St.-Pölten-Entwicklung

Talent-Schmied Chaile: „LAZ-Kinder wollen zu uns“

Christoph Baumgartner, Jakob Knollmüller zu Hoffenheim und jetzt Emilian Metu zu Bayern München - die St. Pöltner Akademie erlebt die erfolgreichsten Tage ihrer Geschichte. Der Talent-Schmied heißt Carlos Chaile. Ihn kennen wir noch gut aus der Bundesliga, von Pasching und dem FC Kärnten. Jetzt ist der Argentinier der sportliche Leiter der St. Pöltner Akademie und der Trainer der U18-Mannschaft. Und er sagt, sogar die Kinder aus den Landesverbandsausbildungszentren (LAZ) wollen zu ihnen.

Carlos, man bringt nicht alle Tage einen Spieler zu den Bayern. Was waren die größten Erfolge der St. Pöltner Akademie?
Wir haben den Futsal-Konvent in Österreich gewonnen mit dem Jahrgang 2003, mit dem gleichen Jahrgang haben wir uns auch für die Endrunde des Schüler-Turniers in Nyon qualifiziert, die dann leider coronabedingt abgesagt wurde. Ansonsten haben wir viele Spieler zu Top-Mannschaften weitergeben können: Nicht nur Emilian Metu zu den Bayern, sondern von Jakob Knollmüller über Kilian Scharner (VfB Stuttgart), bis hin zu Manuel Polster (Wolfsburg) haben es im letzten und diesem Jahr einige Spieler zu einem Deutschland-Klub geschafft. Aber in den österreichischen Ligateams sehen wir auch Spieler unserer Akademie, Marcel Tanzmayr bei St. Pölten, Bernie Zimmermann bei Rapid II., Stefan Feiertag bei den Young Violets. 

Was ist Ihre Spielphilosophie?
Ich habe das Glück, dass ich keinen Verein über mir habe. Das heißt, wir haben freie Wahl. Wir müssen uns nicht die Spielphilosophie eines Bundesliga-Klubs aneignen, wie Rapid oder Red Bull. Unsere Kinder trainieren viel mit dem Ball, weil ich glaube, dass das am wichtigsten ist von den all den Sachen, die die Kinder lernen müssen. Was machen sie, wenn sie den Ball am Fuß haben? Was können sie damit anfangen, welche Möglichkeiten haben sie? Ich möchte, dass sie vieles ausprobieren, verschiedene Positionen spielen, viel Erfahrung sammeln, verschiedene Trainer mit verschiedenen Philosophien kennenlernen.

Wie schaut der Alltag in der Akademie aus?
St. Pölten kann vieles anbieten, wovon ich als Jugend-Spieler nur geträumt habe. Die Burschen haben ein Internat, können gleich zu Fuß zum Training gehen, sie können jederzeit auf den Platz gehen und spielen, sie bekommen Essen und eine großartige Ausbildung. Wenn sie beim Unterricht Probleme haben, bekommen sie Nachhilfe. Wenn wir in der anderen Anlage trainieren, werden sie abgeholt und mit Bussen dorthin gebracht (St. Pöltens Akademie liegt eher zentral in der Stadt, das Internat im östlichen Teil, neben dem Stadion, Anmerkung der Redaktion). Nach dem Training werden sie abgeholt. Sie haben kaum einen Aufwand. Diese Möglichkeiten gibt es kaum anderswo in Österreich. Eine großartige Infrastruktur...

Kann man sagen, dass der Akademie St. Pölten nach Red Bull Salzburg die beste Infrastruktur zur Verfügung steht?
Ja, ich denke schon. Sport wird in St. Pölten überhaupt sehr großgeschrieben. Im Internat sind auch viele Vertreter anderer Sportarten dabei. Auch unser Verband (NÖFV) steht hinter der Akademie, das ist extrem wichtig, wir haben eine starke Rückendeckung. Wir haben drei neue Plätze gebaut, zwei Rasen- und einen Kunstrasenplatz, es wird viel investiert und das sieht man. Die meisten Kinder vom LAZ wollen in die St. Pöltner Akademie. 

Wie ist die Beziehung zum SKN St. Pölten?
Wir haben eine Kooperation. Als Bundesligist muss der SKN St. Pölten (unten im Bild) eine Kooperation mit einer Akademie haben. Da sind wir Partner. Wir haben Spielgemeinschaften in der U18 und in der U16. Viele Spieler von uns trainieren bei den Profis in der Kampfmannschaft mit. Die Zusammenarbeit ist in den letzten Jahren besser geworden. Auch dank Marcel Ketelaer (oben im Bild). Er war Sportkoordinator beim SKN, wir konnten vieles besprechen und zusammenbringen. So kam auch die Kooperation mit dem SKN St. Pölten zustande.

