13.11.2020 05:59 |

Wirtschatfsforscher:

Österreich fehlen Hightech-Firmen

Die verschärfte Infektionslage in der Corona-Krise rückt mögliche Schulschließungen wieder in den Mittelpunkt. Doch Wirtschaftsforscher warnen: Jeder Tag abseits des Regelunterrichts verschärft die Bildungslücken einer ganzen Generation. An den Folgeschäden könnte die Volkswirtschaft noch lang laborieren: Kaum ein Land steckt mehr Geld in Bildung und Forschung - und holt verhältnismäßig so wenig aus den investierten Euros wie Österreich. Vor allem im Hightech-Sektor droht man den Anschluss an Asien und die USA zu verlieren.

„Beim Geldausgeben sind wir Spitze“, sagt Wifo-Ökonom Jürgen Janger, der das Innovationssystem Österreichs in einer aktuellen Studie untersuchte, zur „Presse“. Und das höre nach der Schule nicht auf. Gemessen an der Wirtschaftsleistung geben die heimischen Unternehmen mehr Geld für Forschung und Entwicklung aus als die Konkurrenz in den allermeisten Ländern. Und auch nur zwei Staaten weltweit geben der Studie zufolge verhältnismäßig mehr Geld für Förderungen in die Innovationskraft ihrer Betriebe aus als Österreich. Die Erfolge seien jedoch überschaubar. „Geld allein reicht nicht“, hält Janger fest.

Österreichs Schülern mangelt es seiner Meinung nach im internationalen Vergleich an Wissen, die Universitäten stechen weder in Masse noch in Klasse mit ihren Publikationen hervor. Lediglich die Zahl der Patente habe in den vergangenen Jahren leicht gesteigert werden können. Es gibt freilich auch Ausnahmen. Den alten Industriegranden rund um die voestalpine und Co. etwa sei das „Upgrade“ hin zu modernen Technologiekonzernen gelungen, was sich auch in der robusten Exportkraft der heimischen Industrie niederschlage. „Was fehlt, sind junge, innovative Unternehmen, die auch zu einer kritischen Größe heranwachsen“, warnt der Studienautor.

In den einschlägigen EU-Vergleichen sehe die Situation gar nicht so schlecht aus. Hier schaffe es Österreich zumindest über den Durchschnitt. Doch: „Die EU sollte nicht unser alleiniger Maßstab sein“, betont Janger. Denn wirklich innovative europäische Volkswirtschaften, wie etwa die Schweiz, würden da ausgeklammert. Und der Rest der EU leide unter ähnlichen oder gar schlimmeren Problemen als Österreich selbst. Hierzulande stehe wenigstens genug Geld zur Verfügung. Die EU hingegen sei bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung bereits von China überholt worden.

Technologische Abhängigkeit zu China
Europa verliere den Hightech-Anschluss, stellte auch der Unternehmensberater Kearney kürzlich in einer Studie fest. Und gleichzeitig begebe sich Europa in technologische Abhängigkeiten - allen voran von China. Auf ein europäisches Hightech-Patent kamen den Angaben zufolge 2019 mehr als zwölf Hightech-Patente aus Fernost. 2014 lag dieses Verhältnis erst bei eins zu drei. So würden mittlerweile etwa 70 Prozent aller Lithium-Ionen-Batterien für Elektroautos in China gefertigt. Europa stelle nur drei Prozent der Lithium-Ionen-Batterien her. Für fast jedes europäische Elektrofahrzeug muss folglich eine Batterie importiert werden.

Die wirtschaftliche Unabhängigkeit gerät dadurch in Gefahr. Schon jetzt hingen „etwa 20 Prozent der europäischen Bruttowertschöpfung“ direkt oder indirekt von Hightech ab, sagt Dieter Gerdemann, Technologie-Experte der Beratungsfirma Kearney. „Verschärfter Protektionismus, lokal begrenzte Tech-Cluster und brüchige Lieferketten machen Europa besonders verwundbar.“ 70 Prozent der befragten europäischen Topmanager planen, Forschungs- und Entwicklungs-Fähigkeiten in ihr Heimatland zurückzuholen.

„Kernkompetenzen konsequent ausbauen“
Österreich müsse vor allem dazu Sorge tragen, dass junge Unternehmen nicht mehr am Wachstum gehindert werden, so das Wifo. Die Betriebe müssten sowohl ausreichend qualifizierte Uni-Absolventen vorfinden als auch besseren Zugang zu Risikokapital erhalten. Die strategische industriepolitische Antwort auf Chinas Aufstieg müsse Brüssel geben.

Gerdemanns Empfehlung für Europa: Die technologischen Kernkompetenzen konsequent auszubauen. Die Einstiegshürden auf dem europäischen Arbeitsmarkt für Mint-Studenten senken und die eigenen Kompetenzen vor interkontinentalen Übernahmen schützen. Nur wenn Europa eigenes technologisches Kapital mit globaler Bedeutung halte, könne eine wechselseitige Abhängigkeit zwischen den Regionen geschaffen werden.

 krone.at
krone.at
Kommentare
Eingeloggt als 
Nicht der richtige User? Logout

Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung.

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Mittwoch, 25. November 2020
Wetter Symbol