Lebte in Deutschland

Russe muss jetzt unschuldig in Folterhaft sitzen

Ausland
05.12.2025 13:55

Der Russe Michail Loschtschinin (48) ist seit Ende der 90er-Jahre in Europa zu Hause. Als er vergangenen Sommer in der alten Heimat seinen kranken Vater besuchen wollte, begann ein unfassbares Martyrium. Völlig unschuldig wurde er an der Grenze festgenommen – und sitzt bis heute im Gefängnis.

Es ist die bittere Realität: Immer mehr Menschen werden in Russland wegen frei erfundener Anschuldigungen des Hochverrats verfolgt. Als Vorwand kann alles dienen – von einem Social-Media-Kommentar unter einem Beitrag verbotener Organisationen bis hin zur Überweisung eines winzigen Betrags an einen Verwandten oder Bekannten in der Ukraine. Auch ausländische Staatsbürger, die gleichzeitig die russische Staatsbürgerschaft behalten haben, sind Verfolgung ausgesetzt. Für sie wird es zunehmend gefährlicher, in das Land zu reisen – selbst wenn es sich nur um kurze Besuche von Verwandten handelt.

„Man durfte nur mit gesenktem Kopf und gebückter Haltung gehen. Er wurde nackt ausgezogen und geschlagen. Er war komplett am Boden zerstört und das war Absicht, um ihm die Hoffnung zu nehmen, dass er jemals wieder freikommen kann. Damit er allem zustimmt und die ihm zugesteckten Dokumente unterschreibt“, schilderte die verzweifelte Mutter, Olga Loschtschinina, dem Onlineportal „Sewer Realii“ nun die fürchterlichen Erfahrungen ihres Sohnes. Sie ist überzeugt, dass der Vorwurf des Hochverrats gegen den 48-Jährigen völlig ohne Grund fabriziert wurde. Er sei einfach zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen.

Michail gilt als sehr strebsam und fleißig.
Michail gilt als sehr strebsam und fleißig.(Bild: Menschenrechtsorganisation Memorial)

Beamte inszenierten Straftat
Der ambitionierte Biker und Gitarrist war seit 1999 in der EU wohnhaft, in den vergangenen Jahren lebte er in Deutschland und arbeitete in Luxemburg als Datenbankadministrator. Verwandte beschreiben ihn als apolitisch. Nach einem Herzinfarkt des Vaters machte sich der Russe demnach mit seinem Motorrad auf den Weg in Richtung der Metropole Sankt Petersburg und überquerte am 1. Juli in Lettland die russische Grenze. Dort hätten die Beamten eine umfassende Kontrolle durchgeführt und auch das Smartphone durchsucht. Dabei seien ihnen ukrainische Handynummern hängengeblieben. „Es gab keinen Grund, ihn festzuhalten, also inszenierten sie eine Provokation an der Grenze. Er musste lange warten und fragte irgendwann: ‘Wo kann ich Wasser kaufen?‘ Man antwortete ihm: ‘Gut, fahr uns mit deinem Motorrad nach, wir zeigen dir den Weg zum nächsten Supermarkt.‘ Er folgte ihnen, plötzlich bogen sie irgendwo ab. Danach wurde er wegen Überschreitens der Grenzzone festgenommen. Das heißt, sie haben ihn absichtlich dorthin geführt, um eine rechtliche Grundlage für seine Festnahme zu haben“, führte die verzweifelte Mutter aus.

Nachricht an Ex-Freundin war „Hochverrat“
Drei Tage lang sei Michail daraufhin nicht erreichbar gewesen, am 4. Juli meldete er sich von einer unbekannten russischen Nummer. Mitarbeiter des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB hätten ihm das Handy und seine Dokumente abgenommen, erzählte er. Man hätte ihm vorgeschlagen, „irgendwo in einem Keller“ zu warten oder auf eigene Kosten in einem Hotel abzusteigen, „wo er sitzen und warten würde, bis sie entschieden hätten, was mit ihm zu tun ist“. Loschtschinin habe das Hotel gewählt – wo er fast ein Monat verbringen sollte. Das Zimmer habe er nie ohne Begleitung verlassen dürfen. Am 2. August sei Michail in ein Gefängnis in der Oblast Belgorod gebracht worden, am 21. August meldete er sich den Angaben zufolge aus einer Haftanstalt in Pskow. Wie er erzählte, würde man ihn des Hochverrats beschuldigen – nur, weil er seiner Ex-Freundin im Jahr 2022 Geld geschickt hatte. „Jetzt zeigt ihr Avatar ukrainische Symbole, aber im Jahr 2022 hatte sie diesen noch nicht“, berichtete Olga Loschtschinina.

Die Aussichten sind düster
Die FSB-Beamten würden in solchen Fällen oft einfach schreiben, dass die Frau, der Michail Geld überwiesen hat, vom ukrainischen Geheimdienst sei und die Überweisung daher ein Verbrechen darstelle, erklärte der Anwalt Jewgeni Smirnow gegenüber „Sewer Realii“. „Es gibt keinen guten Ausweg aus einer solchen Situation. Bis zu 13 Jahre Haft können drohen, und die einzige Chance auf Freilassung hängt nur von einem Austausch ab, für den eine politische Entscheidung erforderlich ist. Michails Gesundheitszustand verschlechtert sich indes vehement. Er sei auch in einer Einrichtung zur Inhaftierung ukrainischer Kriegsgefangener untergebracht worden, erzählte der gebrochene Mann seinem Anwalt. Dort habe man ihn gequält und gedemütigt. Seinen Aussagen zufolge wurde ihm die Brille weggenommen – mit acht Dioptrien sehe er praktisch nichts mehr. Mittlerweile habe sich sogar die Netzhaut abgelöst.

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