„Krone“-Talk zum Weltfrauentag: Ingrid Brodnig enthüllt in ihrem neuen Buch „Feindbild Frau“ digitale Gewalt gegen Frauen in Führungspositionen. Im Interview gibt sie einen ersten Einblick, welche Mechanismen dahinterstehen und sie gibt Tipps, wie frau sich wehren kann.
Die gebürtige Grazerin Ingrid Brodnig ist nicht nur Autorin, sondern auch Expertin für die digitale Gesellschaft. Bekannt wurde sie durch fundierte Analysen zu Hass im Netz, Desinformation und den gesellschaftlichen Auswirkungen digitaler Plattformen.
Brodnig veröffentlichte bisher zahlreiche Bücher. Jetzt erschien „Feindbild Frau“ (Verlag Molden, 20,99 €), darin analysiert sie digitale Gewalt gegen Frauen in Führungspositionen. Sie hat mit Politikerinnen aus Deutschland und Österreich gesprochen.
„Krone“: Warum fokussieren Sie sich auf Politikerinnen?
Ingrid Brodnik: Politikerinnen sind Frauen und sehr sichtbar – beides erhöht das Gefährdungspotenzial im Internet. Sichtbarkeit kann dazu führen, dass aggressive Gruppen oder Einzelpersonen auf einen anspringen. Und als Frau ist der Hass im Netz besonders verletzend, oft sexualisiert, es geht unter die Gürtellinie.
Wie primitiv und respektlos kann das werden?
Ich habe zehn Typen von typischen Beleidigungen von Frauen gesammelt: Etwa sexualisierte Drohungen oder sexuelle Abwertungen wie „mit dir will keiner ficken.“ Verzeihen Sie diese Wortwahl: Aber solche Kommentare sind besonders geeignet, eine einschüchternde Wirkung zu haben. Genau deshalb sollten wir darüber reden.
Sie schreiben: „Es sind überwiegend Männer, die digitale Gewalt verbreiten.“ Warum steigt der Hass auf Frauen? Besonders auf Frauen in Führungspositionen?
Hasskommentare können ein Mittel zum Zweck sein – zum Beispiel, um unerwünschte Personen wegzudrängen. Mittels Beleidigungen oder Bedrohungen kann man es diesen Personen unangenehm machen, sichtbar zu sein. Und Frauen in Führungspositionen werden oft als Symbol gesehen, zum Beispiel für den Feminismus oder für die Gleichstellungspolitik. Ein Teil der Kommentare, die Frauen abbekommen, kann auch Ausdruck dessen sein, dass jemand Frauen quasi auf ihren angeblich „angemessenen Platz“ in der Gesellschaft zurückverweisen will.
Die meisten Menschen finden nicht in Ordnung, was Frauen im Internet erleben.
Ingrid Brodnig, Expertin für digitales Verhalten
Was soll eine Frau – egal ob Führungsposition oder nicht – tun, wenn sie ein Opfer digitaler Gewalt wird?
Nicht alleine bleiben! Ich kann zum Beispiel meinen Freundinnen über WhatsApp mal zeigen, was ich erlebe. Sie werden mir den Rücken stärken. Vielleicht haben sie auch gute Tipps. Und es gibt Hilfsangebote: Die Organisation ZARA betreibt eine Beratungsstelle gegen Hass im Netz, diese kann auch prüfen, ob ein Posting klagbar ist. Und es kann auch sinnvoll sein, manche Nachrichten öffentlich zu machen: Weil es oft Solidarität erntet. Die meisten Menschen finden auch nicht in Ordnung, was Frauen im Internet erleben.
Wer angefeindet wird, sollte die Melderegisterauskunft sperren lassen.
Ingrid Brodnig
Erleben Sie persönlich auch Hass im Netz, der sich gegen Sie richtet, immerhin decken Sie ja Zusammenhänge auf?
Ja, ab und zu. Ich habe zum Glück noch nie das Gefühl gehabt, ich muss jetzt Angst um meine Sicherheit haben. Manchmal kriege ich Beleidigungen: Aber ich habe einen Vorteil. Ich kann solche Beispiele auch öffentlich machen, sie posten oder in meinen Büchern zitieren. Das zeigt das Problem auf – und ist auch eine Form der Gegenwehr.
Wie gehen Sie selbst damit um, um nicht in Unsicherheit, Angst zu verfallen? Oder welchen Tipp haben Sie?
Wichtig: Wer angefeindet wird, sollte die eigene Adresse in der Melderegisterauskunft sperren. Man kann bei einer Behörde eine Sperrung veranlassen, wenn man zum Beispiel bedroht oder gestalkt wird. Ansonsten ist es sehr leicht für Fremde, eine Wohnadresse herauszufinden. Also, ich achte auf solche Sicherheitsmaßnahmen.
Wichtig ist aber auch, sich vor Augen zu führen: Die allermeisten Menschen sind ganz normal – und lehnen ebenfalls solche digitale Gewalt ab.