17.02.2021 15:00 |

Große Herausforderung

Wie Süchtigen in Zeiten der Pandemie geholfen wird

Suchthilfe erfordert Beziehungsarbeit - besonders schwierig im Lockdown. Eine neue Studie beleuchtet, was die Distanzierung für die Behandlung von Abhängigen und Suchtvorbeugung bedeutet.

Die Versorgung von Menschen mit chronischen Suchterkrankungen erfordert eine langfristige, vertrauensvolle und kontaktintensive Betreuung. Wie auch in anderen Bereichen führt die COVID-19-Pandemie teilweise dazu, dass bereits bestehende Probleme nun wie unter einer Lupe sichtbarer werden. Schließlich handelt es sich hier um eine Personengruppe, deren psychische Belastungen bereits vor der Krise höher waren, und in Zeiten wie diesen oft weiter steigen.

Experten der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) im Auftrag der Stiftung Anton Proksch-Institut Wien analysierten daher, was die Krise für die Betroffenen und deren Betreuer genau bedeutet: Die wichtigen, oft heiklen Erstkontakte wurden erschwert. „Die Schließung stationärer Einrichtungen, vor allem im ersten Lockdown, hatte negative Auswirkungen auf jene Personen, die zu diesem Zeitpunkt gerade motiviert waren, eine Behandlung zu beginnen. Erfahrungen zeigen, dass es oftmals nur ein kleines Zeitfenster für einen Therapiestart gibt“, so Studienautor Mag. Julian Strizek, GÖG, im Rahmen einer digitalen Pressekonferenz.

Auch mussten gleichzeitig mitunter bereits aufgenommene Patienten aus den Suchteinrichtungen nach Hause geschickt werden. Es wurde zwar versucht, die Situation mit ambulanten Behandlungen und Sozialarbeitern abzufangen, doch beobachtete man etliche Rückfälle. Aufgrund der Isolierung im Privatbereich kam es weiters zu vermehrten Anfragen von Angehörigen, viele Probleme wurden durch die vermehrte Zeit im Familienverbund sichtbar. Unbemerkter oder nicht thematisierter Alkohol- sowe Cannabiskonsum stellten sich plötzlich als Problem heraus. Problematisch auch, dass Präventionsprogramme, etwa in Schulen so gut wie gar nicht stattfinden (konnten).

In vielen ambulanten Suchthilfeeinrichtungen berieten Ärzte im Lockdown Klienten per Internet oder Telefon, was grundsätzlich gut angenommen wurde. Dies stellt aber keinen vollwertigen Ersatz des persönlichen Kontaktes dar, fanden die Studienautoren heraus: „Nicht zuletzt ist das abhängig von der Diagnose. Zum Beispiel kann Videotelefonie bei sozialen Phobien eine angenehme Alternative, bei schweren Traumata hingegen keine Option darstellen. Geht es um stark schambesetze Themenbereiche, zum Beispiel wenn Eltern über Suchtprobleme ihrer Kinder reden wollen, werden anonyme digitale Angebote oft gut angenommen“, erklärt der Psychologe Dr. Alfred Uhl, stv. Abteilungsleiter des Kompetenzzentrums Sucht, GÖG. Manchmal stellten allerdings fehlende technische Ausrüstung oder nicht vorhandene Rückzugsorte für private Gespräche Hürden in der Behandlung dar.

Wie wirken sich die Corona-Krise bzw. die teilweise fehlenden Unterstützungsangebote langfristig auf (potenzielle) Suchtkranke aus? Viele Personen können während einer akuten Krise ihre Funktionsaufgaben aufrechterhalten, psychische Belastungen wirken sich erst in einer Verschnaufpause aus. Zudem steht zu befürchten, dass sich das volle Ausmaß der Auswirkungen erst mit Auslaufen der aktuellen Unterstützungsmaßnahmen - etwa der Kurzarbeit - zeigen wird. Da Suchtverhalten und soziale Probleme häufig miteinander einhergehen, könnten längerfristig die sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie Süchtige stärker treffen als andere Personengruppen. Schon jetzt zeigte sich im Anton Proksch Institut in Wien, eine jener Einrichtungen, die auch in den ersten Wochen der Corona-Krise durchgängig behandelte: „Die Kriseninterventionen, also Situationen, in denen ein Erkrankter akut Hilfe benötigt, sind um 57 Prozent gestiegen. Die Bedürftigkeit ist sichtbar“, so der interimistische ärztliche Leiter Prim. Dr. Wolfgang Preinsperger.

Eva Greil-Schähs, Kronen Zeitung

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