06.04.2021 13:09 |

EU-weiter Vergleich

Österreich könnte bald zum Impfnachzügler werden

Nachdem die EU ihr selbst gesetztes Impfziel bis Ende März klar verfehlt hat, sind auch die Aussichten für das zweite Quartal nicht unbedingt rosig. Unter EU-Diplomaten kursiert eine Grafik, die anhand der bestellten Impfstoffmengen die geschätzte Durchimpfungsrate der einzelnen Länder auflistet - dabei zeigt sich etwa, dass besonders Österreich im Vergleich deutlich zurückfallen dürfte.

Bis Ende März sollten nach den Plänen der EU-Kommission mindestens 80 Prozent der Menschen über 80 Jahre gegen das Coronavirus geimpft sein. Doch davon sind die meisten Länder noch weit entfernt - nur fünf Nationen haben drei Monate nach Beginn der Impfkampagne diese Schwelle überschritten.

Brisante Prognose
Doch mit den schlechten Nachrichten noch nicht genug zeichnen Prognosen auch für die nächsten Monate weiterhin ein eher düsteres Bild der Lage. Wie das Polit-Magazin „Politico“ berichtet, sorgt aktuell nicht nur die Diskussion um die Impfstoffverteilung innerhalb der Staatengemeinschaft für Ärger, sondern auch eine Schätzung, die die Impfrate der einzelnen Länder bis zum 30. Juni voraussagt.

Diese basiere auf den derzeit fixierten Bestellmengen der Länder und geht davon aus, dass die vereinbarten Lieferungen auch tatsächlich von den Herstellern eingehalten werden, so das Magazin. Nicht berücksichtigt sind dabei aber weder die kürzlich ausverhandelten vorgezogenen Impfstofflieferungen, sowie zusätzlich bestellte Dosen von EU-weit noch nicht zugelassenen Impfstoffen wie „Sputnik V“ oder „Sinopharm“.

Fällt Österreich beim Impfen zurück?
Die Auflistung lässt aber Zweifel an dem Versprechen von Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) vom Samstag aufkommen, dass „wir in den nächsten 100 Tagen die Möglichkeit haben werden, jedem, der sich impfen lassen möchte, zumindest die erste Impfung anzubieten“. Liegt Österreich derzeit mit seiner Durchimpfungsrate von 14,11 Prozent (zumindest die erste Dosis erhalten) noch etwas über dem EU-Schnitt, droht im Zuge des zweiten Quartals ein klarer Rückfall (siehe Grafik unten).

Die Spitzenreiter der Prognose sind Malta (92,3%), Dänemark (79,1%) und die Niederlande (63,8%) - Österreich läge demnach mit einer Rate von 50,1 Prozent nur noch vor Estland (47,4%), Tschechien (43,6%), Lettland (42,2%), der Slowakei (39,3%) sowie Kroatien (36,1%) und Bulgarien (36%).

Gründe sind vielfältig
Die derart ungleiche Verteilung geht dabei auf mehrere Gründe zurück. So haben sich die Staaten etwa bei der gemeinsamen Bestellung der Impfdosen auf unterschiedliche Verteilungsschlüssel der Hersteller geeinigt - manche Staaten haben hierbei (oft aus Kostengründen) auf Kontingente verzichtet, die dann von anderen aufgekauft wurden.

Produktionsprobleme, Lieferschwierigkeiten
Eine wesentliche Rolle spielen aber auch die Lieferverzögerungen: Während etwa Biontech/Pfizer mehr Dosen liefern konnte als vereinbart, liegt der britisch-schwedische Pharmakonzern aufgrund von Produktionsschwierigkeiten deutlich hinter den Erwartungen zurück. EU-Beamte bezweifeln daher, dass das Unternehmen bis Ende Juni die vereinbarten 180 Millionen Dosen ausliefern wird.

Ebenso auf sich warten lässt auch der Hersteller Johnson & Johnson - obwohl die ersten Lieferungen nach der erfolgten Zulassung mit 1. April starten hätten sollen, verzögert sich dies nun zumindest auf den 19. April.

Ein weiteres Problem ist, dass einige EU-Länder nicht alle verfügbaren Impfdosen einsetzen, die sie haben. Während viele auf die Strategie setzen, möglichst schnell die erste Dosis zu verimpfen, halten manche Länder die Impfungen zurück, um die Menschen erst möglichst vollständig gegen das Virus zu immunisieren - damit schreitet die Impfrate deutlich langsamer voran.

„Es kann alles Mögliche schiefgehen“
Würde alles nach Plan verlaufen, würde die EU bis Ende des zweiten Quartals rund 470 Millionen Impfstoffe erhalten. Daran glauben aber selbst EU-Beamte nicht mehr: „Wir haben aus früheren Erfahrungen gesehen, dass alles Mögliche schiefgehen kann“, spielte ein Diplomat gegenüber „Politico“ noch einmal auf den kürzlich entbrannten Zwist um die Neuverteilung der Impfdosen an.

Stephan Brodicky
Stephan Brodicky
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