18.09.2019 12:14 |

Moderator bei Facebook

„Heute schläft er mit einer Pistole neben sich“

Hass, Gewalt, Pädophilie, Tierquälerei oder Extremismus: In aller Welt löschen bei externen Partnerfirmen beschäftigte Content-Moderatoren rund um die Uhr, was die Nutzer des sozialen Netzwerks Facebook nicht zu Gesicht bekommen sollen. Aber was macht es mit einem Menschen, wenn er sich den ganzen Tag in den Abgründen der menschlichen Seele bewegt? Menschen, die es erlebt haben, berichten: Es macht ihn langsam kaputt …

Das berichten anonyme Mitarbeiter eines Berliner Facebook-Partners im Gespräch mit dem „Guardian“. Offiziell dürfen sie nicht über ihre Arbeit reden, haben mit dem Arbeits- einen Knebelvertrag unterschrieben. Doch es ist ihnen wichtig, vom Alltag als Facebook-Moderator zu erzählen. Wichtig, weil sie Existenzen daran zerbrechen sahen. Und weil sie sich eine gesellschaftliche Debatte darüber wünschen, wie es in den Moderationsbüros zugeht.

„Im Grunde ist alles noch ein Experiment“
„Wir sind eine Art Vorreiter in diesem Feld. Es ist ein komplett neuer Job und im Grunde ist alles daran noch ein Experiment“, erzählt ein ehemaliger Facebook-Moderator, der Daniel genannt werden will. Er und seine Kollegen in der Moderationszentrale in Berlin seien nicht nur mit den kurzlebigen Inhalten konfrontiert, die auf Facebook gepostet werden, sondern auch mit deren langfristigen psychischen Gefahren.

Grausige Inhalte können zur „Sucht“ werden
Der Moderator erzählt, wie er beobachtet habe, dass Kollegen mit der Zeit „süchtig“ nach den grausigen Inhalten wurden und damit begonnen hätten, eine private „Sammlung“ anzulegen. Manch einer habe so viel rechtsradikale Propaganda zu sehen bekommen, dass er am Ende selbst rechtsradikal wurde. Andere hätten nicht mit den Chatverläufen Pädophiler umgehen können, die auf Facebook neue Opfer suchten.

„Kollege wollte sich online einen Taser bestellen“
Daniel: „Einmal habe ich einen Kollegen beobachtet, der online einen Taser bestellen wollte, weil er sich vor anderen zu fürchten begann. Er hatte Angst davor, nachts auf die Straße zu gehen oder von Fremden umzingelt zu werden.“ Eine unpolitische, vielleicht sogar liberale Person könne durch diesen Job konservativer werden, sich vor Migranten zu fürchten beginnen. Und zwar nicht nur in Berlin.

„Heute schläft er mit der Pistole neben sich“
Recherchen in einer vergleichbaren Einrichtung in den USA durch das IT-Portal „The Verge“ förderten Ähnliches zutage: Ein ehemaliger Moderator „schläft heute mit einer Pistole neben sich“, nachdem er das Video einer Messerstecherei ansehen musste, berichtete das Portal schon im Februar. Posttraumatische Belastungsstörungen und andere psychische Probleme seien bei der Berufsgruppe der Facebook-Moderatoren nichts ungewöhnliches.

„Habe viele Drogenkonsumenten gesehen“
Da verwundert es kaum, dass Ex-Moderator Daniel berichtet, dass er unter seinen Kollegen Drogenmissbrauch im großen Stil beobachtet habe. „Ich habe viele große Drogenkonsumenten in der Firma gesehen. Wir haben keine Möglichkeit zum Stressabbau. Die Firma ist aber prinzipiell gegen Drogen.“ Zwar biete der Arbeitgeber psychologische Betreuung. Die sei aber eher passiv. „Wir hatten ein paar Kollegen, die zur Betreuung gegangen sind. Als sie dort gesagt haben, dass sie echte Probleme hätten, wurde ihnen geraten, sich einen Psychiater außerhalb der Firma zu suchen.“

Pensum von 1000 auf 500 Beiträge pro Tag gesenkt
Derartige Berichte sind tatsächlich nicht neu. Bereits seit Jahren tragen immer wieder anonyme frühere und momentane Mitarbeiter in Facebooks Löschbüros Interna nach draußen. Auch bei Facebook entstand daraufhin eine Debatte darüber, was den Content-Moderatoren zumutbar ist - und was nicht. So wurde in dem Büro in Berlin die täglich zu erfüllende Arbeitsquote von anfangs 1000 Postings pro Tag auf nunmehr 400 bis 500 reduziert.

„Nehmen unsere Verantwortung unglaublich ernst“
Facebook in einem Statement: „Content-Moderatoren leisten einen vitalen Beitrag, um unsere Gemeinschaft sicher zu machen und wir nehmen unsere Verantwortung unglaublich ernst, ihr Wohlergehen sicherzustellen. Wir arbeiten eng mit unseren Partnern zusammen, um sicherzustellen, dass diese die Unterstützung anbieten, die diese Menschen brauchen. Dazu gehört Training, psychologische Unterstützung und Technologie, um zu begrenzen, wie lang sie verstörenden Inhalten ausgesetzt werden.“ Die Content-Moderation sei eine neue und herausfordernde Branche und man sei immer noch dabei, zu verstehen, wie man sie verbessern könnte.

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