Fr, 19. Oktober 2018

Der zerrissene Staat

30.03.2018 09:00

Israel: Pilgern, Party und Sehenswürdigkeiten

Die Gegensätze im Land Israel sind für viele Besucher eine große Überraschung. Von großen Partynächten bis zu ruhigen Pilgerreisen ist wohl alles im Wüstenstaat vereint.

Jene Reisebegeisterten, die gerne das schöne Gefühl der Gastfreundschaft erleben möchten, können bereits hier aufhören zu lesen. Alle anderen, die aus dem langweiligen All-Inclusive-Tourismus ausbrechen wollen, bitte dranbleiben. Denn Israel ist hierbei ein wohl sehr komplexer Fall für vor allem deutschsprachige Touristen. Die Nachwirkungen der Katastrophen des 20. Jahrhunderts sind in dem kleinen Land noch immer mehr als spürbar, und der zwischenmenschliche Kontakt leidet ein wenig darunter.

Bereits das Einchecken auf dem Flughafen wird meist zur Geduldsprobe. Doch erst einmal im Heiligen Land angekommen, ändert sich die Situation langsam ins Positive. Je nach Zielort wird den Besuchern rasch klar, wie pulsierend und aufregend der kleine Staat und seine Einwohner sind. Für die Pilger stehen unzählige Denkmäler und historische Stätten bereit. Für Abenteurer bieten eine spannende Landschaft und die interessante Kultur eine willkommene Abwechslung an. Israel lässt sich in vier Regionen einteilen: die Mittelmeerküste, die Hügellandschaft im Zentrum, das Jordantal und die Negev-Wüste. Jedes einzelne Gebiet hat dabei seine ganz eigenen Vorzüge, auch im kulturellen Sinne.

Jerusalem
Nirgendwo anders Näher mein Gott zu dir: Zuerst wird es belächelt, dann schweigen sie alle, so ist der Leitspruch unter den Touristenführern der Hauptstadt. Der Höhepunkt einer christlichen Pilgerfahrt durch das Heilige Land ist natürlich Jerusalem. Von Osten über den Ölberg kommend, liegt einem die Stadt zu Füßen. Das Zentrum dreier Weltreligionen wird vom Tempelberg samt Felsendom und Al-Aksa-Moschee dominiert. Begrenzt wird die Altstadt von der mächtigen Stadtmauer aus dem 16. Jahrhundert. Setzt man die ersten Schritte durch das mächtige Löwentor, führt einen die berühmte Via Dolorosa zu den Stätten des Kreuzwegs Christi.

Jedes Jahr schleppen Gläubige hier am Karfreitag schwere Holzkreuze durch die engen Gassen der Altstadt. „Vor der Kirche lassen sie die Kreuze stehen, und arabische Jugendliche bringen diese wieder an den Beginn der Via Dolorosa“, erzählt Fremdenführer Amos Baron. Dann können die Nächsten ihren Kreuzweg angehen. Das Ziel der Reise ist oftmals die weltbekannte Grabeskirche. Hier stehen sechs christliche Konfessionen im Wettstreit um Macht, Geld und Einfluss – nicht immer ganz konfliktfrei. Alle, die Drängelreien und Platznot in der heiligsten Stätte der Christenheit vermeiden möchten, sollten in aller Früh kommen. Die Kirche öffnet bereits um 5 Uhr Früh ihre Pforten. Mit einem Besuch der berühmten Klagemauer und des Tempelberges rundet man einen besonderen Tag perfekt ab.

Geheime Schätze entdecken Neben der Hauptstadt Jerusalem gibt es jedoch noch unzählige abgelegene Plätze, die nach nur kurzer Reise erreicht werden können. Übrigens liegt in Israel alles vergleichsweise recht nah. Wenige Autostunden durch die Negev-Wüste entfernt, können der See Genezareth und der bekannte Ausgrabungsort von Magdala besichtigt werden. „Kommt man hierher, hat der Mythos plötzlich eine Geografie, er hat Steine, Münzen, Knochen. Er ist spürbar und sichtbar“, erklärt Eamon Kelly. Der irische Priester arbeitet seit vielen Jahren in Magdala. Einem Ort, der den meisten Menschen nur als Heimatort von Maria Magdalena bekannt ist. Doch vor wenigen Jahren stieß man hier auf Mauern aus dem ersten Jahrhundert nach Christus – und zwar nicht auf irgendwelche. „Es handelt sich um die älteste Synagoge, die man jemals ausgegraben hat“, so Kelly. Außerdem: „Jesus hat mit hoher Sicherheit in dieser Synagoge gelehrt“, so Kelly stolz. Daher verstehe man sich in Magdala als „wahre Kreuzung zwischen Judentum und Christentum“.

