Do, 19. Juli 2018

Endgültig Schluss

26.05.2009 08:08

Bernhard Kohl beendet seine Karriere

Bernhard Kohl hat am Montagvormittag bei einer Pressekonferenz in Wien überraschend einen Schlussstrich unter seine Karriere gezogen. Der 27-jährige Radprofi aus Niederösterreich, der derzeit wegen EPO-Dopings gesperrt ist, hat ein Comeback auch nach verbüßter Strafe definitiv ausgeschlossen: "Ohne Doping gibt es keine Chancengleichheit im internationalen Spitzenfeld. Ich will ein Doppelleben, das auf Lügen basiert, nicht weiterführen. Deshalb ist endgültig Schluss!"

Auf der Pressekonferenz sagte Kohl, er sei an einer Weggabelung angekommen, die eine Richtung bedeutete die Rückkehr in den Radsport und damit zurück zu den Lügen, die andere in ein Leben ohne Lügen. "Ich habe freiwillig gedopt - in einem System, in dem du ohne Doping nicht gewinnen kannst." Der saubere Sportheld sei oft nur Fiktion. "Talent, Training und knallharte Disziplin reichen irgendwann nicht mehr. Doping wird dann oft zur Regel, der saubere Sport ist leider eine Ausnahme."

Einen Steckbrief und weitere Informationen zum Aufstieg und Fall des Bernhard Kohl findest du in der Infobox!

Kohl wurde nach seinem dritten Platz bei der Tour de France 2008, die der gelernte Rauchfangkehrer auch als bester Bergfahrer beendete, in Österreich bereits als neuer Sportheld gefeiert. Nur zweieinhalb Monate später wurde er überführt und legte ein zwar tränenreiches, aber - wie sich später herausstellte - nicht umfassendes Geständnis ab. Mit dem Lügen war auch danach noch nicht Schluss: "Wie man weiß, war mein Manager, mein Berater, Stefan Matschiner. Seinen Zusammenhang mit dem Thema Doping kennt man jetzt. Natürlich bin ich auch von ihm geleitet worden. Ich war entscheidungsunfähig. Mit den falschen Beratern an der Seite macht man natürlich immer weiter Fehler."

"Ich habe versagt"
Kohl wollte nicht wahrhaben, dass nun alles vorbei sei, er dachte, er gebe nach der Sperre sein Comeback und fahre weiter. "Um zu ermöglichen, dass man wieder retour kommt, kann man nur bis zu einem gewissen Grad Sachen zugeben. Man muss immer weiter lügen, dass man in das System Sport wieder retourkommen kann. Kein Team würde einen sonst noch verpflichten. Für die Fehler möchte ich mich bei allen entschuldigen. Bei der Öffentlichkeit, den Medien und meinen Fans natürlich. Und der ganzen Jugend, die mich als Vorbild gesehen hat. Ich habe leider Gottes versagt und habe damals noch immer gelogen."

Nach Gesprächen und Diskussionen mit Familie, Freundin und Freunden sei dann langsam der Entschluss gereift, aufzuhören. "Da ist die Einsicht gekommen, dass ich mit dem System, wie es einfach herrscht, nicht mehr leben kann oder nicht mehr leben will. Hauptgrund ist, dass ich die Lügerei und die Heuchlerei von dem System einfach satthabe." Wäre er zurückgekommen, hätte er wieder dopen müssen, um Erfolg zu haben: "Man braucht sich nur die Tour de France anschauen. Wir fahren über drei Wochen mit der Durchschnittsgeschwindigkeit von 40 km/h, fahren umgerechnet fünf Mal den Mount Everest hoch. Es ist logisch, dass es in der Weltspitze ohne Doping nicht funktionieren wird", sagte der Niederösterreicher.

Gefasster Auftritt
Kohl wirkte in der Pressekonferenz am Montag selbstsicherer und gefasst - kein Vergleich zu früheren Auftritten. Nochmals schilderte er, wie hart die vergangenen Monate für ihn gewesen seien. "Durch meinen Erfolg bei der Tour bin ich auf einmal zum Helden der Nation geworden. Das war schon einmal für mich komplett überfordernd. Aber wenn das positiv ist, kann man das noch relativ gut rüberbringen. Aber als dann die zwei positiven CERA-Proben bei den Nachtests gekommen sind, war natürlich der absolute Ausnahmezustand. Auf einmal ist alles eingebrochen, ich bin vor den Trümmerhaufen meines Lebens gestanden."

Mittlerweile sieht sich Kohl selbst mit Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Wien gegen seine Person nach Paragraf 22a des Anti-Doping-Gesetzes konfrontiert. Es besteht der Verdacht, dass er eine mitfinanzierte Blutzentrifuge auch anderen zur Verfügung gestellt haben soll. Nicht öffentlich nennen wird Kohl Namen von Sportlern, sowie auch nicht den Namen jenes Aktiven, der ihm zu CERA verholfen hat.

