06.09.2012 11:46 |

krone.at-Interview

Pepi Hickersberger: "Team ist heute viel stärker als 2008"

Die Wertigkeiten im Leben des Josef Hickersberger haben sich verschoben. Zwar besticht sein Lieblingsterrain nach wie vor durch saftiges Grün - allerdings zwingt er darauf neuerdings lieber Golf- statt Fußbällen seinen Willen auf. Kurz vor dem Abflug nach Schottland zum Pitchen und Putten sinnierte er für krone.at über die Entwicklung des ÖFB-Teams, die Chancen gegen Deutschland, Didi Constantini und Paul Scharner.

krone.at: Wo werden Sie sich das WM-Qualifikationsspiel Österreich gegen Deutschland ansehen, Herr Hickersberger?
Josef Hickersberger: Ich nehme an, dass das Spiel auf ARD oder ZDF übertragen wird. Auf einem dieser Sender werde ich es mir in Schottland im Hotelzimmer anschauen.

krone.at: Kribbelt's vor so einem Spiel bei Ihnen noch, oder lässt Sie das mittlerweile kalt?
Hickersberger: Nein, so ein Spiel lässt niemanden kalt. Aber dieses Kribbeln wie vor meinem letzten Spiel als Teamchef bei der EM 2008 gegen Deutschland habe ich natürlich nicht mehr.

krone.at: Apropos: Wie genau haben Sie dieses Spiel noch in Erinnerung?
Hickersberger: Das Spiel habe ich als das schwächste meiner Mannschaft bei dieser Europameisterschaft in Erinnerung. Wir haben gegen Kroatien in der zweiten Halbzeit und vor allem gegen Polen viel besser gespielt, aber leider halt die Tore nicht gemacht. Vom Spiel gegen Deutschland ist mir vor allem der entscheidende Freistoß von Ballack – aus schier unendlicher Entfernung – in besonders unangenehmer Erinnerung.

krone.at: Haben Sie die Aufstellung noch im Kopf?
Hickersberger: Bumm, da müsste ich lange nachdenken. Aber der Reihe nach: Macho war im Tor. Dann haben gespielt: Garics, Stranzl, Pogatetz, … (überlegt) Hiden war noch dabei. Im Mittelfeld: Ivanschitz, Fuchs. Dann Korkmaz natürlich … (überlegt).

krone.at: Aufhauser spielte noch im Mittelfeld.
Hickersberger: Richtig, der Rene, dann Harnik, … (überlegt) und Leitgeb.

krone.at: Nein, dafür aber Hoffer im Sturm.
Hickersberger: Der Jimmy, natürlich.

krone.at: Ist der Kader, der Marcel Koller heute zur Verfügung steht, qualitativ besser als der eben genannte?
Hickersberger: Ich bin sicher, dass die heutige Mannschaft viel mehr individuelle Qualität besitzt als noch vor vier Jahren. Vor allem, weil sehr viele Spieler nicht nur im Ausland tätig sind, sondern bei guten Vereinen auch wichtige Positionen innehaben. Das Team ist heute bei weitem stärker als 2008.

krone.at: Klingt fast, als wären Sie ein wenig neidisch auf Marcel Koller und seinen Kader.
Hickersberger: Ich kenne keinen Neid. Schon gar nicht Herrn Koller gegenüber. Ich weiß um die Tücken des Teamchefpostens in Österreich sehr gut Bescheid. Die Gefahr einer Blamage ist in Österreich immer größer, als Erfolg zu haben.

krone.at: Aber doch nicht gegen Deutschland. Gegen den Nachbarn können wir ja nur gewinnen. Insofern müsste ein solches Spiel ja eine dankbare Aufgabe für einen österreichischen Teamchef sein, nicht?
Hickersberger: Ist es nicht. Weil die Erwartungshaltung in Österreich nicht ganz realistisch ist. Deutschland hat in den vergangenen 74 Qualifikationsspielen nur zweimal verloren, und zwar jeweils daheim gegen England und Portugal. Das ist eine Wahnsinnsbilanz.

krone.at: Woran dürfen wir also gegen Deutschland realistischerweise glauben?
Hickersberger: Ich glaube, dass wir berechtigterweise auf einen Punkt hoffen dürfen.

Krone.at: Ihr Ergebnistipp?
Hickersberger: 1:1.

krone.at: Haben Sie seinerzeit verstanden, dass Ihr Nach-Nachfolger Didi Constantini auf Andreas Ivanschitz verzichtet hat?
Hickersberger: Jeder Trainer hat seine eigenen Vorstellungen. Ich war aber überrascht, dass Didi die Mannschaft auf so vielen Positionen verändert hat. Sicher – er hat Alaba auch schon sehr früh entdeckt und ins Team geholt, aber der Verzicht auf Ivanschitz war teilweise sehr schwierig zu erklären. Da hat sich der Didi selbst keinen Gefallen getan. Ivanschitz hat bei Mainz teilweise überragende Leistungen erbracht. Ihn damals zu ignorieren, war von Constantini ziemlich starrsinnig.

krone.at: Auch über Paul Scharner, den Sie 2006 schon ausgebootet haben, muss man dieser Tage mit Ihnen sprechen. Bestätigen die jüngsten Eskapaden, die er sich geleistet hat, das Bild, das Sie von ihm haben?
Hickersberger: Nein. Ich habe mit Scharner nur das Problem gehabt, dass er mir ein Jahr vor der EM zu verstehen gegeben hat, dass Wigan für ihn wichtiger sei als das Team. Damit war der Fall für mich erledigt.

krone.at: Diesmal hat er sich eigenen Angaben zufolge lediglich nicht mit der Backup-Rolle, die Koller angeblich für ihn vorgesehen hatte, zufriedengeben wollen. Ist das nicht auch verständlich? Einen Stammplatz habe er nie gefordert, sagt er.
Hickersberger: Ich habe mir aus den teilweise widersprüchlichen Aussagen bis heute kein klares Bild machen können. Natürlich habe ich höchstes Verständnis dafür, dass jeder arrivierte Spieler auf dem Feld stehen will. Aber in der Situation, in der sich Scharner befand – keine Vorbereitung, kein Vorbereitungsspiel –, konnte er nicht davon ausgehen, dass er gegen die Türkei spielen würde. Daher war sein Verhalten absolut untolerierbar.

krone.at: Sie hätten also auch so gehandelt wie Koller?
Hickersberger: Selbstverständlich.

krone.at: Wann werden Sie wieder auf einer Trainerbank Platz nehmen?
Hickersberger: Kann ich nicht sagen. Derzeit genieße ich meinen Urlaub in Wien sehr.

krone.at: Gibt's ein Angebot?
Hickersberger: Derzeit nicht. Sollten welche kommen, werde ich sie natürlich prüfen. Und wenn nicht, werde ich mein Leben auch weiterleben.

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