02.04.2020 02:07 |

Lost in Isolation

Warum man den Kindern sehr wohl Danke sagen darf

Kürzlich kam mir in den sozialen Medien ein abfotografierter Einspalter aus einer Zeitung unter. Unter der Rubrik „Lob des Tages“ lautete der Titel: „Applaus für die Kinder zu Hause“.

Im Moment werde viel über die Helden der Corona-Krise geschrieben, stand da zu lesen. Doch eine Gruppe fehle: „Eine Gruppe, die von einem Tag auf den anderen ihre sozialen Kontakte auf ein Minimum reduziert hat. Eine Gruppe, die für die Risikogruppen zu Hause bleibt. Die Kinder! Aus diesem Grund bedanke ich mich nun bei allen Kindern: Danke, dass ihr so toll mitmacht!“

Und wie es bei sozialen Medien meistens ist - vor allem zu der nachtschlafenden Zeit, in der ich durchgescrollt habe: Ich habe es kurz registriert, leicht abgenickt, weitergeschaut. Doch der Inhalt hat nachgearbeitet, mich nachdenken lassen. Ich war nämlich nicht auf die Idee gekommen, meinen Kindern zu danken, dass sie von einem Tag auf den anderen ihr gewohntes Leben geändert haben und einfach so daheim geblieben sind. Ich meine, was hätten sie schon für eine Wahl gehabt? Wir hatten ja auch keine. Uns Erwachsene hat ja auch keiner gefragt, vielleicht gerade noch, wenn es um berufliche Details ging. Es war einfach eine absolute Notwendigkeit - fertig.

Doch nein, eigentlich nicht fertig. Uns hat niemand gefragt, richtig, aber die Kinder hatten erst recht keine Mitsprachegelegenheit. Da war es egal, ob sie sich noch von ihren Kindergartenfreunden verabschieden hätten wollen. Ich habe die Vierjährige bei der ersten Gelegenheit, an der sie zu Hause betreut werden konnte, daheim gelassen. Gefragt, ob sie noch einen letzten Tag hin will, habe ich sie nicht. Ich traf die Entscheidung für sie, weil ich es für das Beste hielt - nicht unbedingt wegen ihr, auch nicht wegen uns, sondern wegen der Pädagoginnen, die sich um die Kinder kümmern können sollten, die die Betreuung auch tatsächlich brauchten, und die zum Großteil selbst Kinder haben.

Die Sechsjährige ging zur Schule, bis es hieß, sie gilt als entschuldigt, wenn sie nicht kommt. Auch sie hatte keine Gelegenheit, sich von ihren KlassenkameradInnen zu verabschieden - nur zufällig von jenen, die sie traf, als wir ihre Hefte und Bücher aus der Klasse holten. Es gab keine letzte Umarmung von ihrer besten Freundin, die sie seit ihrer Geburt fast jeden Tag gesehen hat. Sie durfte nicht mehr zu einer Geburtstagsparty gehen, die am Tag darauf hätte stattfinden sollen. Habe ich sie gefragt? Nein. Ich habe ihr erklärt, dass sie nicht gehen darf, und warum sie nicht gehen kann. Sie war traurig, hat es aber ertragen.

Ob sie dann wenigstens bei der Oma schlafen darf, hat sie mich gefragt. Nein, habe ich gesagt, auch das geht nicht. „Wie lange nicht?“ - „Das weiß ich nicht. Wir werden jetzt mal zu Hause sein - und damit Oma und Opa gesund bleiben, werden wir sie nicht treffen.“ Sie hat die Nachricht ertragen. Glücklich war sie nicht darüber, aber sie hatte keine Wahl. Wir alle haben sie grad nicht.

