Mehr als 7.000 Kinder an 85 Schulen in Wien und Niederösterreich waren für die repräsentative Untersuchung, die auf einen Fünf-Parteien-Entschließungsantrag des Nationalrats zurückgeht, befragt worden. Bei Hochrechnung der erhobenen Daten wurde ein Anteil von 3,5 Prozent bzw. rund 42.700 pflegenden Minderjährigen zwischen fünf und 18 Jahren errechnet, die regelmäßig über einen längeren Zeitraum chronisch kranke Familienmitglieder pflegen und somit überdurchschnittliche pflegerische Verantwortung übernehmen.
Bislang war die Zahl der pflegenden Minderjährigen weitaus niedriger angesetzt worden. So schätzte etwa das Jugendrotkreuz, dass rund 25.000 Kinder und Jugendliche Familienangehörige pflegen. Fast um das Doppelte wurden die bisherigen Schätzungen auch laut Johannitern und Diakonie übertroffen. "Bislang sind wir von 20.000 Kindern ausgegangen", reagierte Michael Chalupka, Direktor der Diakonie Österreich, auf die am Freitag veröffentlichten Zahlen.
Knapp 70 Prozent der Betroffenen sind Mädchen
Das durchschnittliche Alter der pflegenden Kinder beträgt laut Studie des Instituts für Pflegewissenschaften der Universität Wien 12,5 Jahre. 69,8 Prozent sind weiblich. Weder der Wohlstand noch die Herkunft oder die Anzahl im Haushalt lebender Erwachsener haben der Studie zufolge einen signifikanten Einfluss auf die Pflege bzw. unterstützende Haushaltsarbeit und Geschwisterbetreuung durch Kinder.
An negativen Auswirkungen zeigte sich, dass pflegende Kinder deutlich öfter als ihre Altersgenossen unter Müdigkeit, Schlafproblemen, Rückenschmerzen und Kopfschmerzen leiden. Deutliche Unterschiede zeigten sich auch in Bezug auf die psychische Verfassung. Den Aussagen "Ich mache mir oft Sorgen" und "Ich bin oft traurig" stimmten laut Studie pflegende Kinder deutlich öfter zu als nicht pflegende Kinder.
In einem zweiten Studienteil wurden ehemalige "Young Carers" interviewt. Genannt wurden dabei negative Auswirkungen körperlicher, sozialer und psychischer Art, die von übersteigertem Kontrollbewusstsein bis hin zu Schuldgefühlen und Verlustängsten reichten. Oft wurde die Pflegeerfahrung aus Sicht der Betroffenen aber auch positiv assoziiert.
Hundstorfer kündigt Vorschläge zur Verbesserung an
Sozialminister Hundstorfer wertete die Studie - laut Angaben des Ministeriums weltweit die erste, die sich dieser Thematik über einen direkten Zugang zu den pflegenden Kindern und Jugendlichen widmete - als guten Ausgangspunkt, um das bestehende Angebot zu optimieren und neue Unterstützungsformen zu etablieren. Der Minister versprach in einer Aussendung, im kommenden Jahr mit Experten und Vertretern involvierter Organisationen entsprechende Vorschläge ausarbeiten zu wollen.
Aus Sicht der Autoren sind zentrale Punkte zur Verbesserung der Situation zunächst einmal die Bewusstseinsbildung, Enttabuisierung und Entstigmatisierung der Thematik. Außerdem solle das Angebot familienorientierter Unterstützungsmaßnahmen verbessert werden.
Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.
Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.
Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.