Braunes Erbe

Sepp Tanzer: Der Marsch eines Nazi-Funktionärs

Tirol
17.10.2026 16:00

Sepp Tanzer verstand es, sich den politischen Zeiten anzupassen: vom mächtigen NS-Musikfunktionär zur gefeierten Autorität der Tiroler Blasmusik. Sein Standschützenmarsch sorgt bis heute für Konflikte. Ein Porträt über eine braune Karriere, das späte Erinnern und die Grenzen musikalischer Unschuld.

Anfang Oktober spielten zwei von vier Kapellen bei „Sterne der Blasmusik“ in Kufstein den „Standschützenmarsch“ – obwohl der Tiroler Blasmusikverband bereits 2013 aus Respekt vor den NS-Opfern empfohlen hatte, darauf zu verzichten. Bürgermeister, Stellvertreter und Kulturreferent erklärten ihn nun für unerwünscht: Die BMK Oberlangkampfen räumte mangelnde Kenntnis der Hintergründe ein und strich ihn aus dem Repertoire; die BMK Landl verneinte böse Hintergedanken. Verharmlosung rechtfertigt nichts. Sie setzt jene Entpolitisierung fort, die Tanzer jahrzehntelang schützte.

Vom Kapellmeister zum mächtigen NS-Musikchef
Tanzer war ein talentierter Musiker und ein NS-Funktionär mit Macht. Seine Wiltener Kapelle wurde zum Gaumusikzug der NSDAP, er selbst Gaumusikleiter und -Inspizient. Er leitete das Volksmusikreferat der Reichsmusikkammer, arbeitete im Kulturdienst der Gauverwaltung, beaufsichtigte Programme und organisierte Aufmärsche musikalisch. 1940 dirigierte er beim Treffen Hitlers und Mussolinis am Brenner mitten im Propagandabetrieb. Den Marsch widmete er Gauleiter Franz Hofer. Sein Trio zitiert „Hellau! Mir sein Tiroler Buam“, verwendet bei NS- und Hitlerjugendfeiern.

Ein offen nationalsozialistischer Text fehlt; Widmung und Verwendung sind dennoch eindeutig. Der Einwand, das Werk sei Hofer nur gewidmet und nicht für ihn komponiert, bleibt eine Ausflucht: Tanzer lieferte ihm ein musikalisches Tirol-Emblem.

Professor Sepp Tanzer (*1907 in Matrei am Brenner – † 28. Februar 1983 in Kramsach) erhielt auch ...
Professor Sepp Tanzer (*1907 in Matrei am Brenner – † 28. Februar 1983 in Kramsach) erhielt auch nach 1945 hohe Bundes- und Landesauszeichnungen.(Bild: zVg.)

Nach 1945 ging Tanzers Karriere weiter
Nach drei Jahren Auftrittsverbot arbeitete Tanzer beim ORF Tirol, wurde Landeskapellmeister und leitete die Wiltener bis 1977. 1964 erhielt er den Professorentitel, 1967 neben weiteren hohen und höchsten Auszeichnungen das Verdienstkreuz des Landes Tirol. Er wurde wieder zur Autorität, seine NS-Vergangenheit verblasste. Die Hofer-Widmung verschwand, der Marsch blieb. Man bereinigte die Noten, statt sich der Geschichte zu stellen.

Nimbus des Kapellmeisters bekam langsam Risse
Der Journalist und damalige Kapellmeister Alois Schöpf thematisierte Tanzers NS-Rolle als Erster öffentlich. 1996 spielte die Musikkapelle Götzens bei der Seligsprechung der NS-Opfer Otto Neururer und Jakob Gapp im Petersdom Tanzers Präludium „Festtag“.

Nach Schöpfs Kritik und seinem Hinweis auf Tanzers Vergangenheit, entzog ihm der Blasmusikverband einen Auftrag. Eine breite Neubewertung blieb aus. 2008 wurde die Musikschule Kramsach nach dem 1983 verstorbenen Tanzer benannt. Erst 2013 erhielt sie nach Debatte und Aufarbeitung ihren ursprünglichen Namen zurück; der Blasmusikverband empfahl, den Standschützenmarsch nicht mehr zu spielen. Trotzdem erklang er 2017 beim Oktoberfest. Im Oktober 2026 aberkannte Tirol Tanzer das Verdienstkreuz: Er war politischer Leiter der NSDAP und führender NS-Kulturfunktionär.

Mit dem Entzug der Landesauszeichnungen an Tanzer und weitere NS-Belastete sowie Projekten wie der Ausstellung „Vom Gauhaus zum Landhaus“ über das ehemalige NS-Machtzentrum setzt das Land Tirol seit wenigen Jahren seine Aufarbeitung fort und versucht, der Gegenwart gerecht zu werden. Das macht die Vergangenheit nicht ungeschehen. Es widerspricht aber der bequemen Vorstellung, man könne den Künstler feiern und seine politische Verantwortung ausblenden.

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