24.01.2021 10:57 |

Virus will überleben

„Vermutlich bald abermals neue Corona-Varianten“

Neue, gefährlichere Corona-Varianten scheinen sich in Österreich zu verbreiten. Die, trotz Lockdown, hohen Infektionszahlen lassen das vermuten. Impfungen dürften vor B.1.1.7. und B.1.351 schützen. Aber wird das auch bei weiteren Mutationen so sein? 

Diese Geschichte sorgte kürzlich für Schlagzeilen: Eine Belgierin hatte sich bei einem Skiurlaub in der Schweiz mit B.1.1.7., der neuen britischen Corona-Variante, angesteckt, danach Quarantäneregeln missachtet und Kontakt zu ihrer Tochter gehabt.

Die Angst vor einem „Mutations-Cluster“
Das Mädchen wurde infiziert, es steckte seinen Vater und eine Klassenkollegin an – und diese wiederum ihre Mutter, eine Lehrerin. Zwei Schulen mussten daraufhin geschlossen werden, knapp 5000 Menschen kamen in Heimisolation; Massentests sind am Laufen. Die Befürchtung, es könnte sich ein „Mutations-Cluster“ gebildet haben, ist groß. Zu Recht, wie Statistiken aus dem Vereinigten Königreich zu belegen scheinen: Trotz harten Lockdowns werden dort täglich etwa 42.000 neue Corona-Fälle und 2000 Todesopfer registriert.

Mutation breitet sich schneller aus
Die beunruhigenden Daten führen Wissenschaftler auf B.1.1.7. zurück – das veränderte Virus verbreitet sich nämlich um 50 bis 70 Prozent schneller als sein „Vorgänger“. Auch bei uns ist es längst angekommen, wie Andreas Bergthaler vom Wiener Forschungszentrum für Molekulare Medizin (CeMM) weiß. In dem Institut werden nun rund um die Uhr positive PCR-Tests und Abwasserproben aus ganz Österreich sequenziert. Vor allem in Salzburg grassiert, so das Ergebnis erster Analysen, B.1.1.7.; nun wurde in Tirol auch noch die ihr ähnliche südafrikanische Mutation – B.1.351 – festgestellt.

Droht uns eine Ansteckungsflut?
Die Ausbreitung der neuen Virus-Varianten dürfte bereits im Anlaufen sein. Was unsere aktuellen Corona-Zahlen vermuten lassen - die, obwohl das öffentliche Leben seit einem Monat auf ein Mindestmaß beschränkt ist, hoch bleiben; mit durchschnittlich 1700 Neuinfizierten, über 40 Toten pro Tag - und rund 2000 Hospitalisierten, von denen 350 auf Intensivstationen behandelt werden müssen.

„Diese Fakten“, so Ramin Nikzad, praktischer Arzt und in der allgemeinmedizinischen Akutversorgung des AKH tätig, „zeigen eindeutig, dass die Mutationen um sich greifen.“ Die einzige Möglichkeit, sie einzudämmen, sieht der Long-Covid-Spezialist darin, „den Lockdown nicht am 8. Februar zu beenden. Andernfalls droht uns eine Infektionsflut.“

Lokalbesuche gelten als gefährlich
Aber wann sollte überhaupt wieder ein „Hochfahren“ möglich sein? „Wenn wärmere Temperaturen einkehren und sich die Menschen mehr im Freien bewegen. Zahlreiche Studien belegen schließlich: Der überwiegende Teil der Ansteckungen findet bei größeren Ansammlungen und längeren Aufenthalten in geschlossenen Räumen statt. Wegen der dort vorherrschenden starken Aerosole.“

Als „besonders gefährlich“ gelten angeblich Lokale, dicht gefolgt von Fitnesscentern und Veranstaltungszentren. „Der Besuch einer gut gelüfteten Boutique oder eines Museums – natürlich mit reglementiertem Zutritt und der Verpflichtung, FFP2-Masken zu tragen – ist also unbedenklicher als der einer überfüllten Bar oder eines Theaters.“

Ein Vorfall aus dem September 2020 verdeutlicht diese Untersuchungsergebnisse: Bei der Operetten-Aufführung einer Wiener Studentenbühne wurden 46 Personen mit Corona angesteckt – einer der Sänger hatte das Virus, ohne davon etwas zu ahnen, in sich getragen. „Er dürfte“, so Nikzad, „ein Superspreader gewesen sein.“ Wie jetzt wahrscheinlich nicht wenige Menschen, die mit B.1.1.7. oder B.1.351 infiziert und vielleicht selbst sogar symptomlos sind.

