Fr, 21. September 2018

In der Kelchsau

02.09.2018 12:00

Flugzeug-Absturz: Ein Ahorn war der letzte Zeuge

Ein grotesk gewachsener Baum ist das einzig sichtbare und fast vergessene Zeichen, das nach dem Absturz eines US-Bombers in der Kelchsau übrig blieb. Hobby-Heimatforscher Daniel Mair hat die dahinter steckende dramatische Geschichte penibel recherchiert.

Der Stamm fehlt, stattdessen recken sich mit einigen Verrenkungen vier mächtige Äste seitwärts empor: Auch ein Nicht-Botaniker erkennt sofort, dass dem Ahornbaum unweit der Stubalpe in der Kelchsau in jungen Jahren etwas Dramatisches widerfahren war.

„Wenn ich nicht den alten Almerer gefragt hätte“, sinniert Daniel Mair, „dann wäre es vielleicht für immer in Vergessenheit geraten, was es mit diesem Baum auf sich hat.“ Mair, zweifacher Familienvater und im Hauptberuf Werkstättenmeister in einem Autohaus, war zuvor im Innsbrucker Ferdinandeum auf Informationen gestoßen, dass in dem Gebiet im Jahr 1944 ein US-Bomber abgestürzt war.

Detaillierter Absturzbericht
„Ich will immer alles genau wissen, fragte etliche ältere Leute und hörte genausoviele Versionen“, erzählt Mair. Letztlich stieß er aber auf den Almbetreiber und Zeitzeugen Johann Fuchs, den Ex-Bürgermeister von Itter. Dieser überraschte damit, dass er von Amerikanern, die schon Jahre zuvor am Unglücksort waren, einen detaillierten Absturzbericht, die Namen der überlebenden Crew und weitere Unterlagen erhalten hatte.

BMW-Motorenwerk bei München war das Ziel
Demnach hob die viermotorige B24-H Liberator (Sierennummer 41-28930) am 19. Juli 1944 in Spinazzola in Italien ab. Ziel war das BMW-Flugzeugmotorenwerk in Allach bei München. Nach einem Flak-Treffer fiel Motor 4 aus, dann auch Motor 1. Pilot William C. Weldon aus Texas verließ den Verband aus 16 Maschinen und wollte offenbar via Gerlos den Alpenhauptkamm ins rettende Italien überqueren, doch es reichte nur mehr bis in den langen Grund in der Kelchsau - Absturz um 12.15 Uhr!

Der damalige Ziegenhirte Max Rieder („Giner Max“) schilderte später dem Ortschronisten Franz Ziernhöld: „Ein Motor brannte, das Flugzeug überquerte nur fünf Meter über dem Dachfirst unsere Alm Vorderkar. Dann raste es weiter in Richtung der Stubalpe und zerschellte in deren Nähe an drei Ahornbäumen.“ Nachsatz: „I hob mi jedenfalls so g’fürcht, dass i mi unterm Stall versteckt hab.“

Alle Crewmitglieder überlebten
Da war die 10-köpfige Besatzung längst mit dem Fallschirm abgesprungen, sie landeten verstreut über der Wildschönau, Kelchsau und Bruggberg. Alle überlebten, ein Crewmitglied mit Beinbruch bekam auf der Beilalm von Senner Hansl Margreiter Milch zu trinken (seine Frau nähte später aus einem gefundenen Fallschirm insgesamt 81 Seidenhemden). Wenig später traf bereits ein Trupp Wehrmachtssoldaten mit einem Opel Blitz ein.

Die meisten Wrackteile wurden schon vor Jahrzehnten geborgen, doch Daniel Mair wurde mit einem Metalldetektor im sumpfigen Gebiet südlich des Ahornbaums dennoch fündig. Blechteile, ein Zahnrad, der Servomotor des Autopiloten samt Typenschild verbargen sich unter dem Moos. „Im Internet sind sogar Reparaturanleitungen für dieses Flugzeug zu finden, das hilft bei der Zuordnung der Teile“, schildert Mair.

Sein Traum wäre es, einen Propeller oder zumindest Teile davon zu entdecken. Bei Interesse würde er die Wrackteile auch einem Museum zur Verfügung stellen, damit in Erinnerung bleibt, was 1944 in der Kelchsau passierte.

Andreas Moser
Andreas Moser

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