So, 19. August 2018

Sportler der Herzen

04.06.2009 10:29

Alfa MiTo im Test

„MiTo nach Hause“, schaut mir der Kleine bettelnd in die Augen, als ob er kein Wässerchen trüben könnte. Dabei ist mir klar: Der hat es faustdick hinter seiner großen Nase, auf die die Motorhaube spitz zuläuft wie beim oft zitierten 8C Competizione. Das „D“ (für Dynamic) beim DNA genannten Fahrdynamiksystem leuchtet, und das verspricht Fahrspaß. Mehr braucht’s nicht, um mich zu überreden. Also ab auf die Autobahn und runter nach Italien. Es muss ja keine der Namen gebenden Städte (MIlano oder TOrino) sein, und der 155-PS-Motor (der einzig wahre für diesen Sportler der Herzen) braucht angemessenen Auslauf.

Ich fühle mich im MiTo sowieso schon halb wie ein Italiener, das macht seine Ausstrahlung. Was da auf der Plattform des Fiat Grande Punto steht, ist ein wunderschöner Alfa Romeo, der endlich wieder die Qualitäten hat, die ich mir von dieser sportlichen Marke erwarte. Der knallrote Charakterkerl hat nichts Kleinwagenmäßiges, sondern zelebriert italienisch-sportlichen Stil an allen Ecken und in allen Linien. Kein Wunder, dass uns die Leute nachschauen und mit dem Finger zeigen: „Schau, das ist der MiTo, super!“ (Schade, dass die Karosserie so unübersichtlich ist, sonst würde man noch besser sehen, wie die Leute einem nachschauen.)

Man merkt, dass der Kleine denselben Design-Papa hat wie der limitierte Über-Alfa 8C, den Argentinier Manuel Diaz. Stolz trägt er den großen Alfa-Wappengrill, und auch im Innenraum geht es sportlich zu. Die Oberflächen, zum Teil im Carbonlook, wirken hochwertig, die Instrumente – klassisch rund – vermitteln das Gefühl, als Fahrer ernst genommen zu werden. Und dass der MiTo auch ein bisschen ernst genommen werden will.

Auf das richtige Schuhwerk kommt es an
Daher bringe ich ihn auch erst mal in die Werkstatt, damit er passende Reifen bekommt, denn mit den 17-Zoll-Winterrädern bei frühlingshaften bis sommerlichen Temperaturen ist das Fahrverhalten eher abenteuerlich und sportliche Herangehensweise besser zu unterlassen. Mit passenden 205er-Pirelli-Turnschuhen ist das gleich was ganz anderes. Geradeauslauf ist zwar noch immer nicht die größte Stärke des Alfa, aber jetzt ist er jederzeit gut zu beherrschen. Aber dazu weiter unten mehr.

Power für die Oberarme
Die Italienfahrt erfordert erst noch ein bisschen Muskelkraft, denn das Gepäck will hoch über die Ladekante in den 270 Liter großen Kofferraum gewuchtet werden. Aber gut, ist sie zu hoch, bist zu alt. Beim Einsteigen fällt mir der massive Türgriff auf: Ja, so muss das bei einem Alfa sein! Vasco Rossi in den CD-Player der optionalen Bose-Anlage und los geht’s.

Auf der Autobahn fällt auf, wie bequem der Sportsitz ist, auch nach stundenlanger Fahrt. Die Sitzfläche ist erstaunlich lang, und überhaupt hab ich mit meinen 1,88 Metern Länge in dem 4,06 Meter langen und 1,72 Meter breiten Auto richtig gut Platz. Sogar hinten geht es zumindest für Kurzstrecken erstaunlich kommod zu, wenn dort zwei nicht allzu groß gewachsene Gestalten Platz nehmen. Einen Kindersitz möchte ich in den Zweitürer aber nicht hineinwürgen. Umgeklappt ergibt sich eine gut nutzbare 950 Liter große Ladefläche.

Geduldprobe beim Tanken
Vor der italienischen Grenze tanke ich natürlich noch mal voll. Weil der Sprit hierzulande so viel günstiger ist, will ich natürlich möglichst viel hineinbekommen – und erhalte ein Aha-Erlebnis serviert, das mir bis dato nicht widerfahren ist: Der Alfa MiTo wehrt sich geradezu gegen das Vollgetanktwerden! Ab dem Moment, wo der Tank den Eindruck vermittelt, er sei voll (weil der Sprit schon überläuft) bringe ich mit viel Geduld (in rund zehn Minuten) sage und schreibe noch 8,5 Liter hinein! Da dürfte bei der Konstruktion des Tanks etwas schief gegangen sein. Normalerweise wird man sich das nicht antun und lieber knappe 100 Kilometer früher an die Zapfsäule rollen.

