Motive, Profiteure

Commerzialbank-Pleite: Jetzt spricht Pucher-Anwalt

Burgenland
13.08.2020 19:00

Causa Commerzialbank: Erstmals äußert sich der beschuldigte und geständige Manager Martin Pucher umfassend in der Öffentlichkeit. Via seinen Anwalt Norbert Wess spricht er über die Gründe für die spektakuläre Bankenpleite, über gefälschte Bilanzen, seine Emotionen und über mögliche Mitwisser oder Mittäter.

„Er ist geschockt und fassungslos. Jetzt, wo er sich das ganze Ausmaß eingestehen muss.“ Norbert Wess erzählt von seinem Mandanten Martin Pucher. Der war Regionalkaiser. Erfolgreich als Banker wie als Fußballmanager des SV Mattersburg. Schulterklopfer an allen Ecken. Nun dominiert er die nationalen Schlagzeilen. Als mutmaßlicher Betrüger. Eine (im wahrsten Sinne des Wortes) Scheinwelt existiert nicht mehr.

Alles begann 1992
Alles begann 1992. Martin Pucher und eine Vorstandskollegin bei der burgenländischen Commerzialbank errichteten sukzessive eine Art Lügengebäude. Es geht um Hunderte Millionen und viele Geschädigte. Am 14. Juli 2020, zwölf Uhr mittags, konnte Martin Pucher nicht mehr.

Und niemand hat etwas davon gewusst?
Er gestand nach intensivem Druck bei Prüfern der Oesterreichischen Nationalbank. Machte eine Selbstanzeige. Wurde einvernommen. Zeigte sich geständig. Nahm alle Schuld auf sich. Abgesehen von seiner Kollegin habe in all den Jahren niemand von den Aktivitäten gewusst - auch nicht Puchers Familie. Was man sich angesichts der Überschaubarkeit des Burgenlandes und der Region Mattersburg sowie des fast 30-jährigen Bestehens der aufgeblähten Geldmaschine kaum vorstellen mag. Unter anderem weil im Aufsichtsrat der Bank ein Vorstand des SV Mattersburg saß. Anwalt Wess: „Bis jetzt gibt es keine Hinweise auf Mittäter oder Mitwisser.“

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Martin Pucher ist kein böser Mensch. Selbst Geschädigte rufen an und sagen uns, dass sie ihm alles Gute wünschen.

Norbert Wess, Anwalt von Martin Pucher

Es habe jedenfalls keinerlei Warnung gegeben, noch rechtzeitig Geld aus dem sinkenden Schiff zu retten. „Es gab Prüfungen, ob es verdächtige Zahlungen rund um den 14. Juli gegeben hat. Nichts zu finden. Außer dem Versuch des Regionalmanagements Burgenland, der scheiterte.“

Wieso hat Pucher all das getan?
Das System funktionierte so lange, wie das Prüfsystem versagte. Doch wieso hat Pucher all das getan? „Es war der Druck seitens des Raiffeisenverbandes. 1992 zählte die Commerzialbank noch dazu. Und durch die immer schärfer werdenden Banken-Regularien.“ Und bald schon habe es den „Point of no return“ gegeben. Rund 400 Millionen für gefälschte Bilanzen, falsche Kredite und Bankbestätigungen zur Verschleierung und Verschleppung der Insolvenz. Insgesamt sollen knapp 700 Millionen versickert sein.

Zwischen acht und zwölf Prozent der Schadenssumme seien in den SV Mattersburg geflossen, vor allem ab 2003, mit dem Aufstieg in die Bundesliga. Profifußball ist teuer. Und Gehälter von Kickern wie Deutschland-Heimkehrer Dietmar Kühbauer musste man sich mal leisten können.

Hat auch die Politik vom System profitiert?
Doch haben auch politische Vereine oder Politiker vom System Pucher profitiert? „Er verneint das vehement. Abgesehen von üblichen Wahlspenden.“ Demnach war das Goldblättchen an den abgetretenen SPÖ-Landesrat Christian Illedits ein Einzelfall? „Ich schließe nicht aus, dass es weitere derartige Geburtstagsgeschenke gab.“

Pucher jedenfalls habe nichts für sich abgezweigt. Vielmehr habe er ein Helfersyndrom, sagt sein Anwalt. „Er hatte für jeden Bittsteller ein offenes Ohr.“ Und: „Martin Pucher hat kriminelle Energien entwickelt, ist aber kein böser Mensch.“ Pucher sei nach dem Geständnis eine Last von den Schultern gefallen. Gesundheitlich aber sei er angeschlagen. Zwei Schlaganfälle hat er hinter sich, er könne kaum gehen. Bank und Fußballverein konnte er dennoch bis zuletzt leiten.

Sein Gehalt als Bankvorstand betrug 350.000 Euro brutto jährlich. Nun gibt es Privatinsolvenz. Es droht ein Prozess (möglich wegen Untreue, Betrugs, fahrlässiger Krida). Bis zu zehn Jahre Gefängnis könnte es im Falle einer Verurteilung bedeuten. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Erich Vogl, Kronen Zeitung

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