Arm abgetrennt

Tibor Aradi (37): “Gelassenheit rettete mein Leben”

Österreich
18.05.2013 13:44
Seine Geschichte geht um die Welt: Tibor Aradi kommt mit seinem Arm im Kofferraum ins Krankenhaus und löst brav ein Parkticket. Auch was danach passiert, ist unglaublich.

Abteilung für Plastische und Rekonstruktive Chirurgie des Wiener AKH: "Wunderpatient" Tibor Aradi wird gerade von der Intensivstation in ein Einbettzimmer verlegt. Dort sitzt er ganz vergnügt im Bett, seinen bereits dreimal operierten rechten Arm hat er auf zwei gelbe Kissen gebettet - nur die Finger schauen aus dem weißen Verband. "Ich greife sie immer wieder an, um zu sehen, ob sie noch warm sind", erzählt er. 

Die Ärzte bescheinigen dem 37-Jährigen erstaunliche Genesungsfortschritte. So entschlossen, wie er nach seinem schweren Arbeitsunfall vor sieben Tagen mit dem abgetrennten Arm im Gepäck selbst in das 17 Kilometer weit entfernte Krankenhaus gefahren ist, so entschlossen ist er auch, das AKH schnellstmöglich wieder zu verlassen.

"Krone": Herr Aradi, wie geht's Ihrem Arm?
Tibor Aradi: Er fühlt sich noch taub an, wie eingeschlafen. Trotzdem kann ich spüren, dass er da ist. Im Kopf konnte ich meinen Arm immer spüren und bewegen. Ich konnte die Nerven stimulieren, obwohl der Arm nicht dran war.

"Krone": Können Sie schon glauben, was am 11. Mai geschehen ist?
Aradi:
 Mir war jede Sekunde bewusst, was passiert. Deshalb bin ich ja sofort zum Auto gerannt und losgefahren. Erst nach 100 Metern dachte ich: Oh Gott, meine Hand ist ja noch in der Maschine! Ich bin zurückgefahren, ausgestiegen und hab' die Hand aus dem Staub gefischt.

"Krone": Was haben Sie am Samstag ganz allein auf der Bauschutt-Deponie gemacht?
Aradi: Überstunden. Es ist dann ein Stein in der Siebanlage hängen geblieben. Als ich ihn rausfischen wollte, wurde mein Arm hineingezogen.

"Krone": Was ist das für ein Moment, wenn einem der Arm abgetrennt wird?
Aradi: Ich habe nichts gespürt. Ich habe nur gesehen, wie mein Arm aus dem Pulloverärmel rausrutscht und in die Anlage fällt. Ich konnte es gar nicht richtig glauben. Ich dachte: Sofort zum Arzt!

"Krone": Warum haben Sie nicht die Rettung gerufen?
Aradi: Das wollte ich nicht. Die hätten mir doch niemals geglaubt. Ich bin Ausländer, spreche nicht hundertprozentig gut Deutsch. Außerdem wollte ich nicht warten. Bis die sich ins Auto setzen, bin ich schon 20 Kilometer gefahren. 

"Krone": Pardon, aber wie fährt man Auto, wenn der rechte Arm fehlt?
Aradi: Mit dem linken! (lacht) Den rechten hab' ich mit meinem Pullover abgebunden. Es war eine Herausforderung. Ich habe mit der linken Hand geschaltet und mit den Knien gelenkt. Und ich habe auch noch Wasser getrunken, damit ich nicht zu viel Flüssigkeit verliere.

"Krone": Warum sind Sie - mit dem Arm im Kofferraum - gerade ins Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Eisenstadt gefahren?
Aradi: Weil ich das kannte. Ich habe beim Umbau des Krankenhauses dort als Lkw-Fahrer gearbeitet. Ich dachte: Wenn es sich ausgeht, fahre ich bis zum Spital. Wenn nicht, dann wenigstens auf eine Straße, wo Menschen sind, die mir helfen können.

"Krone": Um diese Coolness werden Sie jetzt beneidet: Haben Sie Nerven aus Stahl?
Aradi: Es scheint so! Ich glaube, meine Gelassenheit hat mir wirklich das Leben gerettet.

"Krone": Gelassenheit haben Sie auch an den Tag gelegt, als der Portier Sie nicht auf den Parkplatz fahren lassen wollte. Warum haben Sie ihn nicht angeschrien und das Auto einfach stehen gelassen?
Aradi: Ich habe ins Mikro gesagt (den folgenden Satz spricht Tibor A. laut und deutlich auf Deutsch): "Bitte helfen Sie mir, meine Hand ist kaputt, abgerissen!" Und dann habe ich ihm meinen blutenden Stumpf gezeigt. Er hat gesagt, ich muss auf den Besucherparkplatz fahren. Ich habe mir gedacht: Ist wurscht, stell' ich mich halt dorthin.

"Krone": Was passierte dann?
Aradi: Ich kam mit meinem Arm in die Ambulanz, aber man hat mich auf die Ebene "minus 2" weitergeschickt. Den Liftknopf habe ich mit dem linken Ellbogen gedrückt, denn in der Hand hatte ich ja meinen Arm. Auf "minus 2" war aber niemand. Ich bin herumgeirrt, erst nach einer Weile fand ich eine Krankenschwester. Ich hab' ihr den Arm hingelegt und gesagt: "Seien Sie doch so lieb und tun Sie was damit." Sie schlug die Hände über dem Kopf zusammen und meinte: "Jesus Maria, was ist denn mit Ihnen los?" Dann kamen endlich viele Ärzte.

"Krone": Hat sich das Krankenhaus bei Ihnen entschuldigt?
Aradi: Nein, aber sie haben meinem Vater die Parkgebühr für mein Auto erlassen.

"Krone": Sie wurden dann ins AKH geflogen. Was war Ihr erster Gedanke, als Sie nach der OP aufgewacht sind?
Aradi: Mein Arm war unter der Decke, ich war ganz benebelt von den vielen Medikamenten. Dann war auch schon meine Familie da. Alle haben geweint, ich auch.

"Krone": Was ist jetzt Ihr größter Wunsch?
Aradi: Dass ich schnell gesund werde. Ich muss die Raten für meinen Hauskredit zahlen, und das kann ich nicht, wenn ich hier herumliege. Mein Chef war auch schon da. Sobald ich gesund bin, kann ich am nächsten Tag wieder arbeiten, hat er mir versprochen.

"Krone": Ist da auch der Gedanke, dass Sie Ihren rechten Arm vielleicht nie mehr benutzen können?
Aradi: Ja... Aber ich habe Glück, denn ich bin Linkshänder... (strahlt über das ganze Gesicht)

"Krone": Wie kommt es, dass Sie so fröhlich sind?
Aradi: Es geht mir gut. Und ich lache gern. Sogar über Einarmigen-Witze, falls Sie einen kennen.

Seine Geschichte
Geboren am 27. April 1976 in Dunaújváros südlich von Budapest. Der Vater ist Baggerfahrer, die Mutter Schneiderin - ein jüngerer Bruder, eine ältere Schwester. Tibor Aradi wird Fernfahrer. Seit acht Jahren arbeitet er in Österreich, seit fünf Jahren auf jener Bauschutt-Deponie in Purbach im Burgenland, wo auch schon sein Vater gearbeitet hat. Er ist mit Szuszanna verheiratet, das Paar hat eine sechsjährige Tochter, Dominica, und lebt in der westungarischen Gemeinde Halászi.

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