Gebilde mit geringem Roth-Anteil, der durch den mangelhaft motivierten Gebrauch des Namens Franz Tunda auffällt. Diesem Protagonisten des Romans „Flucht ohne Ende“ hätte man sich angesichts der waltenden weltpolitischen Katastrophen gern anvertraut. Es bleibt aber bei oberflächlichen biografischen Anmerkungen zum Verfasser mit obligaten Pop-Einlagen.
Nach zweieinviertel Stunden weiß man nicht, was man eigentlich gesehen hat. Am ehesten eine Solidaritätsveranstaltung mit mangelhaft verteilten Rollen, die handwerklich und emotional die Adressaten verfehlt. Das kommt nicht etwa aus dem Paläozoikum des postdramatischen Theaters (da war ja Aufregendes los), eher vom Beginn seiner endlosen Verfallszeit vor zwei Jahrzehnten. Und ist daher so alt wie alle Avantgarde von gestern.
Bernardo Arias Portas könnte den unglücklich durch die Welt getriebenen Roth gewiss verkörpern. Hier bleiben ihm nur biografische Allerweltsbefunde. Alicia Aumüller, Stefan Suske, Samouil Stoyanov, Solomiya Kyrylova und Nancy Mensah-Offei tun, was sie teils erwiesenermaßen, teils hochrechenbar besser könnten.
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