29.03.2020 21:00 |

Lost in Isolation

„Home-Office ist eh okay, aber die Kantine ...“

Nach zehn Tagen daheim - er ist sogar unserer vorausschauend agierenden Regierung einen Schritt voraus gewesen, was das Daheimbleiben angeht - hat der Mann kürzlich zum ersten Mal das Grundstück verlassen, um seine bereits ungeduldig gewordenen Eltern zu versorgen. 

Die Aussicht auf die Tour ließ ihn - der schon den überall lauernden Keimen auszuweichen trachtet, da kämpfte die Welt noch nicht einmal mit der ersten SARS-Pandemie - bereits bei Ansicht der langen Liste schaudern: Apotheke - hilft nix -, Supermarkt - auch notwendig -, Kraut beim Bauern holen - „muss schon“, Sauerkraut ist schließlich DAS Frühlingsgemüse … - und, trotz allem, am wichtigsten: technische Justierungen im nach der Winterpause frisch wieder bezogenen Häuschen. Sprich: Fernseher anschließen. Da führte kein Weg daran vorbei und half kein Verweis auf das Gebot des Abstandhaltens. „Wir setzen uns auf ein Bankerl im Garten“, versprachen die Eltern. Und er, der brave Sohn, sollte seinerseits Vorkehrungen treffen.

„Soll ich eine Maske aufsetzen?“, fragt er vor seiner mutigen Fahrt in die neue Realität. „Besser nicht. Die einfachen schützen ohnehin nicht und mit deiner Vollvisiermaske sorgst du im Supermarkt noch für Herzinfarkte.“ „Z’ Tod g‘fürcht is‘ schließlich a g’storben“, um einen Satz des Schwiegervaters zu bemühen, den dieser zu Beginn der aktuellen Krise noch stur uns „immer so übertreibenden Jungen“ gegenüber geäußert hatte - mein Lieblingsspruch von ihm neben: „Wennst Pech hast, kannst auf den Sandwichinseln verhungern.“ „Qualtinger“, sagt er dann immer, wenn ich über den Sager schmunzle. Aufgesetzt hat er, der Mann, die Maske dann trotzdem, aber nicht, um sich im Apokalypse-Outfit auf die Straße zu wagen, sondern um den üblen Gestank aus der Komposttonne zu überstehen, die es vor der Fahrt noch auszuschaufeln galt, um die Hochbeete für die Aussaat vorzubereiten. Mein Mann, der Gärtner mit der Keimphobie.

„Es geht uns nix ab“, sagt der Mann, dem es aber ohnehin nichts ausmacht, daheim zu sein. Mehr noch: Der nicht so richtig verstehen kann, dass es uns, seine Familie, stets nach draußen zieht. Nicht nur in den Garten, sondern weiter weg - auf den Spielplatz, zu Freunden. In kleinen Runden, aber auch großen. Zu entspannten Stunden, aber auch solchen, wo einem der Schädel danach noch mehr so vorkommt, als stünde er kurz vorm Platzen, als nach einem Tag im Büro mit niedriger Luftfeuchtigkeit und hohem Schlagzeilenpegel.

Nein, abgesehen von persönlichem Kontakt geht uns tatsächlich nichts ab. Die Versorgung mit allem Notwendigen ist sichergestellt, dank der vielen Heldinnen und Helden des Alltags. Und auf das, was nicht notwendig ist, können wir gut eine Zeit lang verzichten. Die meisten von uns haben ohnehin zu viel - und angesichts der ungewissen Zukunft ist eine bewusstere Herangehensweise an viele Dinge, ein bewussteres Umgehen mit vielen Dingen ohnehin nicht das Schlechteste.

