Seit Wochen folgt in der deutschen Autobranche eine Hiobsbotschaft der nächsten: Nun lässt der Autobauer Mercedes-Benz mit einer Verschärfung des Sparkurses aufhorchen, es soll künftig für gleiches Geld länger gearbeitet werden. Tausende Beschäftigte gehen deshalb am Freitag auf die Straße, sie seien „nicht schuld an der Misere“ der Automobilbranche.
In der gesamten deutschen Autoindustrie sorgten Entscheidungen der Hersteller und Zulieferer zuletzt für negative Schlagzeilen. Nach Angaben der Gewerkschaft seien im vergangenen Jahr 50.000 Arbeitsplätze in der Branche abgebaut worden – und dieser Trend könne sich fortsetzen, wenn es nach den Unternehmen gehe. Neben Mercedes-Benz wolle auch der Volkswagenkonzern weiter sparen. Laut einem Bericht aus dem „Manager Magazin“ von vergangener Woche sollen dort bis zu 100.000 Stellen abgebaut – und so Milliarden eingespart werden, nachdem der Nettogewinn 2025 um fast die Hälfte gesunken war.
„Dramatische Situation in Deutschland“
In einem Schreiben an die Beschäftigten in Deutschland teilte der Mercedes-Benz-Vorstand Ende der vergangenen Woche mit, dass man „weiterhin mit Hochdruck die Kosten senken“ müsse, um wettbewerbsfähig bei den Produktpreisen zu bleiben.
„Trotz all unserer Anstrengung ist die Situation heute in Deutschland dramatisch“, hieß es darin. Der Konzern hat, wie das „Handelsblatt“ berichtete, im Rahmen seines Sparprogramms bereits 5500 Mitarbeiter durch freiwillige Abfindungspakete zwischen April 2025 und Ende März 2026 abgebaut. Bis 2027 strebt der Konzern Kosteneinsparungen von fünf Milliarden Euro an.
Beschäftigte sollen für gleiches Gehalt mehr arbeiten
Rund 90.000 der etwa 108.000 Beschäftigten in Deutschland erhalten demnach als kurzfristige Maßnahme im Juli nicht die erwartete tarifliche Sonderzahlung. Diese werde auf das kommende Jahr verschoben, so das Schreiben weiter. Bei dieser Sonderzahlung handelt es sich um den jährlichen „Transformationsbaustein“, der 18,4 Prozent des regulären monatlichen Entgelts beträgt. In wirtschaftlich angespannten Betrieben könne diese Zahlung verschoben oder ausgesetzt werden, heißt es auf der Website der IG Metall.
Zudem müsse laut Mercedes-Benz die Arbeitsstunde günstiger werden. Das Management plant in den kommenden Wochen, mit dem Betriebsrat über eine Verlängerung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich zu verhandeln. Laut Tarifvertrag beträgt die Wochenarbeitszeit der Beschäftigten derzeit 35 Stunden. Das kritisiert der Gesamtbetriebsratschef Ergun Lümali scharf. Das Management wolle demnach hart erkämpfte Errungenschaften zurückdrehen, was keine Grundlage für weitere Gespräche sei.
Protest ist nur Auftakt für weitere
Die deutsche Gewerkschaft IG Metall hat deshalb am Freitag zu Kundgebungen vor den Werkstoren aufgerufen. In Baden-Württemberg beteiligten sich rund 20.000 Beschäftigte an dem Protest. Ein Sprecher des Unternehmens sprach hingegen von 10.000 Teilnehmern. Die Proteste bei Mercedes-Benz sollen laut IG Metall gleichfalls in mehreren deutschen Städten und der Auftakt für weitere deutschlandweite Aktionen sein.
So ist unter anderem am 9. Juli in der baden-württembergischen Landeshauptstadt ein Autokorso von Beschäftigten der Autoindustrie geplant. „Die IG Metall und die Beschäftigten der Hersteller und Zulieferer werden den Unternehmenslenkern der Autoindustrie einen heißen Sommer und Herbst bescheren, solange sie weiter auf Arbeitsplatzabbau und Verlagerung setzen, statt echte Problemlösungen zu suchen“, erklärte die Gewerkschaft im Vorfeld und weiter: „Die Beschäftigten sind nicht schuld an der Misere.“
Auch die Mitarbeiter von BMW und der VW-Tochter Audi und die bayerische IG Metall stellen sich hinter die Proteste bei Mercedes-Benz. Audi-Betriebsrat Jörg Schlagbauer kritisiert: „In einer Zeit von Absatzeinbrüchen und globalen Krisen“ versuchten die Verantwortlichen bei Mercedes „die Gunst der Stunde zu nutzen, um hier tarifpolitische Grenzlinien zu verschieben und die Belegschaften zu erpressen.“ Auch BMW-Gesamtbetriebsratsvorsitzender Martin Kimmich erklärt: „Wem heutzutage nichts anderes einfällt, als nach der 40-Stunden-Woche zu schreien, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt.“
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