Will nicht „taktieren“

Thurnher bewirbt sich nicht als Generaldirektorin

Medien
28.05.2026 09:11
Porträt von krone.at
Von krone.at

Seit dem Rücktritt von Roland Weißmann ist Ingrid Thurnher Generaldirektorin beim ORF – doch dauerhaft will sie diesen Posten nicht bekleiden. Sie verzichtet auf eine Bewerbung für den Spitzenjob ab 2027. 

In einem Schreiben an die ORF-Mitarbeiter begründet sie die Entscheidung damit, dass ihr in der verbleibenden Zeit so mehr Freiheit bleibe, um Missstände aufzuarbeiten, die richtigen Weichen zu stellen und das Vertrauen in den ORF zu stärken. „Ich muss nicht taktieren, ich muss nicht tun, was opportun ist“, schreibt Thurnher.

Thurnher räumt ein, dass es für sie reizvoll gewesen wäre, sich zu bewerben. „Es wäre auch ein besonderer Abschluss meiner jahrzehntelangen Karriere im ORF gewesen. Aber jetzt geht es nicht um mich. Es geht um den ORF“, so die bekannte Journalistin und Medienmanagerin, die seit 1985 dem ORF verbunden ist. 

Am 11. Juni wird der Stiftungsrat die neue ORF-Leitung wählen.
Am 11. Juni wird der Stiftungsrat die neue ORF-Leitung wählen.(Bild: APA/HERBERT PFARRHOFER)

„ORF nicht Spielball der Politik“
Sie geht davon aus, dass der ORF-Stiftungsrat bei der Wahl am 11. Juni eine Entscheidung treffen wird, „die im Interesse des Publikums und eines starken ORF ist“. An die Politik appelliert sie, sich mit Zurufen zurückzuhalten. „Der ORF ist nicht der Spielball der Politik und er gehört auch nicht der Politik“, erinnert Thurnher.

„Bis 1. Jänner wird nicht auf Pause gedrückt. Im Gegenteil“, lässt sie die Tausenden ORF-Mitarbeiter wissen. „Das nächste halbe Jahr wird intensiv, arbeitsreich – und ich werde mich mit aller Kraft dafür einsetzen, dass wir wieder der ORF werden, der wir sein wollen, auf den wir stolz sein können, auf den ich stolz sein kann“, so Thurnher.

„Selbstverständlich werde ich die neue Generaldirektorin oder den neuen Generaldirektor ab 2027 bestmöglich unterstützen. Und ich werde die Amtsübergabe ordentlich vorbereiten“, versichert sie. Zudem wolle sie im Sommer mit der künftig an der Spitze des ORF stehenden Person einen „Planungs-Summit“ einberufen. Gemeinsam will sie erarbeiten, wie der ORF ab 2027 zusätzlich notwendige Einsparungen erbringen könne. Erst vor wenigen Tagen zeigte sich Thurnher über von der Regierung gewälzte Sparüberlegungen in Höhe von 80 bis 90 Mio. Euro pro Jahr alarmiert. Diese würden an den „Grundfesten“ des ORF rütteln.

Der gesamte Brief von Thurnher im Wortlaut:

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
ich schreibe Euch heute in eigener Sache. Ihr könnt Euch sicher vorstellen, worum es geht und ich komme direkt zum Punkt: Ich werde mich nicht erneut als Generaldirektorin bewerben.

Natürlich wäre es reizvoll gewesen, mich für eine volle fünfjährige Periode von 2027 bis Ende 2031 zu bewerben. Es wäre auch ein besonderer Abschluss meiner jahrzehntelangen Karriere im ORF gewesen.
Aber jetzt geht es nicht um mich. Es geht um den ORF.

Und ich brauche jetzt die Hände frei, um im ORF das umsetzen zu können, womit ich angetreten bin, das, was ich Euch versprochen habe. Denn die Entscheidung, mich nicht für eine weitere Amtszeit zu bewerben, bringt eine gewisse Freiheit mit sich: Ich muss nicht taktieren, ich muss nicht tun, was opportun ist. Diese Freiheit ist in der aktuellen Situation ein großer Vorteil.