Wovon ich derzeit allerdings komischerweise nicht mehr habe, ist Zeit. Wenn also jemand mit dem guten Tipp aufwartet, man möge die Isolationszeit doch dazu nutzen, etwas Neues zu probieren - eine Sprache zu lernen zum Beispiel oder mit dem Häkeln anzufangen -, dann denke ich mir: Ja, gerne, aber wann? Ich komme ja kaum mit dem Haushalt hinterher. Der Spruch stimmt schon: Mit Kindern daheim aufzuräumen ist wie Zähne putzen, während man Kekse isst …

Dabei habe ich seit meinen Karenzen weder mit meinen Kindern noch mit dem Staubsauger so viel Zeit verbracht wie derzeit. Der Vergleich mag grausam klingen - aber es gibt einen ursächlichen Zusammenhang zwischen beiden Erwähnten. Waren es früher die Brotkrümel, die sich wie bei Hänsel und Gretel durch das Haus zogen, sind es jetzt Bastelüberbleibsel und die halbe Sandkiste, die sich im grausamem Antlitz der ab sofort noch länger durch die Terrassentür scheinenden Nachmittagssonne noch deutlicher vom fettfleckigen Boden abheben.

Doch wenn abseits des Ganzen - abseits der Zeit, die für Home-Office, Home-Schuling, Home-Haushalting, Home-Gartening, Home-Wäsche-Wasching und Home-unersättliche-Mäuler-Stopfing draufgeht - dann noch etwas Zeit bleibt, gemeinsam Osterschmuck zu basteln, ein uraltes Brettspiel rauszukramen (in unserem Fall „Spukschloß“ - ja, mit ß) oder den nun Stunde um Stunde sich offenbarenden Einfallsreichtum der Sprösslinge zu bewundern, dann hat sich das „keine Zeit Haben“ zumindest für die Kinder gelohnt.

Schon lange nicht mehr haben wir so viel Zeit miteinander verbracht: Uhu-Tuben leer klebend, Kugelbahn designend, Kartenspiel-Fights liefernd, Spannleintuch-Burgen bauend, die Löwenzahn-Armee bekämpfend, aber auch bei Schlechtwetter auf der Couch chillend - und natürlich nicht zu vergessen Mahlzeiten vorbereitend. Habe ich schon erwähnt, dass sich die Zahl der täglichen Essensaufnahmen zu Hause von drei - Frühstücksmilch, Jause und Joghurt oder Suppe zum Abendessen - auf ungefähr sieben erhöht hat? Und das nicht nur bei uns: Ich höre bzw. lese von befreundeten Eltern, dass sie baff sind, was diese ihre Kinder an einem einzigen Tag für Mengen verdrücken können.

Und das Verwunderlichste: Sie verlangen nicht nach Fast Food, wollen nicht bloße nackte Nudeln. Sie essen Unmengen an Salat - grünen! Gemüsereis. Mit gekochtem (!) Gemüse. Käse. Haferflocken in Milch. Noch kein einziges Mal „musste“ Ketchup auf den Tisch. Wie ich zum Teil gleich mit Bildern untermalt bekomme, stehen in weiteren Isolationshaushalten Brösel-Karfiol, Selleriesuppe, Linseneintopf oder Radieschen-Brot auf dem Speiseplan. Eben alles, was die Gemüsekiste der örtlichen Gärtnerei hergibt.

Dieser Bereich des Gemeinsamen hat sich in den vergangenen zwei Wochen zumindest bei uns gewandelt. Er hat nichts mehr gemein mit dem gedanklich unterstrichenen Spruch der Freundin nach dem ersten Arbeitstag zu Hause: „Home-Office is ja ganz okay, aber die Kantine is echt scheiße ...“

Lost in isolation: Der Großteil unserer Redaktion befindet sich derzeit zu Hause und muss sich - wie alle im Land - in einem völlig neuen Alltag zurechtfinden. Die Herausforderung, Job, Familie und Privatleben unter einen Hut zu bringen, hat eine neue Dimension erreicht. Unsere Erfahrungen und Gedanken zu dieser neuen Realität wollen wir unseren Lesern nicht vorenthalten: krone.at lost in isolation. Alle Artikel unserer Serie finden Sie hier!

Heike Reinthaller-Rindler
Heike Reinthaller-Rindler
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