16.04.2017 10:01 |

Verborgene Schönheit

Mallorca - Keine Spur vom "Ballermann"

Weitab von überfüllten Stränden und Vergnügungsmeilen bietet Mallorca versteckte Schönheiten, die am besten zu "erwandern" oder mit dem Rad zu "erfahren" sind.

Sie bilden einen Tunnel, eine fast undurchdringliche Wand, kratzen an den Helmen der Radfahrer, die ausnahmsweise einmal über die optisch nicht immer überzeugende Kopfbedeckung zu ihrem Schutz recht froh sind: Es sind Schilfblätter in ungeheurer Menge und Größe, die im "Parc Natural de s’Albufera de Mallorca" wachsen. Ein riesiges Sumpf- und Brackwassergebiet, nur durch Dünen vom Meer getrennt und gar nicht weit von den hektischen und lauten Touristenstränden der Nordküste entfernt. Und doch ist das Naturschutzgebiet eine stille Welt für sich. Es lohnt sich stehen zu bleiben und zu beobachten.

Denn der Park ist Heimat und Raststation für mehr als 200 Vogelarten. Zugvögel wie Flamingos, Strandläufer und sogar Störche, die es vielleicht bis ins Burgenland schaffen, machen Pause. Andere, wie der Schilfrohrsänger und der Stelzenläufer, brüten hier.

Mallorca gilt ja als Eldorado der Pedaltreter, ist vor allem im Frühjahr Trainingsgebiet für ambitionierte Amateure und sogar Profiteams. Aber Kilometer fressen auf steilen Bergstraßen ist das eine, genießen das andere. Wer will, kann ganz entspannt hier Radtouren unternehmen, kundige Führer fahren voraus, man muss sich um nichts kümmern. Durch den Park, dann auf Nebenstraßen und über Güterwege, die hier Cami genannt werden, führt die Strecke. Vorbei an wunderbaren Obstplantagen, an Mandel-, Johannisbrot- und Feigenbäumen.

Fangar
Sport betreiben macht hungrig, und eine Finca bietet sich als Raststation an. Auf Fangar zum Beispiel, wo der Besitzer bescheiden einräumt, das wunderbare Herrenhaus aus dem 16. Jahrhundert sei "erst" seit 200 Jahren im Besitz der Familie. Köstliche, bunte Salate sind inzwischen angerichtet, mit Granatäpfeln, Nüssen und Spinat, abgerundet mit feinen Gewürzen der Insel. Knackiges Brot wird frisch geschnitten, und ein Gläschen vom Rotwein der Finca passt ideal dazu.

Olivenöl und Fincas
Fincas waren früher vor allem landwirtschaftliche Betriebe, zum Beispiel für den Weinanbau, den es auf Mallorca schon seit Jahrhunderten gibt. Dann fügte die auch bei uns gefürchtete Reblaus hier den Reben schweren Schaden zu. Der Weinanbau hat sich längst wieder erholt, der Verwendungszweck der Fincas hat sich heute verändert, der Tourismus war da maßgeblich beteiligt. Sie werden teilweise vermietet.

Fincas, auf denen köstliches Olivenöl hergestellt wird, gibt es noch immer. Und besichtigen kann man diese auch. Zum Beispiel auf der Finca Treurer, wo der Besitzer und frühere Hotelmanager Juan Miralles von seiner Liebe zu den ovalen, grünen Früchten erzählt. Er verwendet besonders kleine, dafür aber umso aromatischere Arbequinas für die Produktion. 100 Kilo Oliven ergeben 20 Liter Öl, rechnet er vor. Und man kann sicher sein: Wer hier "extra virgine", also die höchste Qualitätsstufe, kauft, bekommt das auch. Juan Miralles weiß, warum das anderswo nicht immer so ist.

Pollenca
Zurück zum Meer führt die Radtour über die hübsche Stadt Pollenca. Der deutsche Rocker Peter Maffay genießt hier oft seinen "Café solo" in einem der Kaffeehäuser am Hauptplatz. Er besitzt, wie viele Deutsche, eine Finca in der Gegend. Der "Zieleinlauf" mit dem Rad bei Sonnenuntergang am halbrunden Meeresstrand ist fast zu kitschig, um wahr zu sein.

Massentourismus? Gibt es auch!
"Viel Spaß am Ballermann", hat die Stewardess kurz vor der Landung im Flugzeug noch gewünscht. Doch damit irrte sie gewaltig. Die Insel, die neunmal so groß ist wie Wien, bietet viel mehr als die zwei Kilometer lange und zusehends in Verruf geratene vorgebliche "Vergnügungsmeile" am Rande der Hauptstadt Palma.

Ja, es gibt Gegenden, die aus gutem Grund "Düsseldorfer Loch" und "Hamburger Hügel" genannt werden. Ja, es findet hier durchaus Massentourismus statt. Im vergangenen August wurde auf dem Flughafen Palma die unglaubliche Zahl von vier Millionen Passagieren abgefertigt. Aber es gibt so viele stille Ecken, die erkundet werden wollen.

Cap Formentor
Wer Mallorca nicht mit dem Rad "erfahren" will, kann auch wandern. In der Serra de Tramuntana mit ihren bis zu 1400 Meter hohen Bergen. Oder am Cap Formentor, jener Halbinsel-förmigen Landzunge mit steilen Klippen im Norden. Doch der Weg durch einen Föhrenwald ist fast eben und endet an einer wunderbaren, einsamen Bucht.

Am Cap gibt es auch ein exklusives 1929 eröffnetes Hotel voll Tradition und Geschichte. Hier hat Winston Churchill gemalt und geschrieben, haben Grace Kelly und Fürst Rainier einen Teil ihrer Flitterwochen verbracht, hat Helmut Schmidt vom Einmarsch der Russen in Afghanistan erfahren, ist Charlie Chaplin im Bademantel zum Strand geschlendert.

Chaplin, Churchill und Sisi
Dass so viele Prominente einst und bis heute die Insel lieben, hat wohl einen Grund. Da muss man gar nicht bis zum österreichischen Erzherzog Ludwig Salvator zurückgehen, der 1867 inkognito auf die Insel kam - als Ludwig Graf Neudorf. Zweimal besuchte die österreichische Kaiserin Elisabeth, vulgo Sisi, ihren Cousin auf Mallorca mit ihrer Yacht. Das Landgut des Erzherzogs, S’Estaca, gehört heute, so nebenbei gesagt, dem amerikanischen Filmstar Michael Douglas.

Sie alle lieben wohl diese charmante Mischung: eine Hauptstadt, die zu den lebenswertesten der Welt zählt, einsame Strände, verträumte Winkel oder schroffe Felsen. Und selbst für Kunstinteressierte ist Mallorca ein lohnenswertes Ziel. Aber das ist eine andere Geschichte.

Peter Grotter, Kronen Zeitung

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