Opfer zur "Krone":

“Ich lag auf den Gleisen und hörte schon den Zug”

Österreich
07.01.2013 17:00
Erst hallten rassistische Beschimpfungen durch die U-Bahn-Station Taborstraße, dann verpasste der 51-jährige Wiener Josef S. der Kenianerin Nelly A. Faustschläge ins Gesicht - und stieß die 36-Jährige auf die Gleise der U2. Die Frau wurde bei dem Sturz so schwer verletzt, dass sie sich nicht mehr selbst aus der Todesfalle retten konnte. Zeugen stoppten den nahenden Zug im letzten Moment. Grund der Eskalation: Josef S. hatte sich durch zu lautes Telefonieren gestört gefühlt.

Er habe die Frau nicht verletzen wollen, sagte Josef S. nach seiner Verhaftung zur Polizei. Er habe Nelly A. am Samstag um 23.40 Uhr "einfach nur auf Distanz halten wollen". Nur dass diese Distanz bis auf die Schienen der U2 reichte.

Was war passiert? Nelly A. hatte mit einer Freundin, die in der Taborstraße in Wien-Leopoldstadt ein Friseurgeschäft betreibt, auf die U-Bahn gewartet - die Freundin telefonierte mit ihrem Handy. Zur selben Zeit befanden sich Elektriker Josef S. und seine Lebensgefährtin auf dem Bahnsteig. Die rief rassistische Beschimpfungen in Richtung der beiden Kenianerinnen.

"Und dann hörte ich schon den Zug"
"Ich bin zu ihr hin und habe sie gefragt, was sie gesagt hat. Ich kann die Wörter nicht wiederholen. Dann hat mir der Mann schon ins Gesicht geschlagen", schildert Nelly A. die Ereignisse vom Krankenbett aus. "Plötzlich kam ein Stoß. Ich fiel. Lag auf den Schienen. Konnte mich nicht bewegen. Und dann hörte ich schon den Zug", so die Babysitterin, die seit neun Jahren in Wien lebt "und bis Samstag einmal beschimpft" worden war. Drei couragierten Bürgern verdankt sie ihr Leben. Sie betätigten den Notstopp am Bahngleis und zerrten die 36-Jährige aus dem Abgrund.

"Im Notfall hätte sich die Frau auch in die Rettungsnische neben den Gleisen retten können. Leider wissen die wenigsten Menschen, dass es die gibt", sagt Dominik Gries, Sprecher der Wiener Linien.

Während Josef S. flüchtete, konnte die Freundin der Verletzten dessen Lebensgefährtin festhalten. Als die Polizei eintraf, musste sie ihren Liebhaber verraten. Der 51-Jährige wurde wenige Stunden später festgenommen und wegen versuchten Mordes angezeigt.

"Menschen danken, die mich gerettet haben"
Nelly A. erlitt einen komplizierten Fersenbeinbruch. Kurz vor ihrer Operation sagte sie zur "Krone": "Ich möchte den Menschen danken, die mich gerettet haben."

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