Aber ich habe großes Glück, wir haben großes Glück. Bei uns geht es bei den Haus- bzw. Schulaufgaben nicht um Differentialgleichungen oder lateinische Konjugationstabellen, es geht nicht um eine entscheidende Schularbeit, die nun aller Wahrscheinlichkeit nach in diesem Semester nicht mehr stattfinden wird können. Es geht nicht um eine Lehrstelle oder die Matura. Bei uns geht es derzeit tatsächlich nur darum, diese Krise als Familie gesund zu überstehen und unseren bescheidenen Teil dazu beizutragen, dass auch Österreich diese Krise möglichst gut übersteht. Und dazu tragen auch die Kinder bei - indem sie tapfer und meist ohne Tränen ertragen, dass es derzeit keine Freunde, keinen Spielplatz, keine Schule, keinen Kindergarten - ja, nicht mal einen kleinen Ausflug zum nächsten Supermarkt für sie gibt.

Auf der Suche nach der Zeitung, in der der Einspalter, das Lob an die Kinder erschienen ist, habe ich mir einige Kommentare durchgelesen. „Hört auf, eure Kinder mit Samthandschuhen anzufassen!“, schrieb eine Mutter. „Es geht ja nicht ums restliche Leben.“ Die Kinder würden ja wohl, bitte schön, zwei Monate auf ihre Freunde und die Großeltern verzichten können. Dass sie diese vermissten, werde schon kein Trauma auslösen. Anderswo würden Kinder im Krieg sterben oder elend verhungern und hier machten Mütter ein Drama, weil ihre Sprösslinge ein paar Wochen daheimbleiben sollen.

„Ich will meine Oma sehen, aber ich mag sie nicht töten“
Das stimmt natürlich. Niemand von uns kann sich solche Szenen auch nur vorstellen, weiß, wie es ist, kein Dach über dem Kopf, kein Essen, nicht einmal sein Heimatland zu haben. Als Kind völlig auf sich allein gestellt zu sein. Wohl jedem Elternteil bricht es das Herz angesichts solcher Schicksale. Aber darf man nicht trotzdem mitfühlen, wenn das eigene Kind abends wie aus dem Nichts zu weinen anfängt und erst Tage später - und nach mehreren solchen Episoden - erzählen kann, dass die Tränen deshalb gekommen seien, weil es nicht möchte, dass „das Corona auch in unser Haus kommt“? Oder wenn die Tochter einer Freundin sagt: „Ich will meine Oma sehen, aber ich mag sie nicht töten“?

Ich finde, man darf. Man darf stolz darauf sein, wenn sich der Fünfjährige selbstständig den ganzen Tag über beschäftigt, während die Home-Office-Eltern von einer Videokonferenz in die nächste schalten müssen. Man darf der Zwölfjährigen Danke sagen, wenn sie, die es gewohnt ist, stundenlang mit der besten Freundin im Zimmer zu sitzen oder draußen gemeinsam abzuhängen, es hinnimmt, dass diese Gespräche nun nur noch per Handy oder drei Meter voneinander entfernt durch den Gartenzaun stattfinden können. Man darf traurig darüber sein, dass die Bald-Siebenjährige ihren Geburtstag, der noch dazu am Ostersonntag ist, ohne ihre Freunde feiern muss.

Es ist - gemessen an dem Leid in der Welt, der Erschöpfung jener, die in den Spitälern tagtäglich über ihre Grenzen gehen, der Trauer jener, die bereits einen Menschen an diese neue Krankheit verloren haben - ein kleiner Beitrag, den unsere Kinder gerade leisten, aber es ist ein Beitrag. Und dafür gehört ihnen sehr wohl unsere Anerkennung und auch unser Dank ausgesprochen.

Lost in isolation: Der Großteil unserer Redaktion befindet sich derzeit zu Hause und muss sich - wie alle im Land - in einem völlig neuen Alltag zurechtfinden. Die Herausforderung, Job, Familie und Privatleben unter einen Hut zu bringen, hat eine neue Dimension erreicht. Unsere Erfahrungen und Gedanken zu dieser neuen Realität wollen wir unseren Lesern nicht vorenthalten: krone.at lost in isolation. Alle Artikel unserer Serie finden Sie hier!

Heike Reinthaller-Rindler
Heike Reinthaller-Rindler
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