Ich habe in einer schwierigen Phase Verantwortung übernommen. Verantwortung dafür, dass aufgearbeitet wird. Verantwortung dafür, dass die richtigen Weichen gestellt werden. Verantwortung dafür, dass der ORF wieder Vertrauen zurückgewinnt. Und absolute Unabhängigkeit ist jetzt die Voraussetzung für meine Arbeit. Diese Unabhängigkeit ermöglicht mir, das zu tun, was Voraussetzung für den Neustart des ORF ist.

Diese Entscheidung ist mir nicht leichtgefallen.
Ich danke Euch sehr herzlich für die vielen, vielen Ermutigungen zu kandidieren.

Ich gehe davon aus, dass sich der Stiftungsrat gerade angesichts der Diskussionen der letzten Wochen seiner besonderen Verantwortung bewusst ist, und dass er im Einklang mit allen rechtlichen Voraussetzungen eine Entscheidung treffen wird, die im Interesse des Publikums und eines starken ORF ist. Und ich appelliere auch an die Politik, sich mit Zurufen zurückzuhalten. Denn – und das habe ich schon oft gesagt:
Der ORF ist nicht der Spielball der Politik und er gehört auch nicht der Politik. Er gehört den Menschen, er gehört dem Publikum und in diesem Sinne sollten die anstehenden Entscheidungen auch getroffen werden.
Denn es geht um viel für den ORF – vielleicht um mehr denn je.

Selbstverständlich werde ich die neue Generaldirektorin oder den neuen Generaldirektor ab 2027 bestmöglich unterstützen. Und ich werde die Amtsübergabe ordentlich vorbereiten. Dazu werde ich im Sommer einen Planungs-Summit mit der dann nominierten Generaldirektorin oder dem dann nominierten Generaldirektor einberufen. Und ja, wir werden auch gemeinsam Pläne erarbeiten, wie der ORF ab kommendem Jahr die zusätzlich notwendigen Einsparungen erbringen kann.

Denn eines ist ganz klar: Meine persönliche Entscheidung ändert nichts an meinem Arbeitsprogramm für dieses Jahr. Bis 1. Jänner wird nicht auf Pause gedrückt. Im Gegenteil.

Ich bin mit einem klaren Programm angetreten.
Ihr wisst: Transparenz. Konsequenz. Aufarbeitung.
Und für dieses Programm bin ich vom Stiftungsrat gewählt worden. Dieses Programm werde ich durchziehen. Was noch zu tun ist, wird nicht leicht.
Es stehen Entscheidungen an, die möglicherweise weh tun werden. Entscheidungen, die Widerstand auslösen werden. Aber ich bleibe bei dem, was ich bei meinem Amtsantritt versprochen habe.

Der von mir eingesetzte Transparenzbeirat wird noch vor dem Sommer seinen Bericht vorlegen. Dort, wo Entscheidungen in meiner Verantwortung als Generaldirektorin liegen, werde ich diese Empfehlungen auch umsetzen.
Das nächste halbe Jahr wird intensiv, arbeitsreich – und ich werde mich mit aller Kraft dafür einsetzen, dass wir wieder der ORF werden, der wir sein wollen, auf den wir stolz sein können, auf den ich stolz sein kann.
Herzlichen Dank für die Unterstützung und den Zuspruch der letzten Wochen – ich weiß es wirklich zu schätzen.

Liebe Grüße
Ingrid Thurnher

Thurnher ist Mitte März mit der vorläufigen Führung der Geschäfte des ORF-Generaldirektors betraut worden. Mitte April wurde sie mit 31 von 35 Stimmen im ORF-Stiftungsrat zur regulären ORF-Chefin bestellt. Damals erklärte sie, sie wolle in den acht Monaten an der Spitze „die Weichen für einen besseren ORF“ stellen. Die Missstände im Medienhaus wolle sie „klar, konsequent und ohne jedes Ausweichen“ aufarbeiten.

Die 63-Jährige erlangte Bekanntheit bei den Sendungen „ZiB2“ und „Im Zentrum“, darüber hinaus war sie als „Sommergespräche“-Moderatorin tätig. Später betätigte sie sich als ORF III-Chefredakteurin und ORF-Radiodirektorin.

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