Wie war die Akademie, als Sie hier angekommen sind?
Ich war zuvor Trainer in der Kärntner Akademie, ich kannte sie nur als Gegner. Ich war überrascht, dass da so ein Riesensystem dahinter ist. Wegen des damaligen sportlichen Leiters Andreas Wieland bin ich jetzt hier. Er hat mir die Stelle angeboten und so sind wir hierhergezogen mit meiner Familie. Hier gibt es ganz andere Möglichkeiten als woanders in Österreich. Wir haben viele hauptberufliche Trainer, auch unsere Medizin-Abteilung ist hauptberuflich. Unsere sportwissenschaftliche Abteilung ist hauptberuflich. Das sind Top-Fachleute. Viele von ihnen arbeiten auch mit dem ÖFB und dem Nationalteam zusammen. Auch unsere Therapeuten. 

Wie haben Sie Emilian Metu entdeckt? Er wird bald die Bayern-Offensive verstärken.
Ich kenne ihn schon seit dem Future-Team (U-14-Mannschaft). Seine Entwicklung war wirklich top. Auch im Nationalteam. Ich hab immer gewusst, dass er ein begabter Fußballer ist. Ich habe ihn schon vor einem Jahr zum SKN St. Pölten gebracht. Und dass er jetzt zu Bayern München gekommen ist, spricht für ihn. Er hat das Talent. Das spricht auch für unsere Akademie. Seine Art und Weise, wie er Fußball spielt, war auffällig. Sein Schuss, seine Kreativität, sein Spielverständnis. Er hat außerordentliche technische Fähigkeiten. Das dachte ich mir schon, als ich ihn zum ersten Mal gesehen habe. Ich war nicht überrascht, dass er es zu den Bayern geschafft hat, er ist auch als Mensch eine großartige Person, ich freue mich für ihn.

Was waren Ihre ersten Eindrücke vom Neo-Hoffenheimer Jakob Knollmüller?
Wenn die Kinder in die U14 kommen, kann man noch nicht wirklich sagen, wohin die Reise geht. Beim Jakob war es dann so, dass er schon damals sehr schnell war. Das war das Kennzeichen von „Knolli“. Red Bull wollte ihn haben, aber Gott sei Dank haben wir es geschafft, ihn bei uns zu halten. Gut auch für ihn, denn so konnte er nicht zu Red Bull, sondern nach Deutschland wechseln. Wie auch Kilian Scharner (im Bild unten) vor Kurzem.

Gibt es eine besondere Verbindung zu Hoffenheim? Grillitsch, Baumgartner, Knollmüller sprechen dafür.
Ich finde, dass wir als Akademie das Glück haben, dass die Spieler sich selber aussuchen können, wo sie hinwollen, je nach Leistung natürlich. Wir haben keine besondere Verbindung zu einem deutschen Klub. Ich bin eher stolz darauf, dass wir eine Struktur in der Akademie geschaffen haben, mit einer Spielidee, die in allen unseren Mannschaften der rote Faden ist, vom Future Team bis zur U18. Ich denke, wir arbeiten sehr gut, haben präventive Programme, verhindern so Verletzungen. Wie beim Nationalteam. Wir haben es geschafft, dass wir die Spieler bei uns halten können. Ein Grund dafür ist, dass sie schon ab der U14 von hauptberuflichen Trainern betreut werden. Der U14-Trainer kümmert sich um die Sichtung, aber wir entscheiden im Team, wer zu uns kommen darf.

Was ist die St. Pöltner Spielidee?
Das Spiel im Ballbesitz, wir möchten in diese Richtung gehen. RB-Philosophie, mit viel Physik und Intensität, das können wir uns nicht leisten, weil nicht alle Spieler bei uns körperlich groß sind. Aber wir haben gute Spieler, mit guten Fähigkeiten mit dem Ball am Fuß, deswegen wollen wir mehr Ballbesitz entwickeln. Mehr Richtung Barcelona als RB.

Jetzt sind Sie seit sechs Jahren in St. Pölten. Wer ist Ihre größte Entdeckung?
Bei weitem Christoph Baumgartner. Der „Baumi“ hat schon in der U16 und in der U18 Spiele entschieden. Er hat das Spiel „gelesen“.

Wer ist der nächste, der den Sprung nach Deutschland schaffen könnte?
Dominik Weichselbraun hat sehr gute Fähigkeiten, Linksfuß, Offensivspieler, er präsentiert sich sehr gut zurzeit. Viele Mannschaften interessieren sich schon für ihn.

Was möchten Sie Ihren Spielern mitgeben?
Ich möchte sie so gut wie möglich aufs Leben vorbereiten. Das ist das Entscheidende. Durch den Fußball können sie Gefühle erleben, die sie in anderen Bereichen des Lebens nicht verspüren können: Wenn du gewinnst und dich mit der Mannschaft freust, wenn du verlierst, obwohl du besser warst und es tut weh, wenn du einen schlechten Tag erwischst und die andere Mannschaft besser ist. Du musst mit all diesen Gefühlen umgehen können. Im Leben ist es genauso.

Tamas Denes
Tamas Denes
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