23.08.2020 11:41 |

Streaming unerwünscht

Magere Zeiten für Chinas „Könige der großen Mägen“

Was uns Europäern bizarr vorkommt, ist in Asien ein großer Trend: Internet-Promis filmen sich beim Essen, streamen Mittag- oder Abendmahl und unterhalten damit Millionen Anhänger. Manch „Essens-Influencer“ ist in Asien so populär, dass er vom auf Video gebannten Verzehr köstlicher Speisen leben kann. Doch in China ist vorerst Schluss mit dem Hype: Die Regierung hat den Essens-Streams den Kampf angesagt.

Die Südkoreanerin Muk Sna alias „a.bite“ isst Tag für Tag hübsch angerichtete Teller mit allerlei Köstlichkeiten darauf und lebt gut davon, berichtet die britische BBC. Sechs Millionen Anhänger hat die junge Frau allein auf der Videoplattform TikTok. Täglich schalten sie ein, um Muk Sna beim Essen zuzusehen. Der Internet-Star aus Korea erzählt: „Ich habe in den letzten anderthalb Jahren 270 Teller angerichtet und verzehrt.“

„Könige der großen Mägen“ verunsichert
Der Trend, der vor etwa zehn Jahren in Korea entstand und dort „Mukbang“ („Essens-Ausstrahlung“) genannt wird, hat mittlerweile ganz Asien erobert - auch den Einparteienstaat China. Dort haben Internet-Promis, die sich „Könige der großen Mägen“ nennen, das Erfolgsrezept aus Korea adaptiert. Viele streamten zuletzt mit Erfolg ihre kulinarischen Aktivitäten in chinesische soziale Medien wie die staatlich zensierte China-Variante von TikTok namens Douyin. Und lang war das kein Problem.

Mittlerweile ist es aber eines: Im Staatsfernsehen CCTV gab es zuletzt vermehrt kritische Berichte über Essens-Influencer, die filmen, wie sie Berge von Essen verschlingen. Auch die Social-Media-Firmen, auf deren Plattformen gestreamt wurde, gehen verstärkt gegen „Mukbang“-Videos vor. Sie servieren heute Warnhinweise zum Essensvideo, manch ein Werk der „Könige der großen Mägen“ wurde gar verpixelt. Die Macher der Videos sind verunsichert, viele löschten ihre Uploads aus Angst vor Repressionen.

„Leerer Teller“-Kampagne gegen Verschwendung
Aber warum ist Chinas Regierung neuerdings gegen das sicherlich bizarre, aber an und für sich harmlose Internetphänomen? Der Grund findet sich in einer neuen Kampagne der Regierung in Peking namens „leerer Teller“. Der ungewöhnliche Name - irgendetwas essen wird man wohl noch dürfen - bezieht sich auf die chinesischen Essgepflogenheiten: Üblicherweise wird im Restaurant für jeden Gast ein Gericht bestellt, die dann alle mitten am Tisch stehen, von wo sich jeder bedient. Meist bleibt dabei etwas übrig - und die Regierung rät nun, pro Tisch einfach einen Teller weniger zu bestellen, damit nichts verkommt. Präsident Xi Jinping persönlich hatte jüngst den „Kampf gegen Lebensmittelverschwendung“ ausgerufen.

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Nahrung würdigen, Müll vermeiden und angemessen essen, um ein gesundes Leben zu führen!

Warnhinweis auf Douyin

Riesenportionen verdrückende „Mukbang“-Stars, die ihre Ess-Eskapaden ins chinesische Internet streamen, passen da schlecht ins Bild - und werden nun eben mit Warnhinweisen versehen. Man solle „Nahrung würdigen, Müll vermeiden und angemessen essen, um ein gesundes Leben zu führen“, heißt es etwa bei der TikTok-Schwester Douyin, wenn man ein Essensvideo aufrufen will. Manch ein Essens-Influencer aus China, der seine Felle davonschwimmen sieht, stellt sich nun in den Dienst der Regierung - und wirbt in seinen Videos für weniger Essensverschwendung. Eine beliebte „Mukbang“-Darstellerin war beispielsweise kürzlich der Star eines Werbevideos in der staatlichen „Guangming Daily“, in der sie dem Publikum erklärte: „Aufgewärmtes Essen kann auch superlecker sein!“

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Viele Videoblogger haben Probleme, eine Nische zu finden. Also haben viele einfach angefangen, Lieder mitzusingen - oder zu essen.

Kerry Allen, Experte für Chinas Social-Media-Welt der BBC

Live-Streamer wissen nicht, was sie sonst tun sollen
Kerry Allen, BBC-Experte für Chinas Social-Media-Welt: „Livestreaming und Videoblogs sind zuletzt immer populärer geworden. Aber weil der Staat recht nervös wegen der neuen Freiheiten ist, die diese Medien bieten, und strenge Regeln für Live-Streams im Freien oder als zu verführerisch empfundene Videos erlassen hat, haben viele Videoblogger Probleme, eine Nische zu finden. Also haben viele angefangen, Lieder mitzusingen - oder zu essen.“ Dass Letzteres jetzt mit Warnhinweisen versehen werde, habe viele unerwartet getroffen. Allen: „Die Social-Media-Nutzer haben die Gelegenheit genutzt, jene zu denunzieren, die Teil dieser Nische waren, die über Nacht als verschwenderisch und vulgär gebrandmarkt wurde.“

Für die eingangs erwähnte Muk Sna, die vor allem Fans aus Südkorea, Vietnam und Thailand mit ihren Videos unterhält, bleibt trotzdem noch genug Publikum übrig. Sie hat nur etwa 50.000 Fans in China, von denen viele ihre Videos konsumieren, während sie vor Computer oder Handy allein ihr Abendessen einnehmen. Sie gibt zu bedenken: „Ich hoffe, dass nur die schlechtesten Kanäle davon betroffen sein werden und man sinnvolle und gute Kanäle weiterhin erlaubt. Ich esse in meinen Videos nicht allzu viel und versuche, gesunde Lebensmittel zu konsumieren.“

Dominik Erlinger
Dominik Erlinger
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