Adrenalin auf Knopfdruck
Alfa gibt einen Normverbrauch von 6,5 l/100 km an, ich komme auf einen Testverbrauch von 10 l/100 km. Das liegt natürlich teilweise daran, dass ich das DNA-System beinahe generell in Stellung „Dynamic“ habe. Alles geht auf Habtacht, alle Kennlinien werden steil, die Gasannahme voll auf Zug. „Dynamic“ ist also die Adrenalineinspritzung, sogar das maximale Drehmoment klettert von 201 Nm bei 5.000/min. auf 230 Nm bei 3.000/min. Gelassenes Gleiten ist da nicht mehr drin, jeder Tipp aufs Gaspedal ist direkt am Tacho zu sehen und im Kreuz zu spüren. In 8,0 Sekunden ist der Hunderter erreicht, bis auf 215 km/h beschleunigt der 1,4-Liter-Turbomotor den 1.145 kg schweren Italiener.

Mit Hurra krallt sich der MiTo in die Kurven norditalienischer Landstraßen, das elektronische Sperrdifferenzial (electronic Q2) sorgt dafür, dass die Räder dabei nicht durchdrehen. Die Traktion geht damit voll in Ordnung. Das leicht nervöse Fahrverhalten passt zum agilen Charakter, allerdings sollte die Lenkung vor allem um die Mittellage exakter sein. Leider nervig: Beim harten Bremsen, wie es bei der Kurvenhatz eben vorkommt, schaltet sich immer wieder die Warnblinkanlage ein. Diese Warneinrichtung ist leider nicht ans DNA gekoppelt und generell sehr sensibel.

In Stellung „N“ wie „Normal“ ist der Kleine wie ausgewechselt. Von der Power ist nichts zu ahnen, auf 155 PS hätte ich ihn da spontan nicht geschätzt. Wer sparen will, ist hier gut aufgehoben. „N“ ist übrigens nach jedem Motorstart standardmäßig aktiviert, wer sporteln will, muss am DNA jedes Mal umschalten und sich bewusst für die Unvernunft entscheiden.

Was ist schon perfekt?
Der Alfa MiTo wäre kein Italiener, wenn man nicht liebevoll auf einige Marotten blicken müsste. Der Gurtwarner ist ohrenbetäubend, und zwar von Anfang an. Die Klimaautomatik hat ein Eigenleben, mit dem man klarkommen muss (beim Runterdrehen auf Minimaltemperatur schaltet sich automatisch die Klimaanlage dazu und die Lüftung gibt Vollgas), der Hebel für den Tempomaten ist dem Knie im Weg, wenn man es zum kurzzeitigen Lenkradhalten einsetzt, der Lichthupe-/Fernlichtschalter ist nicht ideal und beim Hochfahren des Beifahrerfensters muss man den Schalter festhalten. Am Testwagen funktioniert das RDS des Radios nicht (auf dem Weg nach und von Italien musste ich mir die jeweils aktuelle Frequenz des Verkehrsfunksenders immer händisch suchen), beim Rückwärtsfahren gibt die Bremse hupende Geräusche von sich und bei Testende erinnert der Motor der Innenraumlüftung vom Geräusch her an einen Elektrorasenmäher.

Fazit bzw. risultato
Unterm Strich bleibt ein kleiner Sportler, auf den man bei Alfa stolz sein kann. Er strahlt Italianitá aus. Und Reife. Und ist keine mit Spoilerwerk und PS aufgemotzte Krawallmaschine, sondern ein stilvoller Feschak mit sportlichen Ambitionen. Und weil man in Italien besonders an die Famiglia denkt, sind sieben Airbags und aktive Kopfstützen Serie, ebenso wie ESP und „DNA“. All das sogar im 79-PS-Einstiegsmodell namens „Junior“. Der wahre Charakter kommt aber erst im Topmodell zur Geltung, um angemessene 20.490 Euro (Testwagen mit Extras wie Leder und 17-Zoll-Alus 25.000). Zuzüglich Strafmandaten…

Stephan Schätzl

Warum?

  • Weil er schick ist und Spaß macht.
  • Weil er so schön italienisch ist.
  • So klein, und ein echter Alfa – mehr als mancher größere!

Warum nicht?

  • Weil die Lenkung direkter sein könnte.
  • Weil manchmal auch die Gerade eine angemessene Verbindung zweier Punkte ist.
  • Weil er zwar schön, aber auch ganz schön unübersichtlich ist.

Oder vielleicht …

  • … einen Mini?
  • … irgendwas „Abarthiges“?

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