29.12.2019 09:00 |

Walser im Interview:

„Politiker, nicht Beamte, müssen entscheiden!“

Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Walser ist seit etwas mehr als einem Jahr im Amt. Mit der „Krone“ ließ er das Jahr Revue passieren. Mit Lob und Tadel für die Politik!

Sie sind nun seit über einem Jahr Präsident der Wirtschaftskammer Tirol. Ein kurzes Resümee!
Es war ein spannendes, ein arbeitsreiches aber auch ein extrem lehrreiches Jahr. Ich habe in diesen zwölf Monaten mein Versprechen, draußen bei den Mitgliedern zu sein, wahr gemacht und über 250 Unternehmen im Rahmen von drei kompletten Bezirkstourneen besucht. Da sieht man, was die heimischen Unternehmen machen und man hört, was die Firmenchefinnen und Chefs beschäftigt!

Was sind denn die großen Probleme, die an Sie als neuer Wirtschaftskammer-Präsidenten herangetragen wurden und werden?
Im Zentrum stehen immer noch die teils überbordende Bürokratie, der anhaltende Lehrlings- und Fachkräftemangel und die hohen Steuerbelastungen. Bis zur Entscheidung des Parlaments, die Arbeitszeiten zu flexibilisieren, wurde dieses Thema immer wieder aufs Tapet gebracht. Speziell im Tourismus und in den saisonal variablen Sektoren.

Apropos Lehrlinge und Fachkräfte: Ist hier ein Ende des Stillstandes in Sicht?
Ich habe meine Präsidentschaft als ehemaliger Lehrling der Stärkung des Lehrberufes gewidmet und sehe hier in der Tat eine Kurskorrektur. Es ist den Bemühungen vieler auf allen Ebenen zu verdanken, dass die Reputation der Lehre eine deutlich bessere ist. Wir haben in Tirol mit unserem neuen Lehrlingskoordinator David Narr einen engagierten Funktionär, der sich hohe Ziele gesteckt hat und diese auch erreichen wird. Im Herbst findet unser erster Tiroler Lehrlingsball statt. Darauf freue ich mich sehr, weil es ein weiterer, sichtbarer Hinweis ist, wie wichtig uns die Lehre ist.

Und wovor haben die Tiroler Unternehmen Angst?
Die im Raum stehende Koalition mit den Grünen wird nicht von allen positiv gesehen. Man befürchtet, dass die Dynamik des Kabinetts Kurz I verloren gehen könnte. Eine CO2-Besteuerung und der bisweilen blinde Hass von manchem Grün-Vertreter jeder Form von Individualverkehr oder touristischer Weiterentwicklung gegenüber – das und ähnliches bereitet tatsächlich vielen Menschen im Land große Sorgen.

Wie ist eigentlich Ihr Verhältnis zu Wirtschaftsbund-Obmann Franz Hörl?
Es ist und bleibt ein gutes. Ich habe Franz stets geschätzt, aber in den letzten Monaten noch mehr denn je. Er ist extrem gut vernetzt, ein erfahrener und kluger Verhandler. Mit ihm haben wir eine starke Stimme im Nationalrat und auch im Österreichischen Wirtschaftsbund – und so treten wir als starkes Team – zu dem natürlich auch Martha Schultz zählt – auf. Daher setze ich darauf, dass uns Franz Hörl als Obmann des Wirtschaftsbundes erhalten bleibt und auch, dass mit Martha Schultz und Margarete Schramböck zwei starke Tirolerinnen auch weiterhin ein gewichtiges Wort mitzureden haben!

Zurück zu Tirol. Wie bewerten Sie denn die Wirtschaftsgesinnung im Land – speziell im Lichte touristischer Großprojekte?
Die Wahrheit ist, dass die Menschen in Tirol – und speziell jene in den Tourismusregionen – sehr genau wissen, was für sie und für ihre Heimat gut ist. Und dass man hinter den Projekten steht, weil man weiß, wo der Wohlstand und die soziale Sicherheit im ganzen Land herkommen. Diese künstliche Aufregung jedem potenziellen Projekt gegenüber ärgert mich schon massiv. Da versuchen professionelle Ideologen jede Entwicklung schon im Keim zu ersticken und mit Kampagnen zu stoppen.

Was soll in dieser Hinsicht in Tirol passieren?
Ich erwarte mir schon von der Politik, hier mit breiterer Brust aufzutreten und sinnvolle Weiterentwicklungen zu vertreten. Und nicht den Betreibern die Karotte hinzuhalten und in der heißen Phase in Deckung zu gehen, um am Ende die Entscheidung Beamten zu überlassen. Die Politik ist gewählt, um Entscheidungen zu treffen und nicht um diese zu delegieren! Wenn ich an das Verbindungsprojekt von Kappl nach St. Anton oder andere denke, kann ich den Zorn der Betreiber sehr gut nachvollziehen. Speziell, wenn ich an die vielen Jahre intensiver Arbeit und immensen Kosten in Millionenhöhe denke. Selbiges gilt auch für Tunnelprojekte. JA, wir werden neue Mobilitätsformen anstreben, aber wir werden und können nicht auf den Individualverkehr und die Güterbeförderung verzichten. Wer sich bei jedem dringend notwendigen Tunnelprojekt dauernd quer legt, der schadet unserem Land und den Menschen in Tirol. Daher ein klares Ja zu Fernpass- und Tschirganttunnel und die Forderung, einen Tunnel statt der Lueggbrücke im Wipptal zu bauen!

Wie geht es Ihnen mit der Landespolitik?
Ich habe eine gute Gesprächsbasis mit der gesamten Landesregierung – auch mit Ingrid Felipe und Gabi Fischer. Den Landeshauptmann treffe ich regelmäßig zum Gedankenaustausch auf Augenhöhe.

Dafür haben Sie die Innsbrucker Stadtpolitik heftig kritisiert und diese auch als Sauhaufen bezeichnet.
In Innsbruck sieht man, wie momentan nahezu alles in die falsche Richtung läuft. Ich habe nicht den Eindruck, dass der Bürgermeister seine Stadt im Griff hat bzw. überblickt. Stattdessen werden Ämter auf dem politischen Basar verscherbelt und dumme Forderungen erhoben, um von den tatsächlichen Problemen und dem politischen Organversagen abzulenken. Ich erinnere an die abstrusen Forderungen zum Flughafen, die Abschaffung des Bettelverbotes oder den ideologisch motivierten Park-Wucher. Die Leute um, hinter und vor Georg Willi spielen mit der Reputation unserer Landeshauptstadt als verlässlicher, international anerkannter Partner. Das ist beschämend.

Ihre Ziele für 2020?
Wir haben eine Wirtschaftskammer-Wahl zu schlagen und bauen auf das Interesse der Unternehmerinnen und Unternehmer, auch von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen. Eine ordentliche Wahlbeteiligung gibt uns die Legitimation, die Interessen der Wirtschaft noch besser vertreten zu können. Wir werden aber auch Lösungen für unterschiedliche Problemstellungen erarbeiten, um nicht nur ständig zu kritisieren, sondern eben auch zu liefern. Der Verkehr war der Anfang – weitere Bereiche folgen.

Claus Meinert
Claus Meinert
Markus Gassler
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