Die damalige Stadt unweit des Sees Genezareth lag auf direktem Weg von Nazareth nach Kafarnaum, die Wirkungsstätte Jesu. „Da müsste man sich akademisch schon sehr verbiegen, wenn man behaupten möchte, der Herr sei nicht hier gewesen“, so Kelly. Direkt im Umfeld der Ausgrabungen wird auch bereits an einem Besucherzentrum samt Pilgerunterkunft gearbeitet. Schon fertig und von Papst Franziskus persönlich eingeweiht ist die Kirche „Duc In Altum“. Sie steht direkt am antiken Hafen. Als Altar dient die Nachbildung eines alten Fischerbootes. Modell stand dafür ein Boot, das nur unweit im Kibbuz Ginossar zu besichtigen ist. Dieses stammt tatsächlich aus der Zeit von Jesus Christus und ist deshalb auch als „Jesus-Boot“ berühmt geworden. Aber auch der See selbst samt Jordan-Fluss ist für die Besucher eine wahre Fundgrube an spirituellen Momenten. Zahlreiche Kirchen, Klöster und Bauten führen die Pilger auf eine spirituelle Reise der Ruhe und des Seelenfriedens. Der alltägliche Stress fällt spätestens bei einem langen Blick auf das ruhige Gewässer ab. Für alle, die keine Angst haben, sich in die nicht immer klaren Fluten zu begeben, ist ein Besuch der Taufstelle des heiligen Johannes die richtige Adresse. Im angeschlossenen Shop können sich die Kurzentschlossenen auch noch schnell ein weißes Badehemd zulegen, um anschließend die geweihte Zeremonie anzutreten. Denn einen Priester der verschiedenen Konfessionen findet man fast regelmäßig am Ufer stehen.

Die jüdische Küche begeistert Koschere Gerichte findet man in Israel natürlich überall. Doch die unterschiedlichen Ausprägungen sind für den europäischen Gaumen ein wahrer Genuss. Vegetarier und Veganer kommen bei der Menüwahl meist sogar am besten durch. Aber auch für die Fleischtiger gibt es durch den arabischen Einfluss unzählige Formen von Fleisch- und Fischgerichten zu erleben. Ausreichend ist dabei aber meist schon Vor- und Hauptspeise. Typisch arabisch werden hier unzählige Speisen auf kleinen Tellern drapiert und den Besuchern vorgesetzt. „Wir haben eigentlich keine typisch israelische Küche. Wir lassen alle Kulturen an unseren Tisch kommen“, erklärt der Reiseleiter. Als israelisches Nationalgericht gilt übrigens Falafel, aber auch Latkes (frittierte Kartoffel-Puffer) und Hummus sind beinahe an jeder Straßenecke zu finden.

Nach dem Essen ist hier vor dem Tanzen
Wenn sich die Touristen an die auf den ersten Blick etwas reservierte Art der Israelis gewöhnt haben, ist eigentlich der Zeitpunkt für ein näheres Hinsehen gekommen. Denn die Einwohner sind im Grunde ein sehr mitteilungs- und tanzfreudiges Volk, außer natürlich im strengen Jerusalem. Doch sollte man die „zerrissene“ Stadt dabei meiden, können in Tel Aviv und Eilat die Nächte genossen werden. Die beiden „Partyzentren“ sind für die junge Generation das pure Vergnügen. Haupt-Feierabend ist in Tel Aviv übrigens der Donnerstag, denn dann beginnt das Wochenende. Der Freitagabend ist für das Sabbatessen mit der Familie reserviert. Untertags können die freien Stunden am langgezogenen Strand genossen werden. Eine Runde Boccia oder Beachvolleyball bringt nicht nur Unterhaltung, sondern auch nette Bekanntschaften mit dem internationalen Publikum. Der perfekte Ausgangspunkt für eine wilde Nacht in der Metropole. Am Rothschild-Boulevard und im Zentrum wird zuerst ausgiebig gegessen bis die meisten Leute zu einer Tour durch die unzähligen Pubs und Clubs der Stadt aufbrechen. „The Block“ ist hierbei wohl der bekannteste. Auch seine Location ist außergewöhnlich, denn Israels berühmtester Techno-Club ist vor ein paar Jahren in den heruntergekommenen Busbahnhof im wilden Süden der Stadt gezogen. Regelmäßig legen hier auch die bekanntesten amerikanischen und europäischen DJs auf.

Vergiss mir nicht den Süden, Baby!
Im südlich gelegenen Eilat hingegen setzt man eher auf den heimischen Sound. In der Stadt werden viele große Festivals veranstaltet – hauptsächlich für Mizrahi-Musik und heimische Popmusik. Wenn man mitfeiern möchte, ganz einfach an den Yachthafen gehen und der Musik folgen. Eine etwas andere Art von Jugendtreffen erleben Sie an den südlichen Stränden, wo es etwas ruhiger zugeht und gemütlich ein Bier getrunken und das sehr gemütliche Klima kennengelernt werden kann. Übrigens ist hier mehrwertsteuerfreie Zone. Schon deswegen sollten Besucher des Hochpreislandes Israel ihre Einkäufe unbedingt hier erledigen.

Josef Poyer, Kronen Zeitung

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