18.07.2021 06:00 |

Instrument der Macht

Olympische Spiele und Politik bis zum 2. Weltkrieg

Nach der Fußball-EM ist vor den Olympischen Sommerspielen. Beim größten Sportereignis der Welt geht es um viel mehr als Meter und Sekunden. Denn die Spiele wollten unpolitisch sein und waren es nie. In einer dreiteiligen „Krone“-Serie analysiert Peter Filzmaier die Olympiapolitik.

1. Als der französische Adelige Baron Pierre de Coubertin 1896 in Athen die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit organisierte, wurden Frieden, Völkerverständigung und Diskriminierungsverbot als in der Theorie zutiefst politische Ziele im positiven Sinn verkündet. Leider sah die Praxis anders aus: Allzu oft dominierten Nationalismus, Rassismus und Sexismus.

2. Frauen etwa waren unerwünscht, und durften später nur in ausgewählten Sportarten antreten. Vor allem jedoch stand der deutsch-französische Konflikt im Mittelpunkt: Der in Wahrheit sehr nationalistische Coubertin wünschte sich in Interviews, dass man die Deutschen ausschließt. Deren Turnerschaft wiederum sah Olympiateilnehmer als Landesverräter und warf sie aus den Vereinen.

3. Vier Jahre später sollten bei den Spielen in Paris 1900 den germanischen Nachbarsportlern als Unterkunft in einer Kaserne Räume ohne Betten bereitgestellt werden. Dafür gab es Wandinschriften mit ordinären Schmähbotschaften. Ach ja, und als endlich Betten geliefert wurden, waren diese bei Rückkehr der Deutschen von den Wettkämpfen voll mit Urin und Fäkalien.

4. Die Olympischen Spiele 1920 in Antwerpen waren nur für Sieger des Ersten Weltkriegs. Obwohl die Olympische Fahne mit den fünf Ringen die Gemeinsamkeit aller Erdteile symbolisiert, durften die Kriegsverlierer Deutschland und Österreich nicht dabei sein. Wie das? Ausschlüsse hätten der Völkerverständigung widersprochen, zudem waren beide Länder inzwischen Demokratien. Also trickste das Internationale Olympische Komitee (IOC). Man überließ die Einladungen dem Veranstalterland Belgien, wo die Deutschen 1914 unter Missachtung der Neutralität einmarschiert waren. Im Wissen, dass es keine belgischen Einladungsbriefe geben würde.

5. Der größte Sündenfall in der Lebenslüge der „unpolitischen“ Olympischen Spiele ereignete sich 1936 in Berlin, wo das IOC Adolf Hitler Propagandaspiele ermöglichte. Obwohl die Nationalsozialisten die Spiele als „rasselos“ bezeichnet und einen Ausschluss schwarzer Sportler gefordert hatte. Die Rücknahme dieser rassistischen Forderung sahen die Nazis als Preis für ihren Antisemitismus. Reichsportführer von Tschammer und Osten verkündete schamlos gegenüber internationalen Nachrichtenagenturen, dass der deutsche Sport „nur für Arier da“ wäre.

6. Im IOC gab es kaum kritische Stimmen gegen die Verfolgung der Juden. Bei Sitzungen über eine mögliche Verlegung der Olympischen Spiele war oft weniger als die Hälfte der Mitglieder anwesend. Man begnügte sich mit scheinheiligen Garantierklärungen der Nazis, dass Juden ja teilnehmen dürften - obwohl Hitler persönlich klarstellte, dass das sicher nicht für das deutsche Team gilt. Als ein amerikanisches IOC-Mitglied einen Boykott befürwortete, wurde der Mann vom IOC als Verräter bezeichnet und kurzerhand ausgeschlossen.

7. Die USA, wo es eine stärkere Boykottbewegung gab, entsandten eine „Einmannkomission“ nach Deutschland. Sie bestand aus dem späteren IOC-Präsidenten Avery Brundage. Dieser sprach nicht deutsch, war sechs Tage in Berlin, traf ausschließlich von der NSDAP ausgesuchte Gesprächspartner in Kaffeehäusern und im Nobelhotel Kaiserhof. Vor der Reise erklärte Brundage, dass sein Sportverein in Chicago ja schließlich auch keine Juden aufnehmen würde, Nachher verkündete er die Berliner Spiele der Nazis würden „das Verständnis der Menschheit fördern“.

8. Zynischer und widerlicher konnte man die Boykottdiskussion nicht beenden. In Berlin dachten sich die Nazis ein „arisches Bewertungssystem“ aus, das von Schwarzen als „Untermenschen“ gewonnene Medaillen nicht berücksichtigte. Also auch nicht jene des Afroamerikaners Jesse Owens, der mit vier Goldmedaillen - über 100 Meter, 200 Meter und der 4x100 Meter Staffel im Laufen sowie im Weitsprung - zum sportlichen Superstar wurde.

9. Hitler hatte am ersten Tag der Leichtathletikbewerbe deutschen Olympiasiegern gratuliert, nach den Erfolgen von Owens erklärte er jedoch „Die Amerikaner sollten sich schämen, ihre Medaillen von Negern gewinnen zu lassen. Ich werde diesem Neger nicht die Hand schütteln!“ und „Glauben Sie, dass ich mich fotografieren lassen, wie ich einem Neger die Hand schüttle?“. So schilderte es NSDAP-Reichsjugendführer und der spätere Gauleiter von Wien Baldur von Schirach, ein Hitlervertrauter.

10. Avery Brundage strickte die falsche Legende, Hitler wäre nur auf das Protokoll aufmerksam gemacht worden, dass er als Staatsoberhaupt auf Gratulationen verzichten solle. Als 1984 in Berlin eine Straße nach Jesse Owens benannt wurde, erzählte der deutsche IOC-Vizepräsident Willi Daume in seiner Festrede dieselbe erfundene Geschichte. Was ihn dazu bewogen hat? Dazu der Leiter des jüdischen Dokumentationsarchivs, Simon Wiesenthal: „Vielleicht Daumes Naziparteinummer 6098980“ ...

Peter Filzmaier erzählt in den Sportübertragungen des ORF ab 23. Juli in täglichen Kurzdokumentationen „Geschichten mit Geschichte“ über historische und politische Aspekte der Olympischen Spiele. In der „Krone“-Serie geht es kommenden Sonntag über die Olympischen Spiele im Kalten Krieg.

Peter Filzmaier
Peter Filzmaier
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