26.09.2020 05:00 |

Senioren auf der Bühne

„Onkel Harry“: Musik kennt keine Altersgrenze

Ein Casting ist nur was für die Jungen? Weit gefehlt: Nicht weniger als 600 Senioren bewarben sich in Wien als Musicaldarsteller. Dabei wurde jeder einzelne von ihnen auf der Probebühne zum Star.

„Singen Sie einfach so, als wären Sie unter der Dusche“, lautete der Aufruf von Ferdinando Chefalo, Choreograf von über 300 TV-Sendungen wie „Starmania“ oder „Dancing Stars“ anlässlich eines Musical-Castings. „Oder in der Badewanne“, ergänzte TV-Liebling Elisabeth „Lizzy“ Engstler.

Das ließen sich Hunderte Wiener Senioren, alle über 60, nicht zweimal sagen und rockten das Vorsingen und Vorspielen im November und Dezember des vergangenen Jahres, dass die Wände wackelten. Sehenswert sind schon allein die Videos davon (siehe am Ende des Artikels). Zudem sie damit auch die Chance bekamen, mit Entertainer Alfons Haider sowie Film- und Theaterschauspieler Peter Faerber in einem neuen Musical aufzutreten, die beiden anfangs genannten Profis Chefalo und Engstler an der Seite. Es ist nämlich nie zu spät, aktiv zu werden und seiner Begeisterung freien Lauf zu lassen!

Das Stück „Onkel Harry“ wurde von Anna Katharina Kofler geschrieben, die schon Songtexte u. a. für Jazz Gitti, Peter Kraus, Wolfram Pirchner entwickelte -, und von Michael Scheickl (bekannt von seinem Auftritt zusammen mit Lizzy Engstler 1982 für Österreich beim Eurovision Songcontest) komponiert. Es geht um einen rüstigen Wiener Pensionisten, verkörpert von Faerber.

Die Gang aus dem Pensionisten-Klub
Eines Tages bekommt der lebenslustige Senior ungewollt den Auftrag, seinen egoistischen, materialistischen und zynischen Neffen Michael, der in Amerika lebt, auf den rechten Weg zu lenken. Gemeinsam mit seinem Freund Hanns (gespielt von Haider) und der Clique aus dem Wiener Pensionistenklub schmiedet er einen gefinkelten Plan. Genau diese „Gang“ galt es zu besetzen. 12 Damen und 7 Herren machten das Rennen aus 600 Bewerbern und sind an Originalität nicht zu überbieten.

Etwa Erna Jolanda, 1931 im Mürztal geboren, die schon immer sehr musikbegeistert war, Ziehharmonika spielt, in Kalifornien wie auch Nevada lebte und mit ihrer Power so manchen Teenie in die Tasche steckt. Ihr Motto: „Kreativität kennt keine Altersgrenzen.“

Oder Wolfgang aus NÖ, der es aufgrund einer körperlichen Behinderung oft recht schwer hatte und immer wieder Ausgrenzung erfahren muss, aber über die Musik nie die Hoffnung verlor: „Bei ,Onkel Harry‘ dabei zu sein, ist für mich wie die Erfüllung eines uralten Traumes.“

Geprobt wurde bis vor Kurzem unter strengsten Sicherheitsauflagen und mit einem eigenen Corona-Beauftragten. Von der Pandemie lässt man sich nur vorläufig stoppen. Denn die Premiere und die 10 Shows, die ab 29. Oktober im Wiener Theater Akzent über die Bühne gegangen wären, mussten nun zwar auf 2021 verschoben werden, der Enthusiasmus bleibt aber ungebrochen. So singen sie derzeit jeder für sich allein, den Spaß und die Freude lassen sich die Musical-Oldies selbstverständlich nicht nehmen. Dazu sind sie viel zu jung!

Karin Podolak, Kronen Zeitung