26.09.2021 08:00 |

Steiermark History

Die Geheimnisse des Grazer Rathauses

Gehen Sie mit auf eine Zeitreise ins Mittelalter, als die Machtzentrale der Landeshauptstadt noch nicht am Hauptplatz zu finden war. Und erfahren Sie, warum man noch heute Zellengitter im Gebäude findet.

Es ist ein unscheinbares weißes Gitter, das Besucher üblicherweise übersehen. Hätte uns Andreas Ledl von der städtischen Präsidialabteilung nicht darauf hingewiesen, wären wir ebenso durch die darunter liegende Tür marschiert, ohne es zu bemerken. Für viele Menschen bedeuteten die kalten Metallstreben einst aber das Ende ihrer Welt. Denn sie gehörten zu den Arrestzellen des Gefängnisses im oberen Teil des Grazer Rathauses. Von hier aus traten Verurteilte auch ihren letzten Weg zur Hinrichtungsstätte an.

Diese dunklen Zeiten sind gottlob längst vorbei, jetzt fungiert der späthistoristisch-altdeutsche Repräsentativbau nur mehr als Sitz des Bürgermeisters mit seiner Stadtregierung und Teilen der Verwaltung.

Begeben wir uns aber auf eine Zeitreise zurück ins Mittelalter: Die Bürger, Händler, Kaufleute und Handwerker kannten noch kein Rathaus, das war noch nicht gebaut, dafür war der Hauptplatz doppelt so groß wie heute und reichte bis zur Landhausgasse. Erst um 1450 bekam Graz eine Kanzlei in der Judengasse, in der es nicht nur förmlich, sondern mitunter auch heiter zuging. Denn es zogen nicht nur amtliche Schreiber ein, sondern auch ein Wirt, der in seiner Taverne welschen Wein ausschenkte.

Es dauerte nicht lange, da forderte die Bürokratie mehr Platz - der alte Bau platzte aus allen Nähten. Ein größeres Gebäude musste her, also errichteten die Stadtoberen 1550 ein neues Rathaus im Renaissancestil.

Standort erst seit 1550 am Hauptplatz
Im Vergleich zu heute schlicht und schmucklos - aber dafür endlich direkt auf dem Hauptplatz, wie es sich gehörte. Aber damit endete die lange Baugeschichte noch nicht, nein, 1803 hieß es wieder: zurück an den Start! Das „bescheidene“ erste Haus am Platz wurde demoliert und von 1805 bis 1807 neu errichtet. „Hier wohnte nun auch der Bürgermeister, die Militärhauptwache siedelte ein und es gab schon Einkaufsläden im Erdgeschoß“, weiß Ledl. Der Bau kostete 150.000 Gulden, die durch eine eigens eingeführte Weinsteuer lukriert wurden.

Drei Privathäuser mitten im Amtsgebäude
Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Grazer Rathaus so umgebaut, wie es anno 2021 - im Großen und Ganzen - jeder kennt. Für die Erweiterung kaufte man umliegende Gebäude dazu - die Eigentümer der Häuser Herrengasse 4, 6 und 8 stemmten sich aber vehement dagegen. Mit Erfolg. Denn was heute kaum jemand weiß: „Seitdem gibt es noch immer drei Privathäuser im Rathaus-Komplex.“

Fassadenschmuck war vielen zu üppig
Was auch fast kein Grazer kennt: den atemberaubenden Blick vom fast 50 Meter hohen Turm - vorbei am Rathausmann - über die Landeshauptstadt. Den gewährt uns Ledl, der aktuell auch für die Umbauten im Gemeinderatssitzungssaal verantwortlich zeichnet, nach langem Aufstieg über die eiserne Wendeltreppe.

Übrigens: In den 1960er-Jahren wollten die Stadtregierer den üppigen Skulpturenschmuck auf der Fassade abräumen. „Zu viel des Guten“, hieß es damals. Die Grazer liebten ihr Rathaus aber schon damals, und zwar genauso wie es ist - und stimmten in einer Volksbefragung für den Beibehalt all seiner Figuren und Porträts.

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