31.08.2020 14:02 |

TU-Wien-Untersuchung

Autonome Autos: Ergänzung statt Ersatz für Öffis

Versuche mit autonomen Fahrzeugen laufen seit Jahren - es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis sie zum Alltag gehören. Daher ist es wichtig, sich jetzt Gedanken darüber zu machen, welche gesetzlichen Regeln für solche Fahrzeuge gelten sollen. Ein Forschungsprojekt der TU Wien, koordiniert von Mathias Mitteregger vom future.lab der Fakultät für Architektur und Raumplanung, zeigt: Falsche Regelungen könnten dazu führen, dass der Individualverkehr drastisch ansteigt. 

„Angesichts der globalen Klimakrise und des Ziels, lebenswerte Städte zu schaffen, kann es sich unsere Gesellschaft nicht leisten, eine Technologie zuzulassen, die zusätzliches Verkehrsaufkommen generiert“, sagt Mitteregger. Genau das drohe aber, wenn sich autonomes Fahren ohne gut durchdachte gesetzliche Regelungen durchsetze: Wer entspannt im selbstfahrenden Auto sitze, nehme vielleicht eine viel längere Anreise zum Arbeitsplatz in Kauf. Damit gäbe es Anreize für weitere Zersiedelung, oder für das Errichten von Produktionsstätten und Firmenzentralen weit abseits der Siedlungskerne, wo der Baugrund möglichst billig ist.

„Wir kommen zu dem Ergebnis, dass autonome Fahrzeuge neue Ungleichheiten schaffen könnten“, sagt Mitteregger. „Plötzlich entstehen neue Standortvorteile für ganz bestimmte Firmen und in ganz bestimmten Lagen, die Mobilität verbessert sich nur für Teile der Gesellschaft - für andere allerdings nicht. Hier müssen wir die sozialen Folgen des kommenden Wandels auf jeden Fall im Auge behalten.“

Zugelassen für definierte Betriebsbereiche
In Deutschland liegt nun ein Gesetzesentwurf vor, der autonomes Fahren auf bestimmte „Betriebsbereiche“ beschränken will. Automatisierte Fahrsysteme würden dann zum ersten Mal vom Testbetrieb in den Regelbetrieb wechseln, aber nur für genau definierte Strecken bzw. Streckennetzabschnitte. „Das könnte ein sinnvoller Schritt sein, weil das die Entwicklung weg vom Individualverkehr und eher in Richtung serviceorientierte Mobilität lenken könnte“, meint Mitteregger.

Riskanter Blindflug in die Zukunft
Wenn man für ein selbstfahrendes Auto eine Lizenz für einen bestimmten Betriebsbereich erwerben müsste, dann wäre das in erster Linie für Firmen interessant, die selbstfahrende Mobilität auf Strecken anbieten wollen, die besonders gut für autonomes Fahren geeignet sind - etwa für Fahrten zwischen großen Städten. Für Privatpersonen wäre der Anreiz klein, auf autonomes Fahren zu wechseln. „Das Gesetz in Deutschland kann tatsächlich zu einem Meilenstein werden“, sagt Mitteregger.

„Aus unserer Sicht wäre allerdings wünschenswert, dass nicht alleine technische Daten gesammelt werden, wie es der Gesetzgeber bislang vorschlägt. Es braucht ein Monitoring der Wirkungen: Wer profitiert? Wo wird getestet? Was bedeutet das für die Treibhausgas-Emissionen? Ein Blindflug in die Zukunft wäre in diesem Fall hoch riskant.“

Erweiterung des öffentlichen Verkehrs
Mit den richtigen gesetzlichen Rahmenbedingungen könnte autonomes Fahren in Gegenden, die derzeit nicht gut erschlossen sind, zu einer Erweiterung des öffentlichen Verkehrs werden. „In einer Stadt wie Wien ist der öffentliche Verkehr heute schon sehr gut. Das sollten wir bewahren, autonomes Fahren soll nicht zu einer Konkurrenz für öffentliche Verkehrsmittel oder den Fuß- und Radverkehr werden“, betont Mitteregger.

Gerade im Bereich des Stadtrandes, wo die Intervalle öffentlicher Verkehrsmittel lang sind und die Versorgung nicht in zufriedenstellendem Ausmaß garantiert werden kann, könnte autonomes Fahren dagegen eine Marktlücke schließen. Gleichzeitig müsse geklärt werden, wie effiziente Schnittstellen bzw. Umsteigemöglichkeiten zwischen klassischen Öffis und den neuen autonomen Verkehrsmitteln geschaffen werden könnten.

„Wir können autonomes Fahren so gestalten, dass es uns Vorteile bringt“, ist Mitteregger überzeugt. „Aber wir müssen schon heute ökonomische, ökologische und soziale Auswirkungen mitbedenken, um schwerwiegende Fehler zu vermeiden.“

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