20. Jahrestag von 9/11

Die Terror-Angst geht um!

Gesund Konkret
10.09.2021 05:00

Schreckliche Ereignisse aus der ganzen Welt schaffen es via TV, Computer und Zeitschriften in unsere unmittelbare Nähe - und quälen die Psyche vieler Menschen. Was Psychologen raten.

Bereits seit Wochen „flattern“ schlimme Bilder von einstürzenden Hochhäusern und aus Fenstern springenden Menschen direkt in unsere Wohnzimmer. Anlass ist der Terroranschlag in New York, der sich am 11. September zum 20. Mal jährt. „Wir sind nicht die, die 9/11 vor Ort erlebt haben. Wir sind die, denen die Angst über die Medien vermittelt wurde. Terror hat es immer auf der Welt gegeben. Doch die Medien bringen diesen auch zu uns nach Hause. Die Angst, die dabei entsteht, ist für uns persönlich nicht real, und trotzdem erschüttert sie uns bis ins Mark“, bringt es Dr. Georg Weidinger, Arzt und Präsident der Österr. Gesellschaft für TCM sowie Autor des soeben erschienenen Buches „Frei von Angst“, Kneipp Verlag, auf den Punkt.

Es gibt kaum einen Erwachsenen, der sich nicht an das Unglück in New York erinnert. „Ereignisse wie diese, die wir als außergewöhnlich und bedrohlich empfunden haben, speichern wir im Gehirn mit ,Kontextvariablen‘ ab. Das bedeutet, man kann sich daran erinnern, was man selbst an diesem Tag genau getan hat“, erklärt Dr. Cornel Binder-Krieglstein, klinischer- und Gesundheitspsychologe (spezialisiert auf Notfallpsychologie) sowie Psychotherapeut aus Wien.

Die Furcht ist größer, wenn man nah dran ist
Steigt an solchen Jahrestagen die Zahl der Angstpatienten bzw. verstärken sich bereits bestehende -erkrankungen? „Nein, davon gehe ich nicht aus, weil 9/11 bereits lange her ist. Furcht wird eher durch Amokläufe wie z. B. das Wien-Attentat im vergangenen Jahr ausgelöst bzw. mehr - auch, weil dieser Terror in unserem Land, also im näheren Umfeld, passiert ist“, so Dr. Binder-Krieglstein. Die Corona-Pandemie kann auf die Verarbeitung solch psychisch belastender Ereignisse Einfluss haben: „Durch das Virus, das seit rund 1,5 Jahren auch hierzulande grassiert, ist die Stabilität der Psyche in Gefahr. Wenn der ,innere Akku‘ aufgrund der unterschwelligen Pandemieangst ständig mehr leisten muss, hat er weniger Kraft für die Verarbeitung dramatischer Bilder und daraus aufkeimender Ängste“, berichtet der Notfallpsychologe.

Wie kann man sich helfen, wenn die eigene Seele, etwa durch Bilder im Fernsehen, leidet? „Ist das schlimme Ereignis länger her, auf jene Strategien setzen, die einem damals geholfen haben, das Gesehene zu bewältigen. Das gelingt auch mit produktiver Auseinandersetzung - z. B., indem man darüber nachdenkt, wie die Amerikaner als Volk nach 9/11 mit dem Schicksalsschlag umgegangen sind bzw. wie es Betroffene erfolgreich geschafft haben, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Eine andere Möglichkeit wäre, sich nicht zu viel mit Social-Media-Bildern zu beschäftigen und v. a. nicht konkret vorzustellen, wie sich jene gefühlt haben, die in Panik aus den Fenstern der Hochhäuser gesprungen sind. Am besten die Aufmerksamkeit weglenken und darüber nachdenken, was man am Abend Schönes macht. Manchen hilft es auch, an den Tod eines nahen Angehörigen zu denken, der gut bewältigt wurde“, gibt Dr. Binder-Krieglstein Tipps.

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Angst soll niemals unser Handeln dominieren. Glaube und Vertrauen sind gerade dann mehr gefordert denn je.

Dr. Georg Weidinger, Arzt, Präsident der Österr. Gesellschaft für TCM & Buchautor

Weiterhin an das Gute im Menschen glauben
„In beängstigenden Situationen ist es wichtig, den Fokus auf das Gute in und um uns zu lenken, unser eigenes Leben und Umfeld zu sehen bzw. weiterhin an die Menschheit zu glauben. Angst soll niemals unser Handeln dominieren. Glaube und Vertrauen sind gerade dann mehr gefordert denn je“, schlägt Dr. Georg Weidinger in dieselbe Kerbe. Wann benötigen ängstliche Menschen professionelle Hilfe eines Psychologen oder -therapeuten? Dr. Binder-Krieglstein: „Wenn ein oder mehrere Lebensbereiche anhaltend oder massiv beeinträchtigt sind. Dazu zählen die Lebens- (Einkaufen, Wohnen), Arbeits- (kann ich einem Job nachgehen?) und Beziehungsfähigkeit.“

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