Zu wenig Personal

„Es ist Feuer am Dach des Justizsystems“

Niederösterreich
14.10.2026 18:30

Was passiert, wenn man den Rechtsstaat aufs Spiel setzt? Antworten darauf gab es am Mittwoch anlässlich der österreichweiten Aktionswoche auch am Landesgericht in St. Pölten. 

Die Frage aller Fragen innerhalb der Justiz lautet derzeit: „100 Prozent sind erreicht – was nun?“ Mit Oktober haben die Gerichtsmitarbeiter ihr Jahresarbeitspensum erreicht. Ein Ende ist aber nicht in Sicht. Daher werde in der Freizeit, im Urlaub oder sogar im Krankenstand gearbeitet. Und die Sechs-Tage-Woche damit längst Alltag, berichtet Gerichtspräsidentin Martina Spreitzer-Kropiunik über die Zustände am Landesgericht St. Pölten.

Auch hier wurde – wie in ganz Österreich – anlässlich der Aktionswoche zur Versammlung geladen. Denn es fehlen 250 Richter und 70 Staatsanwälte.

Staatsanwalt Thomas Korntheuer und Richter Gregor Adamovic (re.)
Staatsanwalt Thomas Korntheuer und Richter Gregor Adamovic (re.)(Bild: Petra Weichhart)
(Bild: Petra Weichhart)
Versammlung im Schwurgerichtssaal des Landesgerichts St. Pölten
Versammlung im Schwurgerichtssaal des Landesgerichts St. Pölten(Bild: Petra Weichhart)

Personalmangel und Mehraufwand
Enorme Steigerungen aufgrund neuer Gesetze (etwa Datensicherstellungen), mehr Anklageerhebungen, komplexere Verfahren (etwa die Auswertung von Chatverläufen) und auch die häufigere Anfechtung von Gerichtsentscheidungen heben das Arbeitspensum immens. Alleine heuer seien es bis Jahresende um 400 Akten mehr als im Vorjahr.

Im Vergleich zu 2020 sieht sich etwa die Staatsanwaltschaft mit einer 40-prozentigen Steigerung an Verfahren konfrontiert. „Mit 3010 Verfahren im heurigen Jahr sind es für die Staatsanwaltschaft St. Pölten um 310 mehr als im Vorjahr“, erklärt Staatsanwalt Leopold Bien. 

Martina Spreitzer-Kropiunik, Präsidentin Landesgericht St. Pölten
Martina Spreitzer-Kropiunik, Präsidentin Landesgericht St. Pölten(Bild: Imre Antal)
Auch das Landesgericht St. Pölten sieht sich mit Überlastung und Personalmangel konfrontiert.
Auch das Landesgericht St. Pölten sieht sich mit Überlastung und Personalmangel konfrontiert.(Bild: Imre Antal)

„Es ist Feuer am Dach“, bringt es Richter Gregor Adamovic auf den Punkt. Nun gelte es für die Feuerwehr – in diesem Fall die Bundesregierung – auszurücken und zu löschen. Denn die Mitarbeiter halten mit hohem Engagement den Betrieb aufrecht – mit fatalen Folgen. Gesundheitlich wie psychisch.

Grenzen des Möglichen sind überschritten
„Stop! Genug ist genug. Wer an der Justiz spart, gefährdet den Rechtsstaat“, fordert auch Staatsanwalt Thomas Korntheuer die Politik zum Handeln auf. 180 Richtern stehen rund 7150 Rechtsanwälten gegenüber.

Umgelegt auf Akten bedeutet das: Während ein Anwalt pro Jahr vier Verfahren betreut, arbeitet ein Richter 140 Akten ab, schildert Kurt Nowak, Obmann der Richtervereinigung. „Damit sind die Grenzen des Möglichen überschritten“, hält Adamovic fest. Nun sei die Politik gefordert, wieder ein leistungsfähiges Justizsystem zu schaffen. Etwa mit einem Stufenplan. 

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