07.08.2020 08:00 |

Heilbäder in Böhmen

Teplitz und Karlsbad: Auf Beethovens Spuren

Der große Komponist suchte, wie unzählige andere Prominente, in Teplitz und Karlsbad Erholung und Linderung seiner Leiden - heute kombinieren die berühmten tschechischen Heilbäder klassisches Ambiente mit modernen Kuren. Doch auch ein Kurzbesuch tut gut!

Unser Thermalium hätte auch Beethoven beruhigt: So wirbt Teplitz, Tschechiens ältestes Kurbad, 250 Jahre nach der Geburt des großen Komponisten mit seinem heuer weltweit besonders gefeierten Gast und spielt damit auf dessen legendäres Treffen mit Johann Wolfgang von Goethe an. 1812 kam es beim Spaziergang der beiden Titanen im Kurpark des damals höchst mondänen „Klein-Paris“ genannten Teplitz zum Eklat, weil der hitzköpfige Beethoven Kaiserin Ludowika nicht ehrerbietig Platz machte und dem höflichen Dichterfürsten „zu großes Behagen an der Hofluft“ vorwarf. Die beiden trafen einander nie wieder ...

Erholung im 35 Grad warmen Thermalwasser
Beide Künstler schätzten Böhmens elegante Bäder aber weiterhin. In Teplitz ist sogar das Kurhaus nach Beethoven benannt, Musikbegeisterte können „sein“ Zimmer mit Erinnerungsstücken und Piano bewohnen. Das gesamte Kurhaus besteht aus zwölf Gebäuden und ist das älteste Mitteleuropas, aber mit einem kaum zwei Jahre alten hochmodernen Thermalium. Es hilft auch jenen, die nicht auf Kur sind, sondern einfach das riesige mit 35 Grad warmem Urquellwassser gefüllte Therapiebecken samt Massagefunktionen, Sprudel und Wasserfall oder das auf 29 Grad gekühlte Sportbecken für Schwimmer genießen wollen. Kneipp-Becken mit Kieselboden, Sauna, Dampfbad und Salzgrotte runden das Wellness-Angebot ab.

Die Quelle heilt den Körper - und die Seele
Wer wirklich in Teplitz zur Kur weilt, bekommt mehr als Wohlbefinden geboten. Die seit der Römerzeit bekannte heiße Quelle aus den Tiefen des böhmischen Rhyolit-Gesteins hält, so die Mediziner, die Muskeln in funktionsfähigem Zustand, das Bad verbessert die Beweglichkeit, wirkt präventiv gegen Gelenkdeformierung, unterstützt den Blutkreislauf, vermindert Schwellungen, stimuliert den Knochenaufbau: Insgesamt zählt das Therapieangebot hundert Rehabilitationselemente auf. Dazu kommt die Wirkung einer zwei- bis dreiwöchigen Kur auf die Seele: Der Kurort Teplitz ist nach langem Dornröschenschlaf mustergültig renoviert, wer im weitläufigen Kurpark flaniert und Konzerten lauscht, fühlt sich fast wie zu Kaisers Zeiten, als dort außer Beethoven und Goethe auch gekrönte Häupter aus Österreich, Deutschland, Russland, Schweden und Holland verweilten. Eine entschleunigende Zeitreise für die Seele.

„Rendezvous der Sahnetorten“
Das unweit gelegene, noch berühmtere Karlsbad hat genauso viel Tradition, mindestens genau so berühmte Gäste – inklusive Beethoven und Goethe – und ist doch ganz anders. Viel größer, viel eleganter, bis heute viel mondäner. Unter den berühmten Kolonnaden sieht man und wird gesehen, die großen Hotels – allen voran das legendäre Grandhotel Pupp, Kinofans als Drehort für den James-Bond-Agententhriller „Casino Royale“ aus dem Jahr 2006 bekannt – verbreiten Nobelatmosphäre. Der Stil der Stadt ist geprägt von Historismus und Jugendstil. Architektur-Revolutionär Le Corbusier nannte Karlsbad spöttisch „Rendezvous der Sahnetorten“.

Heute macht man sich über den Zuckerbäckerstil nicht mehr lustig, sondern genießt die opulente Atmosphäre genau wie früher die berühmten Gäste, von Karl Marx, Franz Kafka und Sigmund Freud bis zu Kemal Atatürk und Václav Havel. Das alljährliche Filmfestival im Grandhotel Pupp lockt Stars wie Scarlett Johansson, Helen Mirren, Andy Garcia, Robert Redford und John Malkovich an. Sie alle sind nicht mehr auf Kur – obwohl das natürlich möglich und sehr heilsam ist –, sondern nehmen höchstens ein paar Schlucke des bis zu 72 Grad warmen Mineralwassers aus einem der 14 Trinkbrunnen im Ort zu sich. Die Trinkbecher mit dem typischen Schnabel sind ein begehrtes Souvenir – wie Gläser aus der weltberühmten Manufaktur Moser, heute noch Lieferant mehrerer Königshäuser. Dort werden noch jedes Glas und jede Vase mit der Hand gefertigt.

Als kleines Mitbringsel sind die berühmten Karlsbader Oblaten in vielen Geschmacksvariationen beliebt – und natürlich der Kräuterlikör Becherovka, der seit 1807 in Karlsbad nach demselben Rezept erzeugt wird. Ein bittersüßes Stamperl nach dem Essen wirkt nach dem üppigen böhmischem Essen wie eine kleine Kur. Gesundheitsfans können vor der Mahlzeit ja noch ein Becherchen warmes Mineralwasser zu sich nehmen. Das hilft dem Körper – und beruhigt das Gewissen!

Brigitte Egger, Kronen Zeitung

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