Weniger harmonisch

Neues Buch kratzt an Gründungsmythos von Twitter

Web
06.11.2013 14:11
Der Gründungsmythos gehört zum Silicon Valley wie das Eis zum Sommer. Jede Firma hat einen, und bei den Unternehmen, die es zu Ruhm und Geld bringen, wird er besonders oft erzählt. Facebook entstand demnach in Marc Zuckerbergs Zimmer im Studentenwohnheim, Apple in der Garage der Eltern von Steve Jobs. Auch Twitter hat so eine Gründungsgeschichte. Sie handelt von drei Freunden, die auszogen, die Welt zu verändern. Nach dem mit Spannung erwarteten Börsengang wird das Unternehmen Milliarden wert sein. Doch in die Vorbereitungen platzt ein Buch, das dem Twitter-Mythos Kratzer verpasst.

Nick Bilton hat es geschrieben, ein erfahrener Journalist der US-Zeitung "New York Times". Folgt man seiner Darstellung, war der Anfang von Twitter spannender und deutlich weniger harmonisch als die offizielle Version. Die bekannte Variante lautet ungefähr so: Twitter entsprang einem Geistesblitz von Jack Dorsey, einem rebellischen und ambitionierten Programmierer. Gemeinsam mit seinen Freunden Evan Williams und Biz Stone gründete er das Unternehmen, Dorsey wurde Chef. Er schickte den ersten "Tweet", der sogar in den Börsenunterlagen zitiert wird.

Später tauschten Dorsey und Williams die Rollen, Dorsey war nun Vorsitzender des Verwaltungsrats. Er gründete ein weiteres Unternehmen, während Twitter schnell wuchs. Wo anfangs Freunde über ihr Mittagessen plauderten, schickten bald Popstars, Präsidenten und Protestierende ihre 140 Zeichen langen Mitteilungen um die Welt. Während der Revolutionen des Arabischen Frühlings nutzten Demonstranten den Dienst, um sich Gehör zu verschaffen. Inzwischen sind 230 Millionen Menschen auf Twitter aktiv. Nur Geld verdient das Netzwerk immer noch nicht. Sonst ist es eine Erfolgsgeschichte des Silicon Valley, wo zahllose Start-ups gegründet werden und viele scheitern.

Zwei Seiten einer Geschichte
Autor Bilton erzählt eine etwas andere Version der Ereignisse. Demnach basiert Twitter nicht allein auf der Idee eines begabten Programmierers. Stattdessen habe der Erfolg viele Väter gehabt. Einer davon sei praktisch vergessen: Noah Glass. Glass gründete die Firma Odeo, die nie abhob. Als Odeo zusammenbrach, sei aus den Ruinen die Idee für Twitter entstanden. Folgt man Bilton, so war Glass maßgeblich daran beteiligt. Er sei es gewesen, der dem neuen Dienst seinen Namen gab. Er und Williams hätten das Potenzial von Twitter zur Kommunikation erkannt.

Innere Konflikte
Doch Glass habe sich nicht gegen seine Freunde behaupten können. Er sei herausgedrängt worden, bevor Twitter populär wurde. Das Spiel soll sich mehrmals wiederhol haben: Erst wurde Dorsey Chef, dann Evan Williams, später übernahm Dick Costolo. Es wirkt beinahe wie ein Wunder, dass Twitter nicht von diesen Konflikten zerrieben wurde. Die Winkelzüge hätten die Freundschaft zwischen den Gründern so nachhaltig gestört, dass Dorsey zwischenzeitlich sogar beinahe zum Rivalen Facebook gewechselt wäre, berichtet Bilton. Glass könne den empfundenen Verrat heute noch kaum verwinden. Seine Selbstbeschreibung auf Twitter lautet: "I startet this" - etwa: "Das hier war meine Idee".

"Geld, Macht, Freundschaft und Verrat"
Bilton hat sich offensichtlich Mühe gegeben, sein Buch nicht nur für Szenekenner zu verfassen. Er will "eine wahre Geschichte von Geld, Macht, Freundschaft und Verrat" erzählen, so der deutsche Titel des Werks, für das der Autor mit allen vier Gründern und vielen weiten Personen sprach und sich durch interne E-Mails und Dokumente wälzte. Sein Buch ist vor allem eine Erinnerung, dass auch die Techniker in Silicon Valley gerne mal eine gute Geschichte erzählen.

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