12.02.2021 14:08 |

Kampf ums Überleben

Kinoketten vermieten ihre Leinwände nun an Gamer

Über ein Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie sind die Kinos vielerorts immer noch leer. Die Abstandsregeln und ein voller Kinosaal, das passt nicht zusammen. Um ihre Verluste zumindest ein wenig zu minimieren, haben Kinobetreiber in Südkorea und den USA eine neue Geschäftsidee geboren. Sie vermieten ihre Säle an Videospieler. Die sind begeistert.

„Vor allem die Soundqualität ist absolut umwerfend“, erzählt Eui Jeong Lee der britischen BBC. Die 25-jährige Südkoreanerin hat sich mit einigen Freunden für zwei Stunden in einen Kinosaal von CGV, der größten Kinokette des Landes, eingemietet, um dort Shooter zu spielen. „Das Geräusch der Schüsse ist einfach so lebendig. Als etwas am Bildschirm direkt auf mich zuflog, schrie ich sogar.“

Für die Kinos geht es ums Überleben
Was für Spieler eine spaßige neue Art ist, ihre Lieblings-Games zu erleben, ist für die Kinos eine Überlebensstrategie. Aufgrund der anhaltenden Kontaktbeschränkungen kann man derzeit nur einen 50-prozentigen Betrieb anbieten, außerdem kommen kaum Filme heraus. Also wurde die Idee geboren, die Riesenleinwände in den Kinos an Gamer zu vermieten. Für umgerechnet rund 74 Euro können sie tagsüber zwei Stunden einen Kinosaal mieten, am Abend werden rund 111 Euro fällig. Gaming-PC oder Spielkonsole müssen die Kunden selber mitbringen.

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Mir ist aufgefallen, dass Spiele heutzutage exzellente Grafik und gut strukturierte Geschichten wie im Film bieten.

CGV-Mitarbeiter Seung Woo Han

Die Idee, leere Kinosäle an Gamer zu vermieten, hatte CGV-Mitarbeiter Seung Woo Han. „Mir ist aufgefallen, dass Spiele heutzutage exzellente Grafik und gut strukturierte Geschichten wie im Film bieten. Wenn es also jemand genießt, einen Film im Kino anzusehen, dachte ich, könnte er es auch genießen, ein Computerspiel in einem zu erleben.“

Filmvorführungen sind ungleich lukrativer
Freilich: Zur Alternative für das Filmgeschäft reicht es nicht. Ein halbvoller Kinosaal mit 200 Plätzen würde bei einem Ticketpreis von zwölf US-Dollar pro zweistündiger Vorstellung 1200 Euro einspielen. Ein Vielfaches dessen, was die Gamer-Miete bringt. Aber in einer Zeit, in der Kinos ums Überleben kämpfen, ist es besser als nichts. Mehr als 130 Mal haben sich Gamer bereits in die CGV-Kinosäle eingemietet - zum Großteil Männer zwischen 30 und 40, aber auch Familien mit Kindern oder Paare.

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Es wird zwar immer beliebter, aber es trägt nichts zu unserer Rentabilität bei.

Karen Melton, US-Kinokette Malco

CGV ist nicht der einzige Lichtspielhausbetreiber, der Gamer als Zielgruppe entdeckt hat. Auch in den USA beim Kinobetreiber Malco kann man sich in einen Kinosaal einmieten, um dort zu spielen - oder Heimvideos vorzuführen. Bis zu 20 Personen erlaubt die Kinokette im Saal, der Preis ist mit umgerechnet rund 82 Euro für zwei Stunden vergleichbar mit jenem in Südkorea. Zum Überleben reicht es freilich auch hier nicht: „Es wird zwar immer beliebter, aber es trägt nichts zu unserer Rentabilität bei“, klagt Malco-Managerin Karen Melton.

Kinobetreiber stehen doppelt unter Druck
Ob die kreativen Geschäftsideen abseits des klassischen Programmkinos die Lichtspielhäuser bis zum Ende der Pandemie über Wasser halten, muss sich zeigen. Die Betreiber sind doppelt von der Pandemie betroffen, können einerseits keine gewinnbringenden Vorstellungen organisieren, erhalten aber auch kaum Filmnachschub von den Studios. Diese haben in den letzten Monaten immer öfter auf Streaming-Premieren statt Kinovorführungen gesetzt - und damit Unmut aus der Kinobranche auf sich gezogen.

Dominik Erlinger
Dominik Erlinger
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