01.04.2021 14:25 |

Meldet „Verstöße“

KI-Kamera überwacht Mitarbeiter im Homeoffice

Tausende Mitarbeiter eines der weltweit größten Callcenter-Unternehmens könnten künftig während ihrer Arbeit im Homeoffice von einer speziellen Webcam überwacht werden, die überprüft, ob sie auch tatsächlich „hackln“. Eine künstliche Intelligenz soll demnach erkennen, wenn stattdessen etwa gegessen, aufs Smartphone geschaut oder der Schreibtisch verlassen wird, und derartige „Verstöße“ an den Vorgesetzten melden.

Das französische Unternehmen Teleperformance beschäftigt etwa 380.000 Mitarbeiter in 80 Ländern und zählt Dutzende namhafte Unternehmen zu seinen Kunden, darunter etwa Vodafone, eBay oder auch Volkswagen. Wie so viele andere Unternehmen sah sich während der Corona-Pandemie auch Teleperformance gezwungen, viele seiner Mitarbeiter ins Homeoffice zu schicken. Allzu großes Vertrauen scheint man diesen dort allerdings nicht entgegenzubringen, denn wie der „Guardian“ berichtet, seien einige der rund 10.000 britischen Mitarbeiter darüber informiert worden, dass im April bei ihnen zu Hause spezielle Webcams installiert werden sollen.

In einem Schulungsvideo (siehe oben), das dem „Guardian“ vorliegt und auch über den indischen YouTube-Kanal des Unternehmens abrufbar ist, wird das System namens TP Observer wie folgt beschrieben: „Überwacht und verfolgt das Verhalten der Mitarbeiter in Echtzeit, erkennt Verstöße gegen voreingestellte Geschäftsregeln und sendet Echtzeit-Warnungen an Manager, um sofort Korrekturmaßnahmen zu ergreifen.“ Demnach soll die Webcam zu zufälligen Zeiten während einer Schicht den Arbeitsbereich auf Verstöße wie „Fehlen am Schreibtisch“, „Nicht autorisierte Handynutzung“ oder „Erkennen eines nicht genutzten Besuchers“ überprüfen.

System meldet Verstöße in Echtzeit an Vorgesetzte
Wird ein „Verstoß“ erkannt, fertigt die Webcam ein Standbild, um diesen zu dokumentieren, und informiert in Echtzeit den Vorgesetzten, „um weitere Maßnahmen zu ergreifen“, wie es in internen Dokumenten heißt. Die Aufnahme selbst soll laut Bericht bis zu 20 Tage lang gespeichert werden. Wenn Mitarbeiter ihre Schreibtische verlassen müssten, um beispielsweise etwas zu trinken, müssten sie in einer App auf „Pausenmodus“ klicken und die Unterbrechung begründen, zum Beispiel mit „Wasser holen“, um nicht wegen eines Verstoßes gemeldet zu werden.

Das Essen während der Schicht ist nicht gestattet. „Wenn das System keinen Tastenanschlag und keinen Mausklick feststellt, wird es für diese bestimmte Dauer als inaktiv angezeigt und Ihr Vorgesetzter informiert. Vermeiden Sie es also, Ihre Produktivität zu beeinträchtigen“, zitiert der „Guardian“. Nachts arbeitende Mitarbeiter würden angewiesen, sicherzustellen, dass ihr Schreibtisch ausreichend stark beleuchtet ist, damit die Kamera sehen könne, was gerade passiert.

Von der Zeitung nach Bedenken der britischen Mitarbeiter befragt, ruderte ein Teleperformance-Manager offenbar zurück und erklärte den Mitarbeitern, dass sie nicht nach dem Zufallsprinzip überwacht würden. Er fügte außerdem hinzu, dass es „äußerst enttäuschend“ sei, dass die Medien alarmiert worden seien und dies als grobes Fehlverhalten angesehen werde. Warum britische Mitarbeiter des Callcenter-Unternehmens ursprünglich über das Überwachungssystem informiert worden seien, sei nicht klar, so der „Guardian“.

„Absolutes Vertrauen“ in Mitarbeiter
Gegenüber der Zeitung gab ein Unternehmenssprecher an, dass das System darauf ausgelegt sei, „um auf die überwältigenden Bedenken der Isolation, des mangelnden Engagements und der Unterstützung des Teams zu reagieren, die von den Kolleginnen und Kollegen, die zu Hause sind, geäußert wurden.“ Man vertraue „absolut“ darauf, dass Mitarbeiter im Homeoffice ihre Arbeit professionell erledigten und nehme die von ihnen geäußerten Bedenken sehr ernst - „da sie nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein können“, so die Sprecherin.

Während sich britische Mitarbeiter des Unternehmens demnach während ihrer Arbeit im Homeoffice vorerst weiterhin unbeobachtet fühlen können, wird das System derzeit jedoch in sechs Ländern in Amerika und Asien getestet - um es auf spezifische Kundenwünsche zuzuschneiden, wie es offiziell heißt. Teleperformance betonte, dass die jeweils lokal geltenden Datenschutz- und Arbeitsrechtsbestimmungen dabei eingehalten würden.

Sebastian Räuchle
Sebastian Räuchle
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