11.02.2019 08:15 |

Schottland

Rosslyn, Melrose Abbey: Unterwegs in den Lowlands

Sie waren zwischen England und Schottland immer heiß umkämpft - doch längst liegt Frieden über den einsamen Lowlands. Dort, wo die geheimnisvollen Templer ihre letzten Spuren hinterlassen haben ...

Es ist dunkel und unheimlich in der kleinen Kapelle bei Rosslyn. Denn jetzt, am späten Abend, fallen nur noch wenige Sonnenstrahlen in das kleine Gotteshaus unweit der schottischen Hauptstadt Edinburgh. Einige Kerzen flackern noch und werfen stark rußend Schatten auf die tief in den Geheimnissen der Freimaurerei verwurzelte Lehrlings- und Meistersäule in der Chapel. So mag auch die Stimmung gewesen sein, als der Sage nach einige Tempelritter bei der Zerschlagung des Ordens 1307 in Frankreich die Flucht hierher schafften und auch ihre Archive sowie Schätze vor dem Zugriff der Häscher bewahren konnten. Wir blicken in den ewigen Osten! Draußen auf den Feldern vermeinen wir Schlachtengetümmel zu hören.

Alles nur Imagination oder doch Realität? Schließlich war der winzige Ort mit seinem kleinen gotischen Gotteshaus auch Schauplatz des berühmten Films „The Da Vinci Code – Sakrileg“ mit Tom Hanks in der Hauptrolle. Höflich räuspernd reißt uns der Museumswärter aus den Träumen und mahnt uns, dass die Kapelle jetzt bald schließen werde. Von fern her vernehmen wir lamentierende Dudelsackklänge, doch Piper ist keiner in Sicht ...

Eine kleine Ewigkeit auf Erden ist vergangen
Wir kehren auf ein Pint, oder sollen es mehrere gewesen sein, ins Rosslyn-Inn – gleich über die Straße – ein. Doch auch hier endet die Zeitreise in die dunkle Vergangenheit Schottlands nicht. Historische Schwere lastet auf dem Pub. Wie wohl Barmaid Jenna lächelnd die Bestellung aufnimmt und uns Fish und Chips geradezu aufdrängt. Denn den Kabeljau & Co. würden die Clarks Brothers aus Musselburgh liefern und deren Schätze des Meeres und der Flüsse stammten rein aus schottischen Gewässern. Selbstverständlich sei auch das Beef nur von „local farmers“, also direkt von einsam in den Weiten der Lowlands grasenden Hereford-Rindern. Öko-Heimat für mich also, den „Krone“-Umweltredakteur! Denn klimafreundlicher geht’s ja kaum. Das Fraoch Heather Ale inklusive. Denn das wird nach einem 4000 Jahre alten Rezept gebraut.

Ein letzter Blick noch auf Rosslyn Chapel
Die Kapelle ist jetzt völlig in der Dunkelheit versunken und gehört wohl nur noch den Geistern der Templer und Freimaurer. Schon tasten sich die Lichter unseres Autos enge Country Lanes entlang nach Galashiels, einer alten Weberstadt! Das Salmon Inn ist unser Stützpunkt für die Nacht. Im Pub wird heftig diskutiert. Natürlich auch über den Brexit und das damit verbundene Schicksal der Highlands und Lowlands. Alsbald wird „Scotland, the Brave“ angestimmt, eine der heimlichen Hymnen des Landes. Angus müsse kommen, ruft plötzlich einer. Jemand wird prompt losgeschickt. Doch der gute Angus, Galashiels bester, aber auch ältester Dudelsackpfeifer schläft bereits so fest, dass ihn nicht einmal eine ganze Piper Band wecken könnte. Also muss es auch ohne ihn gehen! „Wir haben nichts gegen Engländer und schon gar nicht gegen die Queen, und wirklich unabhängig von London wollen wir auch nicht sein“, versichert mir ein Pubbesucher um den anderen. Also werden wir Freunde fürs Leben. Und wer die Schotten kennt: Die meinen das aus ganzem Herzen so!

Vor Jahrhunderten war die Region heiß umkämpft
Denn damals lebten hier die mächtigen Border-Familien, die ihre eigene Rechtssprechung hatten und regelrechte Kleinkriege führten. Die sogenannten Border Reivers waren gefürchtete Banditen. Friedlicher als in den Highlands war es in den Lowlands also keineswegs", klärt mich mein Reisebegleiter und Freund, der St. Pöltner Textilhändler Peter Bichler (mit einer Schottin verheiratet) bei der Weiterfahrt auf. Ihn freilich führen geschäftliche Gründe hierher. Denn seit Jahrzehnten reist er an, um die feinste Wollbekleidung der Insel für sein Wiener House of Scotland nach Österreich zu holen. Kilts mit besonderen Tartans hauptsächlich.

Den Niedergang der schottischen Textilindustrie hat Peter miterleben müssen. Doch Lochcarron im kleinen Selkirk hat überlebt. Dort decken sich jetzt sogar Vivienne Westwood, Ralph Lauren und Jean Paul Gaultier ein. Alles hat besondere Qualität. Denn die Wolle kommt von regionalen Farmen wie jener der McColms und deren frei weidenden Scottish-Blackface-Schafe.

Wiederum senkt sich die Abenddämmerung über dieses wundersame Stück Schottland! Wir machen noch halt in den geheimnisvollen Ruinen von Melrose Abbey und entdecken an verwitterten Grabsteinen seltsame Templer-Inschriften. Berührend schließlich der Besuch im „Mary, Queen of Scots“-House in Jedburgh.

Ihre Totenmaske scheint in die Tiefen des Jenseits zu blicken. Sie wurde am 5. Februar 1587 von ihrer Cousine Elisabeth I. hingerichtet. Die letzten Lebensstunden lassen sich in berührenden Abschiedsbriefen nachlesen. Von ferne ertönen gespenstisch Dudelsackklänge. Piper ist aber keiner in Sicht.

Mark Perry, Kronen Zeitung

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