„Durchimpfung sollte schnell geschehen“
„Die neuen Virus-Varianten verhalten sich nämlich in einem Punkt ähnlich wie die seit Anfang 2020 bekannte: Manche Menschen erkranken schwer daran“, erläutert der niederösterreichische Allgemeinmediziner Alireza Nouri, „andere haben kaum oder gar keine Beschwerden. Und sie hatten, bevor sie – oft bei Routine-Tests – ihre positiven Ergebnisse erfuhren, nicht vermutet, angesteckt zu sein.“

Hoffnung auf schnelle Durchimpfung
Die Hoffnung des Arztes: „Dass die Bevölkerung schnell durchgeimpft wird.“ Auch deswegen, „weil die bereits entwickelten Vakzine gegen B.1.1.7. und B.1.351 wirken dürften.“ „Ob das bei anderen Mutationen ebenfalls so sein wird“, so Bergthaler, „ist noch unklar.“ Und der Virologe appelliert: „Die neuen Varianten sind ein Weckruf. Die Menschen sollten jetzt besonders vorsichtig sein, Abstands-, Masken- und Kontaktregeln einhalten. Denn je weniger Ansteckungen stattfinden – desto geringer ist die Chance, dass weitere Mutationen entstehen.“

Virus will eigenes Überleben sichern
Fest steht: Das Hauptinteresse des Virus besteht darin, sein Überleben zu sichern: „Was nur durch Veränderung geschehen kann.“ Indem es, im guten Fall, in einem „harmloseren Gewand“ erscheint – seinen Wirt, den Menschen, nicht mehr allzu sehr schädigt, „um ihn nicht zu verlieren“. Aber gleichzeitig besteht das Risiko, dass es nach und nach Resistenzen – gegen Impfstoffe, gegen Antikörper – entwickeln könnte.

Das Rätsel von Manaus
Möglicherweise ist das im brasilianischen Manaus geschehen. Bis Oktober 2020 hatten sich dort drei Viertel der Bevölkerung mit Covid infiziert; die Pandemie galt danach in der Zwei-Millionen-Stadt beinahe schon als besiegt. Doch seit einigen Wochen kommt es dort abermals zu einer explosionsartigen Vermehrung von Corona- Erkrankungen. „Die Situation in der Region könnte“, so Bergthalers Verdacht, „mit der vor Kurzem in Südamerika entdeckten Mutation P.1 in Zusammenhang stehen - über die wir leider erst wenig wissen.“

Da hoch professionelle Sequenzierungen, also exakte Bestimmungen der Beschaffenheit des Virus, in ärmeren Staaten kaum geschehen, „selbst in Europa wird ja erst seit Kurzem darauf Wert gelegt“. Island, Dänemark und England seien dabei Vorreiter, Österreich liege „im Mittelfeld“. Noch. Aufgrund von B.1.1.7. und B.1.351 wird jetzt die Forschung in diesem Bereich nämlich „endlich mehr gefördert“.

Die Wichtigkeit von Früherkennungen
Weshalb hinkünftig umfassend „einschlägige“ Untersuchungen durchgeführt werden können. „Die Vermutung liegt nahe“, sagt der Virologe, „dass es bald abermals neue Corona-Varianten geben wird. Die vielleicht noch gefährlicher sind als die bereits bekannten. Durch eine genaue Beobachtung des Virus“, beruhigt Bergthaler jedoch, „können aber Mutationen schnell erkannt - und in der Folge Maßnahmen gesetzt werden, die ihre Verbreitung verhindern.“

Martina Prewein, Kronen Zeitung

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