Deckname "Shrek"
Kohl, der bestätigte, dass sein Deckname bei Humanplasma jener der Animationsfigur "Shrek" gewesen sei, will nun seine Erfahrungen anderen mitteilen und sich der Dopingprävention widmen. "Ich glaube, es kann keiner glaubhafter erzählen, was Doping mit einem Menschen wirklich anstellen kann. Ich habe das von A bis Z durchgelebt." Im Schul- und Jugendbereich will er ansetzen, mit dem Bundesministerium habe er einen ersten Kontakt gehabt.

Keine Lust auf das Gefängnis
Zudem habe sein deutscher Rechtsanwalt ein Konzept zur Dopingprävention für den Profisport entwickelt, den Vereinsverantwortlichen will Kohl aufzeigen, wo und wie ein Sportler betrügen kann. "Ich habe in meiner Karriere 200 Dopingkontrollen gehabt, von den 200 waren zwei positiv mit dem gleichen Stoff. 100 hätten positiv sein müssen. Eine negative Dopingkontrolle heißt bei weitem nicht ein sauberer Sportler. Das ist durch mein Beispiel deutlich widerlegt." Der strafrechtlichen Verfolgung von Dopingsündern kann Kohl einiges abgewinnen: "Das hätte mich abgeschreckt, denn in den Häf'n gehen will ich nicht."

Kohl zu Gast in ARD-Sendung "beckmann"
Nach seiner Rücktrittserklärung war Kohl am späten Montagabend zu Gast in der ARD-Sendung "beckmann", wo er nochmals ausführlich dargelegte, wie er sich während der Tour de France 2008 gedopt hat und wie es bei Humanplasma in Wien ablief. Angesprochen darauf, ob bei seinem letzten Team Gerolsteiner systematisch gedopt worden sei, sagte der Niederösterreicher: "Ich kann definitiv sagen, dass es nicht teamorganisiert war." Ob die Ärzte davon gewusst hätten? "Wenn ein Arzt 1 und 1 zusammenzählen kann, weiß er, dass diese Leistung nicht ehrlich zustande kommt." Ob jedoch Ärzte involviert gewesen seien, dazu gab der Österreicher keinen Kommentar ab.

Eigenblut und CERA bei Tour d'France
Während der Tour de France 2008, die Kohl als Gesamtdritter und als Gewinner der Bergtrikots beendet hatte, habe er mit Eigenblut und dem damals relativ neuem EPO-Derivat CERA, von dem er Ende 2007 erstmals gehört habe, gedopt. Er habe sich sicher gefühlt, dass er nicht erwischt werden wird, aber nicht sicher, was den Vorsprung betrifft. "Chancengleichheit", meinte Kohl, denn: "Ich weiß, wie es ist, wenn man clean ist. Und ich weiß, wie es ist, wenn man dopt. Der Unterschied ist eine drastische Steigerung. Es scheint mir unmöglich, eine absolute Topleistung sauber zu bringen."

CERA hat Kohl von einem "Sportkollegen" bekommen, dessen Namen er nicht öffentlich nennen wird. Das Eigenblut brachte sein damaliger Manager Stefan Matschiner mit dem Flugzeug nach Frankreich. Zwei Liter hatte Kohl zur Verfügung, drei Mal je einen halben Liter führte er dann vor Bergetappen im Hotelzimmer Matschiners seinem Körper zu. "In einer ruhigen Minute zwischen Massage, Interviews, Essen. Das ging relativ schnell, in zwanzig Minuten war die Sache vorbei." Und die Beine seien wieder lockerer gewesen und man habe sich nicht mehr so müde gefühlt.

Viel Betrieb bei Humanplasma
In Bezug auf Humanplasma meinte Kohl, dass er als Sommersportler das Zentrum im Winter aufgesucht habe, und Wintersportler seien im Sommer gekommen. Seine Termine seien meistens für Sonntag um 8.00 Uhr angesetzt und Treffpunkt sei der McDonald's gegenüber gewesen. Mit drei anderen Sportler sei er dann abgeholt und zu Humanplasma gebracht worden, das Blut sei abgenommen, weiterverarbeitet und eingefroren worden. Nach einer Stunde sei alles vorbei gewesen und die nächsten Sportler seien drangekommen.

"Da wurde im Stundenrhythmus ausgewechselt. Nicht nur Radfahrer, sondern sämtliche Ausdauersportarten. Nicht nur Österreicher, sondern auch Internationale. Nicht nur Sommer-, sondern auch Wintersportler", präzisierte Kohl. Deutsche hätte er persönlich nicht gesehen, aber Gerüchte gehört, meinte der Österreicher auf Nachfragen von Moderator Reinhold Beckmann. Als nach der Turin-Affäre 2006 Humanplasma nicht mehr möglich gewesen sei, habe Kohl dann die Blutzentrifuge angeschafft.

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